BIM-Informationsmanagement: Kulturwandel hin zur Prozessorientierung im Bauwesen.

Die Umstellung auf eine integrale und kooperative Arbeitsmethodik mit Bauwerksinformationsmodellen (BIM) ist ein hoch aktuelles Thema für die an der Wertschöpfung im Bauwesen partizipierenden Akteure.

Eine effektive Einführung von modellbasierten Arbeitsprozessen im Unternehmen erfordert ein gesamtheitliches Change-Management, dass sich nicht nur auf die Umstellung auf eine BIM-fähige Software und die Qualifizierung von Mitarbeitern beschränkt, sondern vielmehr einen Kulturwandel bei internen als auch organisationsübergreifenden Ablaufstrukturen nach sich zieht.

Während die Aufbauorganisation eines Bauprojekts, je nach Größe und Komplexität variiert und die Zusammenstellung einer Organisationsstruktur sich nach der benötigten Fachexpertise richtet, bleiben die Teilaufgaben bei der Durchführung einer (Fach-)Planung je Projektphase immer gleich. Die Zerlegung von Aufgaben in planbare und steuerbare Teilprozesse ist dabei der Kern der Ablauforganisation, die Effizienz bei der Umsetzung von Arbeitsabläufen spiegelt die Produktivität und die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens wider. Hier liegt die größte Motivation warum sich immer mehr Planer und Ausführende Unternehmen der Methode BIM, sei es als little, big, closed oder open BIM Ansatz, verschreiben und die Vorteile für sich nutzen.

Der nachhaltige Erfolg bei der Einführung von BIM im Unternehmen und bei der Durchführung eines „BIM-Projekts“ hängt jedoch entscheidend von klaren Regelwerken und einer eindeutigen organisationsinternen und übergreifenden Kommunikation von (BIM-)Prozessen und Schnittstellen ab.

„Es geht um Mehrwert, Produktivität und Wertschöpfung und nicht um eine Zwangs-Digitalisierung als Selbstzweck!“ (BIMiD-Leitfaden, 2018)

Regelwerke als Grundlage einer nachhaltigen Produktivitätssteigerung
Regelwerke in Form von Modellierungsstandards, Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA) oder eines BIM-Abwicklungsplans (BAP) beschreiben die Ziele, Anforderungen und Methoden der modellbasierten Zusammenarbeit. Das BIM-Informationsmanagement, als Teil dieses Regelwerks, spielt beim organisationsinternen und vor allem organisationsübergreifenden Informationsaustausch eine zentrale Rolle. Durch die Nutzung von abgestimmten, standardisierten BIM-Prozessen bietet sich vor allem für die Gebäudetechnik als wichtiger Strukturgeber für den Planungsprozess, die Möglichkeit viel stärker in frühen Projektphasen einzuwirken und ein besseres Verständnis für die Anforderungen der modellbasierten Rechen-, Auslegungs- und Analyseverfahren bei anderen Akteuren zu erzielen.

Nachholbedarf bei der Umsetzung einer prozessorientierten Arbeitsweise mit digitalen Gebäudemodellen
Die Notwendigkeit einer Prozessorientierung für Bau- und Planungsunternehmen bei der Arbeit mit Bauwerksinformationsmodellen legen auch die in diesem Jahr zahlreich erschienenen Normen zum Thema BIM-Informationsmanagement dar.

Die im April 2018 als Entwurf erschienene DIN EN ISO 19650 - Organisation von Daten zu Bauwerken – Informationsmanagement mit BIM – Teil 2 formuliert die notwendigen Rahmenbedingungen und Anforderungen an Informationslieferungsprozesse.

Die im Januar 2018 erschienene DIN EN ISO 29481 Bauwerksinformationsmodelle – Handbuch der Informationslieferungen – Teil 1: Methodik und Format beschreibt das von buildingsmart entwickelte IDM-Format (Information Delivery Manual; deutsch: Informationslieferungshandbuch) auf Grundlage des in der Betriebswirtschaft etablierten BPMN-Standards (Business Process Manual Notation) und erläutert detailliert die Nutzung von Prozessdiagrammen zum Informationsaustausch von BIM-Daten.

Die als Entwurf veröffentlichte VDI Richtlinie 2552 Blatt 3 – Building Information Modelling – Datenmanagement lehnt sich an der internationalen Normung an und greift das Thema der Prozessorientierung und der Strukturierung von BIM-Daten auf. Im bisher noch nicht veröffentlichten Blatt 7 der Normenreihe wird das Thema Prozessmodellierung intensiviert und detailliert beschrieben werden.

In der Praxis lässt sich feststellen, dass der Reifegrad von BIM-Softwareprodukten aus technischer Sicht kein Hemmnis mehr zur Nutzung digitaler Planungsmethoden darstellt. Hingegen besteht bezüglich der Umsetzung einer koordinierten, prozessualen Arbeitsmethodik für den modellbasierten Informationsaustausch auf Grundlage der erwähnten Normen noch großer Nachhol- als auch Entwicklungsbedarf.

Die Erstellung von BIM-Prozessdiagrammen wird bei vielen Planungsunternehmen, die gerade mit BIM anfangen oder erste Erfahrungen in einem „Big-Open-BIM Projekt“ sammeln oft als lästiger und unnötiger Mehraufwand aufgefasst. Das Potenzial, dass sich durch die Standardisierung von Informationslieferungsketten und Schnittstellen auftut wird noch oft verkannt und es Bedarf großer Überzeugungsarbeit seitens des BIM-Managements einen prozessorientierten Informationsaustausch, der für eine gelungene kooperative Arbeitsweise essenziel ist, bei den beteiligten Akteuren durchzusetzen.

„Die Wertschöpfung steckt in geschlossenen und optimierten Prozessketten und nicht im BIM-Modell!“ (BIMiD-Leitfaden, 2018)

Der BIMiD-Leitfaden 2018 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie setzt genau an dieser Stelle an indem er die Veränderungen des BIM-Planungsprozesses im Vergleich zu einer „konventionellen Planung“ darstellt und  den Bedarf eines klaren Prozessverständnisses bei Planern und Ausführenden in den Fokus rückt.

Notwendigkeit des Informationsaustauschs über standardisierte BIM-Prozessdiagramme
Zentraler Bestandteil der modellbasierten Zusammenarbeit mit BIM ist die Abstimmung von Modellentwicklungsgraden (engl. Level of Information Need, kurz: LoIN) und von Prozessen zu Beginn eines Projekts. Über den Modellentwicklungsgrad werden Festlegungen zum Modellinhalt und zur Modellqualität im zeitlichen Kontext getroffen. BIM-Prozesse hingegen beschreiben interne und externe Schnittstellen und liefern notwendige Informationsaustauschanforderungen (IAA; engl. Exchange Requirement, kurz: ER). IAA beschreiben eine Menge an Informationen, die zur Erstellung einer spezifischen Aufgabe benötigt werden und werden mit Hilfe des IDM-Formats entsprechend DIN EN ISO 29481 in standardisierter Form kommuniziert.

In meiner Tätigkeit als BIM-Manager unterscheiden wir in unseren Projekten alle BIM-Prozesse in integrale (organisationsübergreifend) und interne (organisationsintern) Prozesse. Interne BIM-Prozesse dienen vor allem den jeweiligen Akteuren, um Ihre Arbeitsabläufe zu strukturieren und durch wiederholbare Teilprozesse zu systematisieren. Diese Prozesse können immer wieder für neue Projekte eingesetzt werden und müssen, wenn überhaupt, nur geringfügig angepasst werden. Integrale BIM-Prozesse unterliegen einer starken Abhängigkeit zur allgemeinen Projektorganisationsstruktur und müssen je nach Konstellation, Anforderung und Projektzielen neu bewertet bzw. evaluiert werden. Beispiel für einen integralen BIM-Prozess ist die S/D-Planung.

Datenbankbasiertes BIM-Prozessmanagementsystemen
Als Quelle für alle im Projektteam eingesetzten BIM-Prozesse dient ein durch die E3D-Ingenieurgesellschaft entwickeltes BIM-Prozessmanagementsystem (E3D-PMS). Das E3D-PMS bietet eine Zuordnung von Akteuren bzw. Gewerken zu BIM-Prozessen und ermöglicht den Projektbeteiligten eine Online-Bearbeitung, Verwaltung und Versionierung von BIM-Prozessdiagrammen auf Grundlage des IDM-Formats. Über eine Gesamtprozesslandkarte werden die Einzelprozesse übersichtlich im Gesamtkontext strukturiert.

Handlungsempfehlungen zur Einführung einer prozessorientierten Arbeitsweise
Die Umstellung auf eine prozessorientierte Arbeitsweise erfordert in Unternehmen der Baubranche zu allererst die Erkenntnis, dass BIM mehr bedeutet, als der reine Austausch von typisierten Geometrien, die mit Attributen versehen und automatisiert auf Kollisionen geprüft werden können. Die hinkende Produktivität im Bauwesen wird mit digitalen Planungswerkzeugen nur entscheidend gesteigert werden können, wenn der gesamtheitliche Gedanke eines digitalen Gebäudes als strukturierte Datenbasis für Planungs-, Bau-, und Betriebsprozesse in unserer Planungskultur etabliert ist. Dies wird sicherlich noch einige Zeit dauern und Überzeugungsarbeit brauchen. Überzeugte Pioniere gibt es zwar auch schon reichlich aber noch lange nicht genug. Die Einführung einer prozessorientierten Arbeitsweise wird nicht von heute auf morgen stattfinden können, es sollte aber mittlerweile auch den Skeptikern klar sein, dass es keine Frage mehr ist ob sich BIM als Standard-Planungsmethode flächendeckend durchsetzen wird sondern wann. Daher ist es jetzt die richtige Zeit eigene, erste Erfahrungen in BIM-Pilotprojekten zu machen und die Weichen für eine Prozessorientierung Ihres Unternehmens zur Steigerung der Produktivität zu stellen.

Autor

M.Sc. Architekt Jaroslaw Siwiecki

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