Die Zukunft der Arbeit – Doomsday-Szenarien überwinden!

Projektmanagement

Beim Blick auf die öffentliche Debatte über die Zukunft der Arbeit dominieren zu oft zwei Sichtweisen. Zum einen scheint die Digitalisierung unserer Arbeitswelten zuvorderst eine Frage der Bandbreiten und der Algorithmen und damit der Technik zu sein. Zum anderen lassen uns zahlreiche volkswirtschaftliche Studien keine Hoffnung auf eine für alle verträgliche Zukunft der Arbeit, geht es doch anscheinend nur darum, ob sich die Arbeitsplatzverluste eher bei 20% oder 60% bezogen auf die derzeitigen Beschäftigungsverhältnisse einpendeln. Leider sind beide Sichtweisen unvollständig und vermitteln ein verzerrtes Bild der Digitalisierung der Arbeit, das uns zugleich in unseren Handlungsoptionen einschränkt. 

Fragliche Studien lähmen unsere Anpassungsfähigkeit 

Die britische Royal Society hat in einer aktuellen umfangreichen Meta-Studie, im Zuge derer mehr als 100 Studien zur Zukunft der Arbeit untersucht worden sind, herausgefunden, dass ein sehr großer Teil der auf dem Markt befindlichen Studien mit großer Vorsicht zu genießen sind, da sie zu sehr auf einschränkenden Modellannahmen beruhen und zudem selten vergleichbar sind. So unterscheiden sich die Studien nach den betrachteten Zeiträumen und Ländern, den Bezugsgrößen (Beruf vs. Tätigkeit), dem Ausmaß der Berücksichtigung von intersektoralen Wirkungen, den Annahmen über das Ausmaß der Investitionsvolumina, die Produktivitätsentwicklung, die Verfügbarkeit von Technologie im Zeitverlauf und die „Verwundbarkeit“ der Berufe je nach Qualifizierungsgrad. Zudem kann Kostendruck in verschiedenen Branchen die Automatisierung unvorhersehbar beschleunigen. Letztlich müssen die technisch bedingten Risiken des Jobverlustes eben nicht mit den ökonomischen Realitäten übereinstimmen. Hinzu kommt, dass die meisten Studien interdisziplinäre Wirkungen nicht mit in den Blick nehmen. Hierzu gehören bspw. die unterschiedliche Auswirkung der Technologie auf verschiedene Gruppen der Gesellschaft, die Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstandes in Folge der Technologienutzung, die Wechselwirkung mit anderen ökonomischen Rahmenbedingungen wie bspw. der Marktkonzentration oder die Lohnkonkurrenz zwischen unterschiedlich Qualifizierten.  

Wir sollten uns daher nicht durch in den Medien zugespitzte Schreckensszenarien abschrecken lassen, bereits heute proaktiv Maßnahmen in Angriff zu nehmen, die dazu dienen, den Übergang in eine komplett digitalisierte Arbeitswelt zu meistern. Und zur Bewältigung des Wandels gehört eben nicht die schon zu Anfang erwähnte Reduzierung der Digitalisierung auf die Bandbreitendiskussion oder aber auf die Algorithmen, die leider allzu häufig einhergehen mit der Vorstellung, dass „ethisch einwandfreie“ Algorithmen schon nicht dazu führen würden, dass wir eben dieses volkswirtschaftliche Schreckensszenario erleben müssen. „Technik hat für den Menschen da zu sein und nicht umgekehrt“ ist eine leider häufig gehörte Leerformel, die letztlich auch als Themenpopulismus verstanden werden kann, da sie die betriebliche Transformation in unzulässiger Weise verkürzt und das Antwortschema der Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf den digitalen Wandel auf eine nur reaktive Angstposition reduziert. 

Deutsche Unternehmen technisch und vor allem kulturell bisher schlecht aufgestellt 

In einer durch unser Haus in Auftrag gegebenen Meta-Studie zum Stand der digital bedingten betrieblichen Transformation des deutschen Mittelstandes sind wir daher auch zu dem Ergebnis gelangt, dass leider weder technisch noch (sehr viel weniger) kulturell der Wandel bisher in Angriff genommen worden ist. Es fehlen zumeist umfangreiche digitale Transformationsstrategien, Vorstellungen über potenzielle und digital bedingte Disruptionen des eigenen angestammten Geschäftsmodells oder Arbeitskulturen, die es ermöglichen, digitale Werkzeuge im größeren Umfang im Alltag überhaupt einsetzen zu können. IT wird nach wie vor nicht als Querschnittsaufgabe sondern in der alleinigen Zuständigen „der IT“ gesehen. Crowdworking ist nach wie vor ein Fremdwort im Unternehmensalltag. Standardunternehmenssoftware wird weiterhin ganz überwiegend für die Archivierung, das einfache Dateimanagement aber in viel zu geringem Umfang für die in- und externe Kommunikation genutzt. Die Nutzung mobiler Endgeräte wird immer noch als Statusfrage betrachtet, so dass auch der Anteil der Frauen, die diese Geräte nutzen können, um den Faktor 3 unter denen der Männer liegt (obgleich Frauen mit den relevanteren Kommunikations-Apps sehr viel besser kommunizieren können). Mobiles Arbeiten – auch als Ansatz zur Bewältigung des Fachkräftemangels – findet sich erst bei ungefähr jedem 4. Arbeitsplatz, bei dem dies eigentlich grundsätzlich möglich wäre. Gehalts- und Hierarchiegefüge sind nach wie vor bestimmender für die Bereitstellung von Diensten und Produkten als die gute Idee der eigenen Angestellten.  

Ohne kulturellen Wandel keine technologische Weiterentwicklung? 

Der „Fall“ (im doppelten Sinne?) der deutschen Autoindustrie, wenn es darum geht, einen kulturellen Wandel einzuleiten, der zwingend einhergeht mit der Digitalisierung der Arbeit und unseren Lebenswelten sowie geänderten Konsumentenpräferenzen, sollte uns als Beispiel dafür dienen, wie die Existenz einer ganzen Branche dadurch gefährdet wird, dass man nicht auf Kundenwünsche und mögliche digitale Disruptoren aus bisher „unverdächtigen“ Branchen eingeht. Abschließend könnte die These aufgestellt werden, dass den derzeitigen Anpassungsproblemen der deutschen Autohersteller weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Ursache zugrunde liegt; vielleicht sind es die mit der digitalen Transformationen einhergehenden Kulturen der absoluten Kundenfokussierung, der Kommunikation auf Augenhöhe mit diesen Konsumenten, des beständigen Infragestellens gewohnter Prozesse, letztlich der Auflösung der strikten Trennung zwischen „Innen“ und „Außen“, die eine derzeit nicht zu überwindende Herausforderung für die technische Mindset in den Köpfen der Entscheider darstellen? Vielleicht ist die Kultur eine sehr viel größere Baustelle für die deutsche Ingenieurstradition als die in den eAutos steckende Technologie? 

Autor

Dr. Ole Wintermann
Bertelsmann Stiftung
www.bertelsmann-stiftung.de

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