Officina Humana: Das Büro als Lebensraum für Potenzialentfaltung

Projektmanagement

"Gestalte die Umgebung um, versuche nicht, den Menschen umzugestalten."

(Buckminster Fuller)

Die Welt der Arbeit ist im Wandel. Die Produktion von Gütern ist längst automatisiert. Auch administrative Tätigkeiten werden zunehmend von intelligenten Maschinen geleistet. Ein Ende der Dynamik ist nicht absehbar. Im Gegenteil: Durch Innovationen im Bereich von Robotik und künstlicher Intelligenz werden künftig noch viel mehr angestammte menschliche Tätigkeiten auf Computer und Maschinen übertragen werden. Smart Factorys ohne Arbeitskräfte sind bei weitem keine Utopie mehr, die Industrie 4.0 ist ein erklärtes Ziel der Politik. Nur dort, wo Abläufe gesteuert werden, wo Strategien ersonnen und Produkte entwickelt werden, wo Innovationen und Visionen generiert werden – nur (oder doch: vor allem) dort wird künftig noch in Fleisch und Blut gearbeitet: im Büro. Es avanciert zur Kommandobrücke, zum Gehirn – zum Steuerungsinstrument, wo nicht nur ein Unternehmen, sondern letztlich auch die Welt gestaltet wird.

Doch ausgerechnet dieses Mastertool des Wirtschaftens wird sträflich vernachlässigt. Wer heute ein Büro einrichtet, fragt in der Regel nur nach Funktionalität und Effizienz der Räume. Man kalkuliert, wieviel Quadratmeter ein Mensch benötigt, um gut zu funktionieren. Man fragt hingegen nicht, welcher Qualitäten ein Raum bedürfte, damit die Menschen in ihm nicht bloß funktionieren, sondern – was sehr viel mehr ist – lebendig sein und effektiv arbeiten können. Das Resultat liegt auf der Hand: Die meisten Büros gleichen Wüsten: Toträumen, die Menschen schwächen und entkräften; die weit davon entfernt sind, Energie zu stiften oder zu begeistern.

In durchschnittlichen Büroräumen unserer modernen Arbeitswelt sind Schöpfergeist und Kreativität unmöglich. Und das tut uns nicht gut. Es schadet langfristig nicht nur den Menschen, die sich in den toten Räumen plagen, es schadet auch den Unternehmen im Besonderen und der Volkswirtschaft im Allgemeinen. Dem Büro nicht genügend Aufmerksamkeit zu widmen, wird uns am Ende allen teuer zu stehen kommen.

Büros sind heute meistenteils nach Maßgabe eines Denkens gestaltet, das seine Werte und Parameter ausschließlich von dem erhält, was der Philosoph Max Horkheimer die instrumentelle Vernunft nannte: das Vermögen des Menschen, die Welt, in der er lebt, so zu gestalten und zu organisieren, dass sie im Dienste der von ihm gesetzten Zwecke und Interessen steht. Die instrumentelle Vernunft oder auch Zweckrationalität (Max Weber) dominiert unser heutiges Wirtschaften total. Ihre Ideale heißen: Effizienz, Funktionalität, Produktivität, Profitabilität, Rentabilität.

Bei allem, was sie sieht, fragt sie: „Was bringt mir das?“ oder „What’s in for me?“ Sie liebt die raschen, „smarten“ Lösungen von raschen, „smarten“ Leuten. Sie drängt auf Optimierung der Abläufe und Beschleunigung der Prozesse. Sie bemisst Menschen und Dinge nach ihrer Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit. Sie schafft sich eine Welt, in der die Menschen sich nur noch als Instrumente oder Funktionsträger sehen können, deren Tun nur in dem Maße sinnvoll und bejahenswert ist, in dem es seinen Zwecken dient. Das Tun für sich verliert an Eigenwert.

Kreativität braucht Schönheit

Reine Funktionalität engt jedoch ein, und wenn wir eng sind, sind wir ängstlich. Ganz anders geht es uns, wenn wir vom Geist der Poesie durchdrungen sind. Dann werden Herz und Denken weit, dann öffnen sich uns neue Horizonte. Es öffnet sich ein Raum zwischen den Menschen, in dem das Neue, Unerwartete sich zeigen kann. Nicht die Funktion, sondern die Schönheit ist das Ideal der Poesie. Und Schönheit ist, um Friedrich Schiller zu bemühen, „lebendige Gestalt“ oder „gestaltetes Leben“. Das ist etwas ganz anderes als „optimierte Prozesse“. Es ist ein Spiel und keine Technik, es ist das Werk der Kunst und nicht der Strategie.

Der Weg zu Kreativität und Schönheit ist zumeist nicht gradlinig. Oft sind es die verschlungenen Pfade, auf denen das Neue begegnet. Der Geist der Funktionalität hat die Tendenz, das Leben und die Arbeit zu kanalisieren, der Geist der Poesie dagegen liebt es zu mäandern. Wir täten gut daran, das zu berücksichtigen, wo das Büro der Zukunft als ein Lebensraum für Potenzialentwicklung entworfen wird. Humane Büros haben Fluss-Charakter. In ihnen dürfen Prozesse mäandern, denn auf diese Weise finden sie das Tempo, das ihnen wirklich angemessen ist. Ganz so wie ein Fluss durch die Ausbildung seiner Schleifen die Fließgeschwindigkeit entschleunigt und das ihm angemessene Tempo findet.

Durch Kanäle werden Prozesse gepresst. Der Druck ist hoch. Die Menschen halten sich am Rand auf, flüchten an die Peripherie. Negativer Stress entsteht, Kreativität vertrocknet. Ganz anders, wo es unbegradigt zugeht: Mäandernde Prozesse halten die Balance. Potenzialentfaltung braucht das. Wer ihr den Raum gewähren möchte, den sie nötig hat, ist gut beraten, jener alten Weisheitstradition zu folgen, die in den Klöstern mit Erfolg gelebt wird: Auf jede Kreation folgt die Re-Kreation.

Diese Methode der Mönche findet durch die moderne Hirnforschung Bestätigung: Bei negativem Stress stolpert die linke Gehirnhemisphäre über die rechte, so lange, bis es nichts mehr zu stolpern gibt. Die rechte Hirnhälfte trocknet dann aus. Auf diese Weise geht verloren, was menschliche Arbeit heute am dringendsten braucht: Emotionalität, Kreativität und Co-Kreation, Motivation und Intuition. Durch das bewusste Einbauen von Intervallen, auch im Berufsalltag, bekommt die rechte Gehirnhemisphäre Gelegenheit zu regenerieren.

Durchdränge neuerlich ein Geist der Poesie und Schönheit unsere Arbeitswelt, unsere Gesellschaft würde sich zum Guten wandeln. Nicht dadurch, dass man den Menschen immer neue äußere (extrinsische) Anreize wie Geld und Karriere bietet, sondern indem man ihnen ein Umfeld schafft, worin sie ihren eigenen Antrieb, ihre eigene Begeisterung (intrinsisch) entfesseln können.

Für viele Menschen ist der Arbeitsplatz der Ort, an dem sie die meiste Zeit ihres bewussten, wachen Daseins verbringen. Gelänge es, dort ein Umfeld zu schaffen, das ihrer Potenzialentfaltung dienlich ist, das ihr Gehirn gedeihen lässt und ihre Seele nährt, dann wäre dies ein Segen für die Welt auch außerhalb des Büros.

Autor

Jan Teunen (*1950) ist Unternehmensflüsterer. Als Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH unterstützt er seine Kunden darin, ihr kulturelles Kapital und ihre Wirtschaftskraft zu mehren. Er begleitet sie bei der Entfaltung nachhaltiger Unternehmenskulturen und trägt dazu bei, dass sie mit sich und der Welt im Einklang sind. Er entwickelt individuelle und kreative Konzepte für eine wirkungsvolle Kommunikation und begleitet ihre Realisierung in Zusammenarbeit mit erstklassigen Partnern. Zu seinen Kunden gehören: Arbeiter Samariter Bund, dm-drogerie markt, Lufthansa AG, RhönSprudel, designfunktion Gesellschaft für modere Einrichtung mbH und USM Haller.

Er ist Kuratoriumsmitglied der Burg Giebichenstein / Kunsthochschule Halle und hat dort eine Professur für Designmarketing inne.

Er ist Fellow und Mentor der Akademie für Potenzialentfaltung und Ehrenmitglied des GENISIS Institute for Social Innovation and Impact Strategies in Berlin.

Jan Teunen ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder und lebt und arbeitet seit 1977 auf Schloss Johannisberg im Rheingau.

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