Warum fällt es Unternehmen oft so schwer, Additive Fertigung erfolgreich einzuführen?

Wo bleibt die additive Revolution?

Im Frühjahr 2013 formulierte der damalige US-Präsident Barack Obama: „Der 3D-Druck hat das Potenzial, die Art und Weise, wie wir fast alles machen, zu revolutionieren.“ Zu dieser Zeit war die Additive Fertigung jedoch schon länger nichts Neues mehr, denn sie wurde bereits in den 80er-Jahren entwickelt. Heute, sechs Jahre später, können wir feststellen, dass die Revolution immer noch auf sich warten lässt und es wohl eher eine Evolution sein wird, die uns die Additive Fertigung beschert. Deshalb zu glauben, dass immer genug Zeit vorhanden sein wird, um sich auf anstehende Veränderungen vorzubereiten, kann jedoch eine fatale Fehleinschätzung sein.

Innovationsbereitschaft ist überlebensnotwendig

Aktuelle Studien haben herausgefunden, dass in den USA rund 27,7 Millionen (14,1 %) der Erwachsenen unter Schwerhörigkeit leiden. In Deutschland sind die Werte laut einer Studie der Jade Hochschule aus dem Jahr 2017 relativ ähnlich. 11,1 Millionen (16,2 %) der Erwachsenen sind hierzulande von Schwerhörigkeit betroffen. Ab einem bestimmten Grad der Schwerhörigkeit sind Patienten auf ein Hörgerät angewiesen. Damit dieses Hörgerät seine volle Wirkung entfalten kann, kommt es auf den perfekten Sitz im Gehörgang an. Nun ist dieser Gehörgang bei jedem Menschen unterschiedlich geformt. Die Hörgeräteindustrie hatte dafür lediglich eine relativ unzufriedenstellende Antwort: Standardgeräte, die mehr oder weniger gut passten. Seit einiger Zeit ist das zum Glück nicht mehr so, denn dank Additiver Fertigung ist es nahezu selbstverständlich, dass ein Hörgerät individuell angepasst wird und somit perfekt in den jeweiligen Gehörgang passt. Das Dramatische an dieser Veränderung war die Geschwindigkeit, mit der sich die additive Technologie in den USA durchgesetzt hat. In weniger als 500 Tagen hat die Industrie einen vollständigen Wandel durchlaufen, indem die konventionelle Herstellung von Standardgeräten zu 100 % durch die Additive Fertigung von Maßgeräten substituiert wurde. Alle Unternehmen, die diesen Wandel nicht vollzogen haben, sind aus dem Markt ausgeschieden. 500 Tage!

Viele Unternehmen tasten sich zu vorsichtig ans Thema heran

2015 betrug der weltweite Umsatz, der mit additiv gefertigten Bauteilen erzielt wurde, rund 1,9 Milliarden Euro, was ganz beachtlich für eine Technologie ist, die erst an der Schwelle zum massenhaften Einsatz steht. Laut aktuellen Studien soll sich das Marktvolumen bis 2030 fast verzehnfachen auf 22,5 Milliarden Euro. Es ist also nicht die Frage, ob die Additive Fertigung auf breiter Ebene Einzug in Unternehmen halten wird, sondern wie. Vorausschauende Unternehmen beschäftigen sich deshalb bereits heute intensiv mit der Frage, wie sie die Additive Fertigung sinnvoll nutzen können und suchen deshalb nach 3D-druckbaren Bauteilen in ihren Beständen. Wenn Sie auch dazu gehören, dann sollten Sie auf jeden Fall weiterlesen, denn dieser Weg wird Sie nicht zum Ziel bringen. Sie zäumen das Pferd gerade von hinten auf. Warum?

Was verspricht die Additive Fertigung?

Im Vergleich zu konventionellen Fertigungsverfahren stehen in der Additiven Fertigung andere Materialien zur Verfügung, die mit einem anderen Prozess verarbeitet werden. Dabei zeigt die Additive Fertigung dort ihre Stärken, wo die konventionelle Fertigung an ihre Grenzen stößt, und setzt dort an, wo Konstruktion, Design und Fertigung anders gedacht werden müssen, um zu neuen Lösungen zu gelangen. Konkret bedeutet das, dass die Additive Fertigung:

  • die Herstellung von höchst komplexen Strukturen ermöglicht, die gleichzeitig extrem leicht und stabil sind.
  • ein hohes Maß an Designfreiheit gewährt.
  • Funktionsoptimierungen und –integration erlaubt.
  • das Herstellen kleiner Losgrößen zu angemessenen Stückkosten ermöglicht.
  • den Weg für eine starke Individualisierung von Produkten ebnet.
  • in absehbarer Zeit Einzug in die Serienfertigung von Endbauteilen halten wird.

Entscheidend ist der Business Case

Doch jetzt kommt das große Aber: Die Additive Fertigung ist kein Substitut, sondern etwas völlig Neues. Es ist ein Trugschluss, sich davon die billigere Herstellung bestehender Teile zu erhoffen, da sie in vielen Fällen um einen Faktor x teurer ist als die konventionelle Fertigung. Deshalb ist ein sinnvoller Business Case für den Einsatz der Additiven Fertigung unerlässlich, eine Neuinterpretation der Funktionserfüllung mithilfe additiven Designs, eine Betrachtung der Bauteilkosten nach dem Lifecycle-Prinzips, ein neues Verständnis für Qualitätsanforderungen, Zulassungsverfahren etc. und ein umfangreicher Change-Prozess im Unternehmen, damit dieses Herstellverfahren als zusätzliche Option innerhalb der Organisation seinen vollen Nutzen entfalten kann. In diesem Zusammenhang bedarf es beispielsweise eines eigenen Projekt-Teams, dem eine bestehende oder neu zu entwickelnde Baugruppe oder ein einzelnes Bauteil überantwortet wird. Diesem Team müssen die Kompetenz und das Budget mit auf den Weg gegeben werden, um eine Baugruppe bzw. Bauteil vollkommen neu zu entwickeln – in dem vollen Bewusstsein, dass es mit Additiver Fertigung deutlich teurer wird. Wenn dadurch jedoch der Kundennutzen um einen Faktor 10 gesteigert, die Prozesskosten um einen Faktor 10 gesenkt oder die Lieferzeiten um einen Faktor 10 verbessert werden können, dann wiederum macht Additive Fertigung natürlich Sinn, denn dann hilft sie einem Unternehmen, radikal innovativ zu sein.

Beratung vom Fertigungsexperten

Die FIT Additive Manufacturing Group (https://fit.technology) ist ein langjähriger Spezialist für den 3D-Druck und begleitet Unternehmen aus verschiedenen Branchen als erfahrener Guide in der Umsetzung dieser radikalen Innovationen. Als Mitglied des Netzwerkes „Mobility goes Additive e.V.“ arbeiten die FIT Experten derzeit im Arbeitskreis Change Management an einem Leitfaden für die erfolgreiche Einführung der Additiven Fertigung in Unternehmen, der im ersten Halbjahr 2019 erscheinen wird und über den Verein zu beziehen ist.

Autor

Oliver Cynamon
Head of Business Development FIT AG

Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre war Oliver Cynamon 10 Jahre als Unternehmensberater und danach 10 Jahre in verschiedenen Funktionen als Verwaltungsrat, Vorstand und Geschäftsführer in der Druck- und Medienindustrie tätig. Seinen Weg in die Additive Fertigung begann er 2013, als er ein Start-Up Unternehmen gründete, das individualisierbare Lifestyle-Produkte im Premiumsegment mithilfe des 3D-Drucks herstellte und über einen Online-Shop verkaufte. Seit Juli 2017 ist Oliver Cynamon Teil des FIT-Teams und für das Business Development verantwortlich, das zum Ziel hat, auf internationaler Ebene neue Märkte und Produkte zu entwickeln und erschließen.

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