Wie hängt der aktuelle Fachkräftemangel mit der fehlenden Standardisierung in der Bauindustrie zusammen?

Die aktuelle Situation in der Bauindustrie ist, dass der Markt boomt und viele Baufirmen sich in einer sehr guten Auftragslage befinden. Viele Aufträge müssen allerdings zeitlich aufgeschoben  oder müssen abgelehnt werden, da keine Arbeitskräfte oder Partnerfirmen zur Verfügung stehen, um die Aufträge abzuarbeiten. Dies resultiert auch daraus, da sich die Arbeitsproduktivität in der Bauindustrie in den letzten Jahrzehnten nicht merklich gesteigert hat. Man hat im Gegensatz zu anderen Branchen, wie Anlagenbau und Automobilbau, die damaligen Megatrends verschlafen und  wenig an der Standardisierung seiner Produkte und Prozesse gearbeitet. Hieraus resultiert, dass man den Absatzanstieg kurz- und mittelfristig nur durch mehr Arbeitskräfte ausgleichen kann. Hier buhlen aktuell aber alle Branchen und Firmen um gute Arbeitskräfte, dies zeigt auch die aktuelle Befragung der deutschen Bauindustrie (03/2018). Laut dieser Umfrage sagen 79% der befragten Baufirmen, dass der aktuelle Fachkräftemangel ihr größtes Geschäftsrisiko ist. 2010 waren es hingegen nur 21% der befragten Firmen.

Was hat nun der Fachkräftemangel mit Lean und Standardisierung zu tun?

Viele Baufirmen tun sich aktuell sehr schwer bei der Einführung von Lean Management und bei der Digitalisierung Ihrer Prozesse. Also Themen, die eine Standardisierung der Bauprozesse und der Bauprodukte voraussetzen. Die chaotischen Planungsprozesse und Bauprozesse lassen sich aktuell nur sehr schwer digitalisieren.

Die klassischen Fertighaushersteller haben in den letzten Jahrzehnten schon viel Vorarbeit geleistet. Man hat sich hier schon überlegt, was kann man schon in der Produktion erledigen um es nicht vor Ort auf der Baustelle zu machen. Außerdem haben die Fertighaushersteller meist die komplette Wertschöpfungskette vom Vertrieb, über die Planung, der Produktion und das Aufstellen der Gebäude in der eigenen Firma und wenige Schnittstellen.

Dadurch, dass man schon in Varianten am Produkt denkt, kann man sich nun auch in der Umsetzung beginnen, dass man in der Linie fertigt, Logistikprozesse optimiert und standardisiert, dass man ähnlich der Automobilindustrie in der Linie und mit einem Takt arbeitet. Auch Themen wie das Herstellen von kompletten Modulen lässt sich realisieren, die auf der Baustelle nur noch zusammengefügt werden.

Bei Haas wendet man die Modularisierung beim Technikmodul an. Diese Technikmodule sind komplett eingerichtet mit Heiz-, Lüftung, Elektro- und Wasseranschluss, und sind ab dem ersten Tag fertig und einsatzbereit. In den Tagen nach dem Aufstellen, wird direkt neben dem Technikmodul, das restliche Fertighaus bestehend aus Wand-, Decken- und Dachelementen aufgestellt. Das Haus muss nur noch an die fertigen Anschlüsse verbunden werden.

Eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes ist das Haas Flexhome. Die ca. 40 m² großen Module kommen komplett eingerichtet mit allen Anschlüssen, Decken, Wänden und Böden auf die Baustelle und können innerhalb von 3 Tagen nach Produktion auf Streifenfundamenten aufgestellt werden. Die Raumaufteilung und viele der Details kann der Kunde mitgestalten. Und wenn es einmal woanders hingeht, zieht das Haus in Zukunft einfach mit.

Diese Ansätze erleichtern natürlich die Standardisierung aller firmeninternen Prozesse ungemein. Schon im Vertrieb, kann man seinem Kunden in kürzester Zeit einen Fixpreis nennen und ihm sein Haus im digitalen Model zeigen. Auf diese erste Planung kann man dann die gesamte weitere Planung aufbauen und digitalisieren. Auch die Disposition und die Abstimmung mit allen Lieferanten, lässt sich hier digital abbilden. In der Produktion kann nach Lean Production Management Gesichtspunkten, die Fertigung im Fluss nach einem festen Takt bauen. Auf der Baustelle selbst finden dann die letzten notwendigen Produktionsprozesse statt und die Module werden zusammengesetzt.

Der Kunde hat einen großen Vorteil, da er durch einen standardisierten Projektablauf von Haas geführt wird. Auf der Baustelle spürt er die kurze Bauzeit und den schnellen Einzug in sein Haus. Die aktuelle Durchlaufzeit lässt sich auch noch weiter auf ca. die Hälfte reduzieren. Hierbei soll in Zukunft Lean Management bei Haas helfen. Im fertigen Haus trifft der Kunde auf eine höhere Bauqualität im Vergleich zu einem herkömmlichen Haus.

Durch diese Art der Wertschöpfungskette, wird durch ein Insourcing, die Wertschöpfung von der Baustellenfertigung in eine Werkstattfertigung umgewandelt. Hierdurch erhöht man die Qualität des fertigen Hauses aus Sicht des Kunden. Aber auch aus der Sicht der Mitarbeiter ist die Attraktivität der Arbeitsplätze in der Produktion natürlich um einiges höher, als wenn man den ganzen Arbeitstag Wind und Wetter ausgesetzt ist und jede Woche an einem anderen Ort arbeitet. Es ist aber auch schon jetzt zu beobachten, dass sich durch Lean und die Digitalisierung, die Art der Arbeit in den administrativen Abteilungen wandelt. In Zukunft wird es nicht mehr den herkömmlichen Sachbearbeiter geben, sondern werden Mitarbeiter benötigt, die auf der einen Seite das Produkt kennen und diese in digitale Modelle bringen können. Es werden auch Mitarbeiter benötigt, die Prozesse in der Produktion und auf der Baustelle mit Lean Methoden standardisieren können.

Autor

Christoph Marquardt
Beschäftigt sich mit dem Lean in der Bauindustrie und in Produktionsbetrieben schon seit 2010. Aktuell arbeitet er als Lean Manager bei der Haas Fertigbau GmbH, die Einfamilienhäuser, Gewerbebauten für die Industrie und Landwirtschaft realisieren. Er hat unzählige Lean Projekte begleitet in den Bereichen Baustelle, Produktion und Administration. Er ist als Referent auf Konferenzen und an Hochschulen tätig. Im Jahr 2017 war er Mitautor am Buch „Lean Construction – das Managementhandbuch“.

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