Das war die Dritev 2020, erstmal vollständig digital und corona-sicher – Eine Nachlese

„Geben wir den Verbrennungsmotor zu früh auf…?“

Die Experten haben Zweifel, dass die Verkehrswende hin zur Elektromobilität zeitnah gelingen kann. Auch ökologische und ökonomische Interessen müssen noch in Einklang gebracht werden. Der Internationale VDI-Kongress Dritev (Drivetrain Transmission Electrification in Vehicles) hat zum ersten Mal vollständig digital stattgefunden. Vom 24. bis 25.06.2020 präsentierten die Fachleute die neuen Entwicklungen im Bereich Getriebe bzw. Powertrain.

Der Verbrennungsmotor könnte in dem Antriebsmix von morgen wieder eine Rolle spielen. Seit Corona müssen viele Grundannahmen auf dem Weg in die automobile Zukunft überdacht werden. Auch der Gesetzgeber muss seine Positionen überprüfen.

2050 als Wendepunkt?

Emissionsneutrale Mobilität ist eines der höchsten Ziele der Ingenieure. Euphorie für eine zeitnahe Umsetzung dieser Herausforderung, z.B. durch Elektromobilität, besteht aktuell nicht. Die meisten Teilnehmer der Dritev gehen davon aus, dass erst ab dem Jahr 2050 mehrheitlich klimafreundliche Fahrzeuge auf den Straßen fahren werden.

Einige glauben, dass es sogar erst 2060 soweit ist. Ein besonders pessimistischer Teilnehmer vermutet sogar, dass es erst 2100 geschieht. Das ist das Ergebnis einer Online-Befragung während der zentralen Podiumsdiskussion auf der Dritev. Hier hatten die Teilnehmer die Möglichkeit sich interaktiv zu beteiligen. Neben Chat-Diskussionen und Fragerunden waren sie u.a. aufgerufen ihre Meinung per Online-Voting abzugeben.  

Corona-Pandemie – Rückkehr zum eigenen Auto

Angesichts der gegenwärtigen Pandemie glauben 55 Prozent der Dritev-Teilnehmer, dass die Autobauer ihre CO2-Ziele in diesem Jahr ebenfalls nicht erreichen werden. Stattdessen glauben sogar 58 Prozent, dass OEMs und Zulieferer gezwungen sein werden, ihre Investitionen in klimaschonende Antriebstechnologien zu senken.

Gleichzeitig könnte der öffentliche Personenverkehr deutlich zurückgehen, denn die überwältigende Mehrheit von 79 Prozent nimmt an, dass die Corona-Pandemie zu einer regelrechten Renaissance der individuellen Mobilität führen wird. Eine Abkehr von öffentlichen Verkehrsmitteln hin zum Auto, aber eben auch zum Fahrrad oder E-Roller könnte bevorstehen.

E-Fuels als intelligente Lösung aktueller Probleme

Elektromobilität betrachten alle Teilnehmer als mögliche und sinnvolle Option, doch glauben die Diskutanten mehrheitlich, dass es ein Fehler sein könnte, die bewährte und kostengünstige Technik des Verbrennungsmotors zu schnell aufzugeben. „E-Fuels könnten helfen, die Emissionen dieser bekannten Technik weiter zu reduzieren“, findet z.B. Tom McCarthy. Er arbeitet im Research and Innovation Center bei der Ford Motor Company in Dearborn (USA). Die Idee einer CO2- und Schadstoffreduktion durch E-Fuels, also Synthetische Kraftstoffe, unterstützt auch Wolfgang Berger, Senior Partner bei der Beraterfirma Roland Berger aus Stuttgart. Diese solle man weiter ausbauen und mit grüner Energie produzieren. Das würde insbesondere kurz- und mittelfristig helfen, die Klimaziele zu erreichen. Langfristig könne man damit sogar Flugzeuge und Schiffe versorgen. Er gibt darüber hinaus zu bedenken, dass rund ein Drittel aller Fahrzeuge nicht auf dem amerikanischen, europäischen oder chinesischen Markt zugelassen werden. Insbesondere sei dies z.B. in Südamerika der Fall. Auch für diese Märkte bräuchte man tragfähige Zukunftslösungen, denn diese Länder hätten noch einen deutlich weiteren Weg vor sich, sofern sie ihren Verkehr ebenfalls vollständig auf Elektromobilität umstellen wollten. Viele dieser Länder, insbesondere jene in Afrika, könnten es sich vermutlich gar nicht leisten.

Kundenwünsche berücksichtigen

„Stellen Sie sich vor, Sie wollen Pizza essen gehen. Dann schaut der Kellner sie an, mustert Sie und sagt Ihnen: Nein, sie bekommen keine Pizza. Zu Ihnen passt besser Salat“, sagt Prof. Dr. Lutz Eckstein. Er ist Direktor am Institut für Kraftfahrzeuge (ika) an der RWTH Aachen. Man könne dem Kunden nicht vorschreiben, was er zu wollen habe. Stattdessen rät der Wissenschaftler und Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik der Automobilbranche sich auf ihre Stärken zu besinnen und ihren innovativen Charakter beizubehalten. Statt strikt auf Elektro- oder Verbrennungstechnik zu setzen, solle man sich trauen visionär zu sein. Dabei könnten auch für ihn E-Fuels ein möglicher Weg in die klimaneutrale Zukunft sein.

Den Blickwinkel ändern (Life Cycle Assessment-Betrachtung)

Auf dem Weg zur Klimaneutralität fordert Eckstein, den Gesetzgeber stärker in die Pflicht zu nehmen. Er glaubt, dass der Blickwinkel noch nicht optimal gewählt wurde, um ein ganzheitliches Bild zu bekommen und die Situation vollständig korrekt bewerten zu können. Er kritisiert die Zentrierung des Blickwinkels auf CO2-Werte oder Emissionsrichtwerte durch den Gesetzgeber. Natürlich seien diese auch wichtig, könnten aber langfristig den Blick auf das Wesentliche verfälschen. „Es ist falsch nur die lokalen Emissionswerte eines Fahrzeugs zu betrachten und als Maßstab heranzuziehen. Es verlagert das Problem nur, verhindert aber nicht generell den CO2-Ausstoß“, sagt der Wissenschaftler. Daher empfiehlt er dem Gesetzgeber, eine Life Cycle Assessment-Betrachtung (LCA), also die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Produktes.

Diese systematische Analyse der Umweltwirkungen von Produkten während des gesamten Lebensweges („from cradle to grave“ also „von der Wiege bis zur Bahre“) sei zwar sehr komplex, man müsse es der Politik aber genau erklären, warum dies der wirklich sinnvolle Blickwinkel sei, so Eckstein.

Sauberere Städte durch leichtere Fahrzeuge

Eckstein nennt darüber hinaus ein Beispiel, wie man verhältnismäßig einfach bereits mittelfristig Schadstoffwerte, insbesondere in Städten, reduzieren könnte. So empfiehlt er z.B. eine enorme Gewichtsreduktion von Fahrzeugen. Es mache keinen Sinn mit Autos durch Städte wie Hamburg zu fahren, die ein bis zwei Tonnen wögen. Leichtbaufahrzeuge, die wenige hundert Kilo wögen, seien doch viel sinnvoller in Städten. Dafür gibt es aktuell jedoch keine gesetzlich vorgeschriebenen Richtwerte. Möglicherweise ein erster Hinweis für die Politik, wie man Städte trotz Verbrennungstechnik sauberer machen könnte.

Mut zu Kooperationen

Einen Ausweg aus der Krise der Industrie, die sich insbesondere durch die Corona-Pandemie zugespitzt hat, sehen die Experten in umfassenden Kooperationen untereinander. Dies könne helfen, immense Kosten einzusparen; insbesondere bei der Entwicklung von Zukunftstechnik, findet z.B. Wolfgang Berger. Die Fachleute rechnen nämlich damit, dass die Autobauer generell weniger Geld in unerprobte Zukunftstechnologien, wie z.B. das autonome Fahren investieren werden. Dies sei aktuell finanziell einfach zu riskant, da ungewiss sei, ob sich diese Milliardensummen je auszahlen werden. „Viele haben ein hohes, ungeahntes Potenzial für Kooperationen“, sagt Eckstein. Durch die Zusammenarbeit würde man nicht notwendigerweise in Konkurrenz zueinander treten oder sich gar kannibalisieren. Es könnte sogar das Gegenteil bewirken, nämlich ein wichtiger Baustein aus der Krise sein. 

Die Dritev findet 2021 wieder in der gewohnten Location in Bonn statt.

Kostenloses Whitepaper zur Veranstaltung zum Download

Holistic Design Approach for Electric Drives
Autor: Dr.-Ing. Peter Fietkau, Dipl.-Ing. Niklas Lamparsky, Dr.-Ing. Michael Felbermaier, Dr.-Ing. Annette Fröhlcke, Dipl.-Ing. Thomas Conze, Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG, Weissach

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