„Autonome Lkw sollten grundsätzlich elektrifiziert sein“

Einride-CEO Robert Falck berichtet über erste Pilotprojekte im automatisierten Warentransport

Heute noch eine Vision – in wenigen Jahren bereits Alltag? Ein automatisierter Warentransport würde nachhaltige Vorteile für alle Beteiligten bedeuten. Zu den Vorreitern in diesem Bereich zählt Einride, ein Startup aus Schweden, das sich aktuell insbesondere auf kleine und mittelgroße Nutzfahrzeuge konzentriert. Als derzeit einziges Unternehmen in Europa darf Einride bereits autonome Elektro-Lkw auf öffentlichen Straßen betreiben. Das Pilotprojekt läuft gemeinsam mit DB Schenker in Schweden. Darüber hinaus ist ein weiterer Testbetrieb mit Lidl Schweden in Vorbereitung. Im Vorfeld der 4. Internationalen VDI-Konferenz Autonomous Trucks beantwortete der Unternehmensgründer und CEO Robert Falck unsere Fragen.

Welche Hauptvorteile erwarten Sie von autonomen Lastwagen in Bezug auf Öko-Effizienz und Sicherheit?

Robert Falck: Wir wollen Elektro-Lkw auf die Straße bringen, um die großen Umweltprobleme rund um den Straßengüterverkehr zu lösen, der für etwa 7 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist. Mit der Substitution von Diesel durch Strom können wir diese Emissionen um bis zu 90 Prozent reduzieren und NOx-Emissionen sowie ultrafeine Rußpartikel, die für die Gesundheit der Menschen schädlich sein können, eliminieren.

Die Kombination eines elektrischen Antriebsstrangs mit selbstfahrender Technologie hilft uns, nachhaltig und effizient zu arbeiten. Wir glauben, dass das autonome, elektrische Transportsystem (AET) von Einride das Potenzial hat, die Betriebskosten für den Straßengüterverkehr um bis zu 60 Prozent zu senken und gleichzeitig die Verkehrssicherheit zu verbessern.

Wie können autonome Lastwagen dazu beitragen, die öffentliche Akzeptanz von Logistik und Transport zu erhöhen?

Robert Falck: Auf unterschiedliche Weise. Erstens ist der Straßengüterverkehr ein geeignetes Segment, um mit dem Einsatz autonomer Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen zu beginnen. Es sind keine Menschen an Bord, man kann mit dem Transport von Gütern außerhalb von Städten, in Industriegebieten, Häfen und ähnlichen - teilweise in abgezäunten Gebieten und teilweise auf öffentlichen Straßen - beginnen. So kann die Gesellschaft schon jetzt die Vorteile eines zukünftigen Mobilitätssystem erfahren, das auf autonomen Fahrzeugen basiert. Fragen der Infrastruktur, der Regulierung und der öffentlichen Akzeptanz können im Laufe der Zeit behandelt werden.

Auch Fragen der Nachhaltigkeit werden für die Verbraucher immer wichtiger. Wenn wir zeigen können, dass autonome Elektrofahrzeuge dazu beitragen, Verbraucherprodukte nachhaltiger zu machen, kann dies, unserer Meinung nach, die Einstellung der Menschen zu autonomen Fahrzeugen positiv beeinflussen.

Die Elektrifizierung des Antriebs und das autonome Fahren sind zwei Megatrends, die natürlich technologisch unabhängig voneinander sind. Beeinflusst das eine Thema dennoch das andere?

Robert Falck: Das sollten sie. Zum einen wird die Ausrüstung von Diesel-Lkw mit selbstfahrender Technik die negativen Auswirkungen des Straßengüterverkehrs verstärken und würde eine Katastrophe für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen bedeuten. Selbstfahrertechnik hat das Potenzial, die Kosten für den Transport von Gütern zu senken. Dies wird jedoch höchstwahrscheinlich das Volumen der transportierten Güter erhöhen und dazu führen, dass mehr Lastwagen auf der Straße fahren und noch mehr fossile Brennstoffe verbrennen. Die Kombination von autonomem und elektrischem Antrieb ist daher unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit von entscheidender Bedeutung.

Wie ich bereits erwähnt habe, hilft uns die selbstfahrende Technologie auch dabei, das Geschäftsmodell automatischer Transporte zu verbessern. Wenn man die Fahrerkabine entfernt, erhält man ein kleineres, leichteres und flexibleres Fahrzeug, das für den Elektroantrieb optimiert ist. So kann man beispielsweise die Batterien langsam aufladen, sodass sie länger halten, weil kein Fahrer im Leerlauf wartet. Man kann auch rund um die Uhr fahren, weil es keinen Fahrer gibt, der sich ausruhen oder Pausen einlegen muss. Wichtig hierbei ist, dass der Fahrer in unserer Lösung nicht überflüssig wird, sondern vom Lkw in eine Leitstelle umzieht, um die Flotte autonomer, elektrischer Fahrzeuge zu steuern.

Wie könnten vielversprechende Geschäftsmodelle der Zukunft aussehen?

Robert Falck: Die Zukunft des Transports ist nach unserer Vorstellung ein vollautomatisches, digitalisiertes System, von der Bestellung bis zur Lieferung von Waren. Durch die Nutzung der neuesten Fortschritte in der Sensortechnologie, im maschinellen Lernen, im Cloud Computing, in der Hochgeschwindigkeits-Breitband- und Batterietechnologie können wir nachhaltige, kostengünstige und sichere Transportdienste anbieten - ein deutlicher Kontrast zu dem heutigen System, das schmutzig, ineffizient und unsicher ist.

Für welche Anwendungen wird die Technologie zunächst zur Verfügung stehen?

Robert Falck: Unser Ansatz ist es, in Industriegebieten, Häfen und ähnlichen Orten – außerhalb der städtischen Zentren und mit weniger komplexen Verkehrssituationen –zu beginnen und von dort aus schrittweise zu expandieren. Wir sehen, dass andere Akteure einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Wir haben Beispiele im öffentlichen Verkehr mit selbstfahrenden Bussen gesehen, die in bestimmten Gebieten Passagiere auf festen Strecken befördern. Wir glauben, dass autonome Fahrzeuge in den Innenstädten noch Jahre entfernt sind.

Was sind Ihre Wünsche bezüglich der Regulierungen für autonome Nutzfahrzeuge?

Robert Falck: Wir sind der Meinung, dass es bei den politischen Entscheidungsträgern Besorgnis darüber geben sollte, den Einsatz selbstfahrender Technik in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor zuzulassen. Die Transportnachfrage wird weiterhin enorm sein, heutzutage getrieben durch Dinge wie E-Commerce. Selbstfahrende Fahrzeuge können durchaus die Kosten des Straßengüterverkehrs senken, was höchstwahrscheinlich zu mehr Fahrzeugen auf den Straßen führen wird. Das wird die negativen Umweltauswirkungen des Straßengüterverkehrs verstärken, nicht mindern. Die Entwicklung von autonomen Fahrzeugen muss daher mit der Elektrifizierung und anderen Arten von sauberer Energie einhergehen. Regierungen und Institutionen wie die EU spielen eine wichtige Rolle, um anhand von  Vorschriften sicherzustellen, dass sich Automobilunternehmen, Transportindustrie und Energieunternehmen in diese Richtung entwickeln.

Wir wünschen uns auch mehr Maßnahmen im Bereich der Infrastruktur, zum Beispiel im Hinblick auf die Elektrifizierung und die Einführung von Ladestationen für selbstfahrende Fahrzeuge. Ebenso wichtig ist es, dass die Infrastruktur so gestaltet und weiterentwickelt wird, dass sie mit autonomen Mobilitätssystemen funktioniert.

Robert Falck, Unternehmensgründer und CEO Einride