Autonome Trucks werden die Wertschöpfungskette grundlegend verändern

Mobility as a Service und neue Supply Chain Lösungen

Dr. Gerhard Nowak, Partner bei Strategy& Deutschland, leitet die Internationale VDI-Fachtagung Autonomous Trucks am 27. und 28. März 2019 in München. Im Interview richtet er vorab den Blick auf Schwerpunkte der diesjährigen Veranstaltung sowie auf die Themen, welche die Branche generell derzeit bewegen.

Der Weg in die Zukunft mit autonom fahrenden Lkw scheint klar erkennbar zu sein. Was bedeutet diese Entwicklung für Nutzfahrzeughersteller sowie für bewährte Wertschöpfungsketten in der Transportwirtschaft?
Die Wertschöpfungskette wird sich zukünftig signifikant verändern. OEMs werden weitere Aufgaben übernehmen und durch Mobility as a Service (MaaS) als Wettbewerber zu ihren eigentlichen Kunden, den Transportunternehmen, in den Markt einsteigen. Diese Serviceangebote werden das zentrale Geschäftsmodell, den Verkauf von Nutzfahrzeugen sowie die Wartung und den Ersatzteilvertrieb, langfristig ergänzen. Auf diese Weise sind OEMs bestrebt, mögliche Umsatzeinbußen durch den Verzicht auf die Fahrerkabine, die 30 Prozent des Fahrzeugwertes ausmacht, zu kompensieren. Es wird eine zentrale Aufgabe der Fahrzeughersteller sein, entsprechende Servicemodelle zu entwickeln und auch mit Partnerunternehmen zu kooperieren, um MaaS zu koordinieren und erfolgreich zu machen. 

Wann und in welchen Anwendungsbereichen werden sich aus Ihrer Sicht autonome Nutzfahrzeuge zuerst durchsetzen?
Wir werden autonome Lkw zunächst in abgesperrten Bereichen finden, wie es auch heute schon in ersten Use-Cases getestet wird. Weitere Anwendungsbereiche sind Situationen mit kontrollierbaren oder wenigen humanen Interaktionen. Hierzu zählt zum Beispiel Autonomous Yard Manouvring in Distributionszentren, um den Fahrer, der mit dem Lkw noch klassisch auf öffentlichen Straßen unterwegs ist, von diesen Tätigkeiten zu entlasten und seine Fahrzeit zielgerichtet zu nutzen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls der autonome Transport von Gütern auf ausgewiesenen Autobahnspuren vorstellbar. Aufgrund der bestehenden Infrastruktur und besonderer Regulierungsvoraussetzungen sehe ich hier in den USA den schnellsten Einsatz.

Was sind die wesentlichen technischen oder rechtlichen Hindernisse auf diesem Weg?
Technisch muss natürlich ein System entwickelt werden, welches absolut zuverlässig arbeitet, gegen Cyberattacken immun ist und den Endkunden bei seiner Aufgabe nachhaltig unterstützt. Hierzu müssen auch die infrastrukturellen Voraussetzungen, zum Beispiel das 5G-Netz, flächendeckend zur Verfügung stehen. Zuverlässige Voraussetzungen für den Betrieb eines autonomen Nutzfahrzeugs durch eine eindeutige Regulatorik sind ebenso zwingend notwendig. Aber nicht nur Technik und Regulatorik sind gefragt, sondern auch Themen wie entsprechende Versicherungsleistungen, die den neuen Betriebsbedingungen Rechnung tragen. 

Welche Rolle werden Künstliche Intelligenz und Konnektivität dabei spielen? 
Künstlicher Intelligenz im Sinne von selbstlernenden Systemen wird eine zentrale Bedeutung zukommen. Da nicht alle möglichen Situationen des Alltags trainiert werden können, muss das System selbstlernend auf die sich ändernden Randbedingungen reagieren können. Hier ist meines Erachtens noch konkreter Handlungsbedarf gegeben, um die Systeme umfassend einsetzbar zu gestalten. Konnektivität hingegen wird heute bereits von verschiedenen OEMs effektiv umgesetzt. Spezielle Getriebesteuerung werden durch Informationen von vorausfahrenden Lkw auf der gleichen Strecke beeinflusst, um die richtige Schaltstrategie zu wählen. Hier besteht aber auch noch weiteres Ausbaupotential, beispielsweise beim Austausch von Informationen über die Car2Car-Connectivity. Damit kann der Verkehrsfluss besser gesteuert werden, um auf Gefahrensituationen rasch zu reagieren.

Connectivity wird auch eine sehr große Rolle bei der Beherrschung von komplexen Fahrsituationen in urbanen Bereichen spielen. Die Verknüpfung der Sensorik von am Straßenrand abgestellten Fahrzeugen ermöglicht den Aufbau einer virtuellen 3D-Welt vor dem fahrenden Fahrzeug und somit auch den Blick „um die Ecke“. Damit können zum Beispiel spielende Kinder, die einem Ball nachjagen und unvermittelt auf die Straße laufen, frühzeitig identifiziert werden und die Reaktion des Fahrzeugs vorbereitet werden. Dies ist nur eines von zahlreichen Anwendungsbeispielen für Connectivity. Hinzu kommen natürlich noch weitere Geschäftsmodelle wie In-Car-Shopping, das Lkw-Fahrern ermöglicht, online bestellte Ware an einem vereinbarten Rastplatz in Empfang zu nehmen. 

Welche neuen Eco-Systeme werden sich rund um die Technologie bilden? 
Ich erwarte hier die Entwicklung von End-2-End (E2E) Supply Chain Lösungen in Kombination mit Technologien wie Automated Freight Matching. Dieses Eco-System wird die zukünftigen Logistikströme und die Transportmedien koordinieren und zu einer Erhöhung der Auslastung der Lkw sowie zu einer Reduzierung der Durchlaufzeit führen. Die Frage wird sein, wer dieses Eco-System anbieten wird. Hier werden sicherlich konkurrierende Systeme auf den Markt kommen. Mögliche Anbieter könnten zum große Online-Versandhäuser oder Logistikdienstleister sein.

Welche Chancen bieten autonome Trucks speziell für die – chronisch überlastete – urbane Logistik?
Die flächendeckende Verbreitung von autonom fahrenden Lkw in der urbanen Logistik wird noch lange Zeit dauern. Dies sehe ich als einen der letzten Use-Cases für diese Technologie an. Kurzfristig kann damit in der urbanen Logistik also noch keine Entlastung geschaffen werden.

Vielmehr besteht durch den Einsatz von elektrischen Verteilerfahrzeugen und in Verbindung mit zertifizierten Aufbauten und Trailern die Möglichkeit zur verstärkten Belieferung von Unternehmen und Logistik-Mikro-Hubs in der Nachtzeit (20:00 bis 06:00 Uhr). Diese Entzerrung der Anlieferung führt zu einer erhöhten Effizienz in der Belieferung. 

Ein weiterer Aspekt ist die Koordination von verschiedenen Lieferdiensten zur Belieferung von urbanen Räumen, um den "Morning-Rush" vor allem in den Einkaufspassagen zu verringern. Hier sind in Kürze regulatorische Vorgaben durch die Städte zu erwarten.