Büros zu Gewächshäusern für Kreativität machen

Professor Jan Teunen ist Experte für Transformationsprozesse in Unternehmen und Autor des Buchs „Officina Humana“, in dem er sein Konzept moderner Büroarbeitswelten skizziert. Als einer der Keynote-Sprecher wird er auf dem 1. VDI New Work Event #nwing darüber berichten, wie Unternehmen die Entfaltung der Mitarbeiterpotentiale in Zukunft besser unterstützt können. Im Interview vorab beantwortet er unsere Fragen.

Wie „gesund“ und wie „menschlich" sind die Büros und Arbeitsbedingungen heute in deutschen Unternehmen? Was sind die Gründe dafür, dass Arbeiten vielfach immer noch krank macht - und wie können Unternehmen dies ändern?

Die meisten Büros gleichen Wüsten, die Menschen schwächen und entkräften. Arbeitsräume, die von der wirtschaftlichen Rationalität dominiert werden, machen Menschen neurotisch. Die Menschen brennen dann aus, fangen an zu mobben, werden ängstlich usw. Solche Räume sind weit davon entfernt, Energie zu stiften oder zu begeistern. Unternehmen müssen Umstände schaffen, die dazu beitragen, dass Menschen sich selbst motivieren können. Der Raum spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn er ist Motivationstreiber Nummer 1. Damit Schöpfergeist und Kreativität gedeihen können, müssen Arbeitsräume zu Gewächshäusern für Kreativität und Innovation werden.

Das Büro als Gewächshaus für Kreativität. Hier in einer Firma in Istanbul.
 

Eine ansprechende Büroeinrichtung ist sicherlich nur eine Seite der Medaille. Wie muss sich die Unternehmenskultur ändern und weiterentwickeln?

Jedes Unternehmen hat eine Unternehmenskultur und diese Kultur kann konstruktiv oder auch destruktiv sein. Der Begriff Unternehmenskultur ist dehnbar wie ein Gummiband. Konstruktive Unternehmenskulturen entstehen dort, wo Menschen verstehen, dass Wirtschaftskraft nicht nur Geldflüsse in Bewegung bringt, sondern vor allem Motor von Gesellschaft und Moral, von Kultur und Ästhetik ist, bzw. sein soll.

Um diese umfassende Kraft auszubilden, müssen sich Unternehmen um die Ausgewogenheit von wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung kümmern. Diese Ausgewogenheit ist die Voraussetzung für das Entstehen einer Unternehmenskultur, aus der sich die Werte Dialogbereitschaft und Solidarität, Achtsamkeit und Verantwortung entwickeln lassen. 

Großraum- oder Einzelbüro, agile Teams oder Home Office: Wie könnte aus Ihrer Sicht ein erfolgversprechendes Konzept für Arbeitsräume der Zukunft aussehen?

Unterschiedliche Prozesse brauchen unterschiedliche Raumkonzepte. Was benötigt wird, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Was bei den Konzepten berücksichtigt werden muss, ist die Tatsache, dass Arbeitsräume auch Lebensräume sind. Damit Menschen in diesen Räumen gut leben können, müssen sie Geborgenheit geben und individuelle Wünsche und Bedürfnisse befriedigen. Auch sollten sie die Sehnsucht nach Verbundenheit und Potenzialentfaltung stillen.

Raum für kreative Gedanken in menschenfreundlicher Atmosphäre. Hier im VDI Wissensforum in Düsseldorf.
 

Was verbirgt sich hinter Ihrem Konzept „Officina Humana“ und wie gehen Sie in dessen Zuge in Unternehmen bei Veränderungsprozessen vor?

Die Officina Humana Beratungsgesellschaft ist eine Initiative des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) Hessen. Die Mission des ASB ist es, Notleidenden zu helfen. Nun hat der ASB den Hilferuf in Unternehmen und Betrieben gehört und mit der Officina Humana Beratungsgesellschaft ein neuartiges Hilfsangebot für Beschäftigte in kleinen und mittelgroßen Unternehmen entwickelt. Er steht Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite, um dabei zu helfen, humane, heilsame und inspirierende Unternehmenskulturen zu entwickeln und die Arbeitsbedingungen so zu optimieren, dass sie der Würde des Menschen entsprechen und die Menschen darin unterstützen, ihre Potenziale besser zur Entfaltung zu bringen. Dies gilt zum einen der Einrichtung von Büroräumen und Arbeitsplätzen und zum anderen der Kommunikation und dem Umgang der Menschen miteinander.

Unternehmen, die das Beratungsangebot annehmen, werden schrittweise dazu geführt, aus ihren Büros Lebensräume für Potenzialentfaltung zu machen. Der erste Schritt ist eine Anamnese. Es werden die Hintergründe und Ursachen der Ist-Situation ermittelt. Anschließend folgen eine Diagnose, eine Analyse der Ist-Situation und die Identifizierung von schlummernden Potenzialen im Umfeld und beim Umgang miteinander. Danach werden Konzepte entwickelt und es wird die Umsetzung dieser Konzepte begleitet. Wenn gewünscht, gibt es auch regelmäßige Check-ups.

Vom Büro zum Workingspace. Bestens geeignet für konzentriertes Arbeiten ist die ‚Bibliothek‘ im VDI Wissensforum in Düsseldorf.
 

Wie werden Digitalisierung und Internet of Things die Arbeitswelt der Zukunft weiter verändern? Gibt es etwa das Berufsbild des Ingenieurs in 10, 20 Jahren noch - und wenn ja, wie wird sich dieses Tätigkeitsfeld verändern?

Mit unseren Systemen befinden wir uns nicht in einer Krise, aber wir stecken in einem Dilemma fest. Das heißt, wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher, wir können aber auch nicht zurück über den gleichen Weg. Aus einem Dilemma muss man heraus durch Transformation und da sind gerade Ingenieure besonders gefragt. Wer wirksam zum Transformationsprozess beitragen will, braucht ein langes Gedächtnis. Ingenieure mit einem langen Gedächtnis wissen, dass ihre Berufsbezeichnung aus dem französischen ingénieur, bzw. aus dem lateinischen ingenium abgeleitet wurde. Begriffe, die für Scharfsinn und sinnreiche Erfindungen stehen. Genau diese werden gebraucht, wenn wir Gesellschaft gestalten wollen.

Zeit und Ort

#nwing – Das New Work Event für Ingenieure am 07. und 08.11.2018 im Boui Boui Bilk in Düsseldorf

Über den Interviewpartner

Prof. Jan Teunen, Cultural Capital Producer und Gründer von Officina Humana
Quelle: Teunen Konzepte