Das künftige Berufsbild des Ingenieurs in der Digitalen Transformation

Falk Bothe (47) ist Director Digital Transformation Office bei Volkswagen. Als einer der Keynote-Sprecher wird er auf der 1. VDI-Konferenz #nwIng am 07. und 08.11.2018 in Düsseldorf über Transformationsprozesse in Unternehmen und das zukünftige Berufsbild des Ingenieurs sprechen. Im Interview vorab beantwortet er unsere Fragen?

Der „Dipl.-Ing.“ ist ein deutsches Erfolgsmodell. Welche Bedeutung wird das Berufsbild des Ingenieurs in Zukunft noch haben?

Es steht außer Frage, dass wir uns aktuell in einem nachhaltigen Veränderungsprozess befinden. Data Science, künstliche Intelligenz, Quantencomputer, neue Arbeit - die Ingenieurs-Generation, die heute in die Arbeitswelt einsteigt, wächst in einer völlig anderen Umgebung als vor 10 oder 20 Jahren auf. Die digitale Transformation ist die größte Führungsherausforderung, die wir momentan haben, denn: „was uns bis hier gebracht hat, wird uns nicht in die Zukunft führen“. Die Mechanismen und Gewohnheiten der Vergangenheit werden nicht helfen, in der digitalen Landschaft zu überleben. Daher ist Leadership auf allen Ebenen der Organisation erforderlich, vom einzelnen Mitarbeitern bis zu Teams, vom Lehrling am ersten Tag bis zum Vorstandsmitglied und CEO. Das Berufsbild des Ingenieurs hat noch viel sehr viel Zukunft – allerdings unter gänzlich neuen Vorzeichen.

Wird also der Mensch in vielen Arbeitsbereichen und Prozessschritten überflüssig werden?

Das trifft zumindest in gewisser Weise auf einige Aufgabenbereiche zu. Die Ressourcenverwaltung und Zuteilung von Kapazitäten zum Beispiel sind Aufgaben, die in sinnvoller Weise von der Technik übernommen werden. Jeder Computer kann Schichtpläne effizienter und schneller planen als ein Mensch. Konkret auf den Ingenieur bezogen bedeutet das: Den Entwickler oder Konstrukteur, der im stillen Kämmerlein arbeitet, wird es in Zukunft viel weniger geben. Auch Ingenieure werden viel stärker im Kundenkontakt stehen und mit ihnen zu interagieren haben – das bedeutet einen Lernprozess. Auch die klassischen Abteilungen von heute wird es immer weniger geben. Sie werden ersetzt durch das Arbeiten in agilen, bereichsübergreifenden Teams. Technik wird sich in Zukunft viel stärker buchstäblich selbst konstruieren und dabei schneller, effizienter und materialsparender sein als der Mensch. Kurzum: Der Beruf des klassischen Ingenieurs gehört zu den meistgefährdeten, gerade im Automobilbau, aber auch in anderen Industriebereichen. Ingenieure werden sich also buchstäblich neu zu erfinden haben – im Sinne eines Problemlösers in agilen, kundenorientierten Projekten.

Bedeutet das aus Ihrer Sicht zugleich, dass der Bedarf an Arbeitskräften sinkt? Welche Unternehmensbereiche wird das besonders treffen?

Der Bedarf nach Arbeitskräften sinkt nicht zwangsläufig, er wird sich in jedem Fall aber verändern. Administrative Aufgaben wie etwa Kreditoren-Debitoren-Buchhaltung, Beschaffung oder Währungsrisiken-Absicherung werden in Zeiten der Digitalisierung zunehmend automatisiert ablaufen. Klassische Verwaltungstätigkeiten und auch klassische Wissensarbeit sind am gefährdetsten. Für Unternehmen verbindet sich damit zweifelsohne die Verantwortung, neue Aufgaben für die betreffenden Mitarbeiter aufzubauen – und damit schon frühzeitig zu beginnen. Indes bin ich optimistisch: Noch jede industrielle Revolution hat am Ende zu mehr Arbeitsplätzen geführt. Ich bin mir sicher, dass dies in Folge der Digitalisierung nicht anders sein wird.

Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptaufgaben, die Unternehmen für eine erfolgreiche Transformate, ein „Re-Building“, zu meistern haben?

Organisationen, die sich der Herausforderung der digitalen Transformation stellen, müssen sich nicht nur mit den technischen Herausforderungen auseinandersetzen, sondern auch dafür sorgen, dass die notwendige Haltung auf Seiten der Mitarbeiter entwickelt wird. Die vorhandene Belegschaft muss mitgenommen, ausgebildet und qualifiziert werden, um auf Basis ihrer langjährigen Erfahrung in Kombination mit neuen Fähigkeiten und Kenntnissen weiterhin Mehrwert für das Unternehmen schaffen zu können. Ebenso wichtig ist es, die Leistungen zu würdigen, die die Mitarbeiter eingebracht haben. Sie haben das Unternehmen zu dem gemacht, was es heute ist.

Was können Führungskräfte tun, um die Mitarbeiter auf diesem Weg mitzunehmen?

Sehr viel, natürlich! Auch die Aufgabe der Führung wird sich dabei grundlegend wandeln – eher zu einem Coach oder Mentor. Adaptives Führen bedeutet, auch selbst aus der Komfortzone herauszukommen. Sich nicht mehr in erster Linie als Experte zu verstehen, sondern als moderierender und begleitender Coach. Die eigentliche Aufgabe von Führungskräften ist es schließlich, Talente glänzen zu lassen!

Was sind die wesentlichen Schritte, damit die Unternehmens-Transformation erfolgreich gelingen kann?

Zu Beginn der Transformation braucht es eine klare Vision der digitalen Version des Unternehmens und eine Roadmap, um dorthin zu gelangen. Unerlässlich ist es dafür, ein gemeinsames Verständnis und gemeinsames Verstehen zu finden, also eine gemeinsame Sprache und unmissverständliche Definitionen rund um den Veränderungsprozess. Als nächstes braucht es schnelle und einfache Erfolge, wie zum Beispiel ein analoger Prozess in eine digitale Version geändert werden kann, für jeden Nachvollziehbar, so dass die Beteiligten sehen, dass etwas passiert, mit dem sie sich identifizieren können. Leadership muss vorhanden sein, wenn wir mit adaptiven Problemen konfrontiert werden - wenn wir unsicher und anderer Meinung sind, was das Problem wirklich ist und nicht über die technischen und notwendigen Fähigkeiten oder Ressourcen verfügt, um das Problem zu lösen. Leadership bedeutet daher auch konstantes Lernen, sowohl auf individueller als auch auf organisatorischer Ebene.

Wie lange wird dieser Veränderungsprozess dauern? Und erkennen wir das Unternehmen von morgen noch wieder?

Der beschriebene Wandel wird aus meiner Sicht mindestens zehn Jahre in Anspruch nehmen. Wir werden Unternehmen wiedererkennen – auch wenn sie sich Schritt für Schritt verändern. Wichtig ist für die Organisationen, dass sie heute aktiv werden müssen, ohne allerdings in operative Hektik zu verfallen, damit sie morgen noch da sind.

Welche Empfehlung würden Sie abschließend noch Führungskräften von Unternehmen geben?

Digitale Transformation kann vor allem durch gemeinsame Anstrengung erreicht werden. Also, werter „Leader“, bitte daran denken, dass Sie nicht alleine sind. Kommunizieren Sie viel, haben Sie keine Angst zu fragen, suchen Sie nach Hilfe und hören Sie zu. Die Person, die die Schlüsselinformationen haben könnte, ist bereit, gefunden zu werden. Das Beste an digitalen Werkzeugen heute ist, dass Distanzen nicht mehr so wichtig sind. Gemeinsam kann die Change-Leadership-Herausforderung gemeistert werden.

1. VDI-Konferenz #nwIng am 07. und 08.11.2018 im Boui Boui Bilk in Düsseldorf

Der Autor

Falk Bothe, Director Digital Transformation Office bei Volkswagen