Nischendasein ist rückläufig

Für Ingenieure kommt es heute mehr denn je darauf an, überholte Denkmuster hinter sich zu lassen, um so neue Lösungen zu finden. Diese Meinung vertritt Yves-Antoine Brun, Managing Director beim Ingenieurdienstleister Alten Deutschland.

Verändern sich zurzeit die Aufgaben für Ingenieure?

In den letzten Jahren war gerade in Deutschland der Bereich der Engineering- und IT-Dienstleistungen von einer hohen Marktdynamik geprägt, die auch Auswirkungen auf das Arbeiten in Projekten und vor allem auf das Projektmanagement hat. Die Größe und das Volumen von extern vergebenen Entwicklungsumfängen haben stetig zugenommen und damit auch die Anzahl an Ingenieuren in einem Projekt. Dennoch haben sich die klassischen fachlichen Aufgaben eines Ingenieurs oder Entwicklers nicht gravierend verändert. Vielmehr sind es heute Schnittstellenfunktionen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen und die klarer Verantwortlichkeiten im Projekt bedürfen: beispielsweise zwischen Entwicklung und Produktion, mit Zulieferern und Partnern oder ebenso mit länderübergreifenden Entwicklungsteams teils über verschiedene Zeitzonen hinweg. Daher nehmen die Koordination und Kommunikation einen immer größer werdenden Anteil ein.

Für welche Karriere sollte sich ein Ingenieur mit Blick auf die zunehmende Internationalisierung entscheiden, Projektleiter oder Spezialist?

Ich glaube, dass wir heute beim Thema Globalisierung nicht mehr pauschal sagen können, diese Rolle ist besser oder jene schlechter geeignet. Klar ist jedoch, dass die Internationalisierung der Projektlandschaft eine noch intensivere Entwicklung der persönlichen Präferenzen erfordert, gefolgt von einem klaren Verständnis der Erfolgsfaktoren für die Zielerreichung im Projekt. Vereinfacht gesagt: Der Spezialist setzt sein fachliches Know-how zur Lösung von Aufgaben und Problemstellungen in der Tiefe ein, wohingegen der Projektleiter eine koordinierende und steuernde Rolle einnimmt. Um den Projekterfolg abzusichern, bedarf es beider Funktionen gleichermaßen, auch da diese in einem Projekt nicht immer zwingend an einem Ort vereint gegeben sind. Entscheidend für die persönliche Entwicklung ist daher die Frage: „Worin liegen meine Stärken und wie und wo kann ich diese am besten einsetzen?“

Welche Voraussetzungen muss ein Ingenieur mitbringen, um als Projektleiter erfolgreich zu sein?

Nicht selten ist ein Projektleiter aus der fachlichen Historie heraus in seine Funktion gewachsen und hat sich dafür zusätzlich entsprechende Methoden und weiterführende Kenntnisse angeeignet. Grundsätzlich ist ein fachlich tiefgründiges Wissen über die technische Materie des Projektes von Vorteil, jedoch nicht immer zwingend Voraussetzung für die Arbeit als Projektleiter. Diese Tatsache wird nicht selten bei der Personalwahl übersehen und kann dazu führen, dass sich Spezialisten ohne zusätzliche Qualifizierung mit der Rolle und den Aufgaben eines Projektleiters unwohl oder sogar teils überfordert fühlen. Bei Alten fördern wir daher persönliche Fähigkeiten und Talente, um dem Ziel „Projektleiter“ ein Stück näher zu kommen. Hier gewinnen Themen, die mehr die Softskills tangieren, zusehends an Bedeutung.

Welche Spezialisten werden gesucht? Welche Nischen sind zu besetzen?

Wenn man die 2000er-Jahre als ein Jahrzehnt des generellen technologischen Übergangs ansieht, so leben wir heute im Zeitalter der Software. Keine andere Technologie verändert aktuell unsere Welt so nachhaltig, und dies über alle Branchen und Medien hinweg. Schlagwörter wie Big Data, Industrie 4.0 oder „Internet of Things“ bilden Trends, die nicht nur heute, sondern auch in Zukunft für einen hohen Bedarf an Spezialisten für die digitale Transformation stehen. Nichtsdestotrotz ist der Bedarf an Ingenieuren für mechanische Themen oder den klassischen Maschinenbau weiterhin ungebrochen. Dabei hat der Anteil der elektrischen Integration, gerade durch die alternativen Antriebstechnologien und Vernetzung, weiter zugenommen. Durch eine stetig voranschreitende Standardisierung von Bauteilen und Komponenten, auch in Hinblick auf Kosteneinsparungen und Produktion, ist das klassische Nischendasein im Entwicklungsbereich eher rückläufig.

Leisten Universitäten gute Arbeit? Sind Ingenieure gut vorbereitet?

Neben dem fachspezifischen Wissen der verschiedenen Fachrichtungen und Wissenschaften – welches durch die Universitäten und Hochschulen zweifelsohne kompetent vermittelt wird, ist die Beherrschung von Basistools für den Projektalltag wichtig: Dazu zählen nicht nur der routinierte Umgang mit den weit verbreiteten IT-Anwendungen wie Word, Excel, Power Point, Project etc., sondern auch Fähigkeiten wie die Platzierung von fachlichen und aussagekräftigen Informationen an der richtigen Stelle. Probleme richtig und rechtzeitig zu erkennen, ist im ersten Schritt oftmals wichtiger, als direkt eine Problemlösung zu liefern. Hierbei werden IT-Kenntnisse und Tool-Know-how immer wichtiger, um aus der zunehmenden Informationsflut durch Vernetzung von Mess-und Sensordaten fundierte Analysen und damit praktikable Lösungen ableiten zu können. Gerade als Entwicklungsdienstleister müssen wir oftmals die angestammten Denkmuster überwinden, um neue Lösungen anbieten zu können. Diese Fähigkeit ist zudem Teil der Erwartungshaltung der Industrie uns gegenüber und damit auch an unsere Ingenieure.

Was ist mit dem„durchschnittlichen“ Ingenieur. Spielt der noch eine Rolle?

Ganz gleich, ob Generalist oder Spezialist: Die Theorie muss sauber vermittelt werden, um in der Praxis effizient sein zu können. Ich denke, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht mehr nur Positions- oder Rollenbeschreibungen als alleinige Basis für die persönliche Entwicklung ansehen dürfen, sondern viel mehr die gewonnene Erfahrung zur Selbstreflexion nutzen müssen, um zu verstehen, in welche Richtung man sich selbst bewegen und am Ende auch festlegen möchte.

Autor des Artikels:

Claudia Burger