Das vernetzte Fahrzeug wird unsere Straßen sicherer machen

Das Internet of Things verbindet immer mehr Aspekte unseres Lebens miteinander – ganze Häuser, Städte und auch Automobile. Die VDI nachrichten haben 3 Experten namhafter Unternehmen danach gefragt, wo sie das Thema vernetztes Fahren sehen und welche Entwicklungen sie erwarten: Elmar Frickenstein, Bereichsleiter Vollautomatisiertes Fahren/Fahrerassistenz von BMW, H. Gregor Molter, Leiter Sicherheit bei Continental, und Eric Kuisch, Technikchef von Vodafone Deutschland.

VDI nachrichten: Wo ist Deutschland gut aufgestellt, wenn es um das vernetzte Fahrzeug geht? Und wo gibt es noch Aufgaben, die gelöst werden müssen?

Frickenstein: Unser BMW 7er zeigt ganz gut, wo wir aktuell in der Automobilindustrie stehen. Er hat das Tor zum automatisierten Fahren geöffnet. Das automatisierte Fahren wird kommen, es wird unsere Straßen sicherer machen sowie unseren Kunden Mehrwerte in Sicherheit und Komfort bieten und sie mobiler und stressfreier machen.

Auf dem Weg dahin haben wir noch einige Aufgaben zu erfüllen. Wir müssen innerhalb der Automobilindustrie unbedingt zu einer agilen Software- und Funktionsentwicklung kommen. Dies ist einer der wichtigsten Schlüssel zum automatisierten Fahren. Künstliche Intelligenz mit „Deep Machine Learning“ und „Supervised Learning“ werden die Disziplinen der Zukunft. Erst sie versetzen uns in die Lage, die technischen Herausforderungen des autonomen Fahrens adäquat zu beantworten.

Zudem benötigen wir neue Chipgenerationen und Super-Computer, die weitaus mehr leisten als heutige SoCs (System-on-a-chip, die Red.). Für die durchgängige und nahezu latenzfreie Connectivity mit einer 100 %igen Abdeckung brauchen wir alle gemeinsam einen verlässlichen, sicheren und taktilen Mobilfunkstandard 5G. Ebenso gilt es, eine neue Backend-Infrastruktur aufzubauen.

Es gilt abzuwarten, wie sich die rechtlichen und versicherungstechnischen Rahmenbedingungen entwickeln werden. Das digitale Testfeld A9 oder der kürzlich gefasste Regierungsbeschluss zum autonomen Fahren zur Erweiterung der rechtlichen Grundlagen sind richtige und gute erste Schritte. Wir sollten uns zudem Zeit für den gesellschaftlichen Dialog nehmen

Kuisch: Voraussetzung für das vernetzte Fahrzeug sind schnelle Netze. Schon heute bietet Vodafone mit LTE auf rund 87 % der Fläche Deutschlands ein mobiles Breitbandinternet an. Dieses Netz bauen wir weiter aus und erhöhen sowohl die Geschwindigkeit als auch die Verfügbarkeit. Noch in diesem Jahr etwa wollen wir in mehreren Ausbaustufen mehr als 1 Gbit/s im Livenetz realisieren. Wir machen Deutschland zur Gigabit-Gesellschaft.

Zudem setzt sich Vodafone dafür ein, dass Deutschland führend bei der Standardisierung und Einführung von 5G wird, das es auf eine Verzögerungszeit (Latenz) von nur 1 ms, Geschwindigkeiten von mehreren Gigabit und auf eine Ausfallsicherheit von 99,999 % bringt.

Dafür arbeiten wir eng mit den weltweit führenden Forschern zusammen und unterstützen an der TU Dresden seit mehr als 25 Jahren den Vodafone Lehrstuhl für Mobile Nachrichtensysteme. In Dresden ist unter der Führung von Professor Fettweis das 5G Lab Germany entstanden, das mit mehr als 20 Professoren und 500 Mitarbeitern die Zukunft des Mobilfunks definiert.

Molter: Das vernetzte Fahrzeug wird sich durchsetzen, wenn es Begeisterung bei den Fahrerinnen und Fahrern auslöst. Dass wir in der Automobilindustrie begeisternde Produkte entwickeln können, haben wir über lange Zeit bewiesen.

Gerade in Deutschland gilt es heute aber mehr denn je, Software-Know-how zu erweitern und die digitale Infrastruktur für das vernetzte Fahrzeug konsequent auszubauen. Die richtige Bildung und Ausbildung sowie der Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft sind hier die Erfolgsrezepte.

Wie wird die Vernetzung von Automobilen die Rolle ihres Unternehmens verändern?

Molter: Continental wandelt sich vom Automobilzulieferer zum Technologiekonzern, denn die Vernetzung des Fahrzeugs erfordert es auch, die traditionellen Geschäftsmodelle mit neuen Modellen, Produkten und Diensten zu erweitern.

Kuisch: Die Vernetzung von Fahrzeugen wird zunehmend wichtiger und zugleich auch elementarer. Denn sie ermöglicht das Verhindern von Unfällen ebenso wie eine smartere Verkehrsführung, etwa durch die Vermeidung von Staus, und das Finden von Parkplätzen.

Vodafone gehört zu den Treibern der Vernetzung von Fahrzeugen und arbeitet mit nahezu allen namhaften Automobilkonzernen zusammen. Das reicht von der Produktion von Sensoren bis zu Komplettlösungen inklusive des Handlings von Security- und Call-Centern. Wir treiben nicht nur die Vernetzung von Fahrzeugen voran, wir sind bei Automotive M2M sogar Weltmarktführer. Vodafone wird beim autonomen Fahren eine führende Rolle einnehmen und die 5G-Infrastruktur entscheidend mitgestalten.

Frickenstein: Auf Basis der heutigen Vernetzung mit bis zu 6 Mio. Fahrzeugen befinden wir uns auf dem Weg zum automatisierten Fahren. Angefangen mit Fahrerassistenzsystemen wie Abstandswarner und aktiver Geschwindigkeitsregelung, haben wir heute bereits teilautomatisierte Funktionen wie den Lenk- und Spurführungsassistenten oder das ferngesteuerte Parken im neuen BMW 7er. Der BMW 7er ist das erste Serienfahrzeug der Welt, das ohne Fahrer in eine Garage einparken kann – ein entscheidender Schritt zum automatisierten Fahren.

Unsere Fahrzeuge sind bereits heute mit der Umwelt und dem Fahrer vernetzt, der BMW Teil der digitalen Lebenswelt unserer Kunden. Wir haben als Erste in der Automobilindustrie mit Connected-Drive, der 100 %igen Vernetzung, begonnen. Heute verfügen wir im Auto über Apps vom Smartphone oder aus dem Backend, Remotefunktionen, hybride On-/Offboard-Routenberechnung und E-Call, um nur ein paar vernetzte Funktionalitäten zu nennen. Unsere Kunden bekommen heute Echtzeit-Verkehrsinformationen über RTTI (Real Time Traffic Information, die Red.) direkt ins Fahrzeug übermittelt, genauso wie die neusten von insgesamt über 24 Mio. Songs mit unserem Online-Entertainment.

Das Auto wird zur Datenzentrale. Wie viele Daten verträgt das Auto?

Kuisch: Die Frage ist aus unserer Sicht nicht, wie viele Daten das Auto verträgt, sondern wie sichergestellt wird, dass relevante Daten für die Steuerung im Zusammenspiel mit den anderen Fahrzeugen in Echtzeit bereitgestellt werden können. Unsere herausfordernde Aufgabe ist es, diese Daten schnell und in Echtzeit zu transportieren.

Dafür arbeiten wir permanent an unseren Netzen und haben allein in den letzten zwei Jahren hierfür 5 Mrd. € in den Netzausbau und die Netzmodernisierung investiert. Wir sind auf dem Weg zu 5G und schaffen damit schon heute die Voraussetzungen für 5G.

Und auf dem Weg dorthin, werden die Fahrzeuge immer vernetzter. Über unser LTE-Netz werden sie beispielsweise zum WLAN-Hotspot. Nicht nur, um die Passagiere mit schnellem Internet zu versorgen, sondern auch, damit sich Fahrzeuge gegenseitig zur optimalen Versorgung unterstützen und vor Gefahren warnen.

Frickenstein: Daten und darauf aufbauende Fahrzeugfunktionen ermöglichen uns neue Services und ganz wesentliches Innovationspotenzial, von Verbrauchsoptimierung und kontinuierlicher Produktverbesserung über bessere Mobilitätsangebote an unsere Kunden bis hin zur Automatisierung des Fahrens.

Essenziell dabei ist: Die Cyber-Security des vernetzten Fahrzeugs und die Privatsphäre unserer Kunden haben bei BMW oberste Priorität. Die Autoindustrie ist Vorreiter bei Safety, und diesen Anspruch tragen wir auch in das digitale Zeitalter. Fragen der Datensicherheit dürfen nicht zu Fragen der Fahrsicherheit werden.

Molter: Je besser die Kommunikation zwischen Fahrzeugen, mit anderen Verkehrsteilnehmern, der Infrastruktur und der Cloud, desto sicherer, effizienter und komfortabler wird die gesamte Mobilität.

Grundvoraussetzungen für den Erfolg des vernetzten Fahrzeugs sind allerdings Transparenz und Sicherheit im Umgang mit Daten. Nur wenn wir diese Aufgaben meistern, werden Fahrerinnen und Fahrer die Vorteile von vernetzten Fahrzeugen anerkennen.

Autor des Artikels:

Regine Bönsch