Der Parkplatz wird Teil des Internets der Dinge

Automobilhersteller und Zulieferer wollen die Parkplatzsuche, aber auch das Einparken erleichtern. Neue Sensoren, Vernetzung und Big-Data-Analysen stellen dafür Schlüsseltechnologien dar. Erste Forschungsprojekte zeigen, was geht.

Als Frankfurt am Main 1954 die ersten Parkuhren in Deutschland aufstellte, war die Parkplatzsuche in der Regel noch kein ernsthaftes Problem. Mittlerweile entfällt rund ein Drittel des innerstädtischen Autoverkehrs auf die Suche nach einem Stellplatz. Das hat der Parkhausbetreiber Apcoa ausgerechnet, der mit weiteren Zahlen nachlegt: 10 min vergehen im Schnitt, bis der Parkplatz gefunden ist, dabei stößt das Auto 1,3 kg CO2 aus. Schuld ist aus Sicht von Apcoa der Autofahrer selbst: 62 %, so die Marktforschung des Dienstleisters, bevorzugen einen Stellplatz am Straßenrand, während die Parkhäuser selten voll ausgelastet sind. Nicht nur die Suche, sondern auch das Parken selbst kostet Nerven - und oft Geld: Nach Angaben der Allianz handelt es sich bei 40 % aller Unfälle ohne Personenschaden um Parkrempler.

Mit einer Vielzahl von neuen Techniken versuchen Automobilhersteller und Zulieferer daher, den Autofahrer sowohl bei der Parkplatzsuche als auch beim Einparken zu unterstützen. Eine besondere Herausforderung stellen dabei die begehrten Parkplätze am Straßenrand dar. Daher arbeitet Bosch daran, die Ultraschallsensoren, die bei sogenannten Einparkassistenten ohnehin an Bord sind, für die Detektion freier Stellplätze zu nutzen.

Künftig sollen sie bei Geschwindigkeiten unter 50 km/h kontinuierlich den Straßenrand vermessen, auch wenn der Autofahrer keinen Parkplatz sucht. Die von einzelnen Fahrzeugen gesammelten Informationen werden dann anonym an ein zentrales IT-System gesendet und mit dort hinterlegten Informationen - etwa zu Halteverbotszonen - abgeglichen.

Über ein Navigationssystem oder eine App soll dann dem suchenden Autofahrer angezeigt werden, wo er mit welcher Wahrscheinlichkeit fündig wird. Projektleiter Rolf Nicodemus ist überzeugt: 'Der Parkplatz der Zukunft ist Teil des Internets der Dinge.' Er kann sich sogar vorstellen, dass das Geschäft mit den Stellplatzdaten künftig ein eigenständiges Geschäftsmodell für Bosch darstellt.

Siemens verfolgt einen ganz anderen Ansatz: Freie Parkplätze sollen von Radarsensoren erfasst werden, die an den Masten der Straßenbeleuchtung befestigt werden. Ein einzelner Sensor kann einen Straßenabschnitt von 30 m überwachen, in dem etwa fünf bis sieben Autos in Reihe parken.

Erprobt wird das System derzeit im Rahmen des Forschungsprojekts 'City2e 2.0' im Berliner Stadtteil Friedenau. Die Auswertung und Bereitstellung der Daten übernimmt die Verkehrsmanagementzentrale der Stadt. Erste Ergebnisse des Projekts sollen im Jahr 2016 vorliegen.

Sowohl die Bosch- als auch die Siemens-Lösung gehen über heutige Park-Apps, wie sie beispielsweise der ADAC anbietet, deutlich hinaus, weil sie Echtzeitdaten für Parkplätze im öffentlichen Raum bieten und nicht nur Stellplätze in Parkhäusern anzeigen. Doch auch diese Funktion ist noch verbesserungsfähig, da bislang die angezeigte Parkhausbelegung selten mit der tatsächlichen übereinstimmt. Nach Meinung von Apcoa-Chef Ralf Bender sind dafür offene, betreiberunabhängige Datenplattformen notwendig: 'Dazu müssen die Kommunen innovativer werden und sich mit den Betreibern auf eine solche Datenplattform einigen.' Damit die Daten überhaupt zur Verfügung stehen, will Bender in die Infrastruktur investieren. 'Das Parkhaus der Zukunft muss onlinefähig sein und sagen können: Ich habe noch Platz.'

Neben Parkhäusern und Straßenrand entfällt vor allem in mittelgroßen Kommunen ein erheblicher Teil der Parkplätze auf markierte Freiflächen, die zwar bewirtschaftet werden - Autofahrer müssen einen Parkschein lösen -, nicht aber über eine Einfahrtschranke abgesichert sind.

Auch für solche Stellplätze soll künftig eine Belegungserkennung möglich sein. Bosch hat dafür mikromechanische Sensoren entwickelt, die auf den Straßenbelag aufgebracht werden.

Dabei kommen zwei Messprinzipien zum Einsatz: Die bereits geläufige magnetoresistive Erkennung wird durch ein zweites Verfahren ergänzt, das Nicodemus derzeit noch nicht offenlegen will. 'Wir brauchen die Redundanz der Signale, damit die Erkennung fehlerfrei funktioniert.'

Ist der Parkplatz gefunden, so soll das Auto der Zukunft vollständig automatisch einparken können. Anders als bei heutigen Parkassistenten muss der Fahrer nicht mehr im Fahrzeug sitzen, sondern kann es mit dem Finger auf dem Display eines Smartphones in die Lücke rangieren. Die Lenkelektronik übernimmt dabei die Berechnung des Lenkwinkels; Ultraschallsensoren verhindern unerwünschtes Touchieren anderer Verkehrsteilnehmer - so zumindest die Vision, die der Zulieferer ZF im Konzeptfahrzeug 'Smart Urban Vehicle' vor wenigen Wochen auf der IAA präsentierte.

Aber auch vollautomatisches 'Valet Parking' in speziell dafür ausgerüsteten Parkhäusern soll noch in diesem Jahrzehnt möglich werden. Der Fahrer stellt dabei sein Auto vor der Schranke ab, es findet dann auf eigene Faust einen freien Stellplatz. Ergänzt wird die Fahrzeugsensorik um die zur Überwachung ohnehin eingesetzten Videokameras. Ein entsprechendes Pilotprojekt hatte Bosch im Frühjahr für das Jahr 2018 angekündigt.

Noch einen Schritt weiter geht V-Charge, ein Forschungsprojekt der ETH Zürich, an dem Volkswagen sich beteiligt. Elektro-Fahrzeuge bewegen sich dabei automatisiert im Parkhaus und fahren so auch die induktiven Ladestationen an. Ist der Akku voll, parken sich die Autos automatisch um - so kann die teure Ladeinfrastruktur optimal genutzt werden.

Doch allen technischen Fortschritte zum Trotz - Experten sind sich einig: Bis das Einparken aus der Führerscheinprüfung gestrichen wird, dürfte es noch einge Zeit vergehen.

Autor des Artikels:

Johannes Winterhagen