Digitalisierung und die Folgen: Automation steht vor enormen Veränderungen

Was bedeutet die fortschreitende Digitalisierung für Automationsunternehmen? Handelt es sich um einen steten Wandel oder eher um revolutionäre Veränderungen, die anstehen. Der anerkannte Branchenfachmann Dr.-Ing. Attila M. Bilgic, Chief Technology Officer der KROHNE Gruppe (Duisburg), sieht beides als realistisch an: „Wir beobachten eine sanfte Konvergenz der Automation basierend auf IT-Technologien, die in den letzten fünf bis zehn Jahren entstanden sind. Dies führt zu einer kontinuierlichen Evolution, zu Prozessen, die immer besser, schneller und effizienter ablaufen. Zusätzlich gibt es ebenso Potentiale für disruptive Elemente, für gänzlich neue Geschäftsmodelle und neue Player, die aufgrund der IT-Entwicklungen erfolgreich in den Markt eintreten können“, erklärt der renommierte Fachmann. Bereits 2018 war er einer der Kongressleiter auf der VDI Konferenz Automation. Seit Januar 2019 ist er zudem der neue Vorsitzende der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik. Auch in diesem Jahr führen er und seine Kollegen wieder durch die „Automation“ am 2. und 3. Juli 2019. Dann diskutiert die Fachwelt in Baden-Baden wieder aktuelle Themen und Trends – von der Industrieautomation bis zur Gebäudeautomation.

Digitalisierung, Vernetzung, IoT, was bedeuten dies Megatrends für die Automation? Handelt es sich um Evolution oder eine Revolution?
Beides trifft zu! Wir beobachten eine sanfte Konvergenz der Automation basierend auf IT-Technologien, die in den letzten 5-10 Jahren entstanden sind. Dies führt zu einer kontinuierlichen Evolution, zu Prozessen, die immer besser, schneller und effizienter ablaufen. Zusätzlich gibt es ebenso Potentiale für disruptive Elemente, für gänzlich neue Geschäftsmodelle und neue Player, die aufgrund der IT-Entwicklungen erfolgreich in den Markt eintreten können. Zu den aktuellen technischen Top-Themen zählen etwa die automatische Konnektivität mit dem Stichwort „Plug and Play“. Ein gutes Beispiel dafür sind Messgeräte: Warum müssen diese konfiguriert werden, warum vorbereitet werden – und wieviel effizienter wäre es, wenn diese Geräte automatisch lernen und sich selbstvernetzen.

Wie schnell wird diese Vernetzung voranschreiten?
Das hängt natürlich stark vom jeweiligen Unternehmen ab. Insgesamt erwarte ich jedoch mittelfristig enormes Potential in der Entwicklung – von den heutigen, schwach vernetzten Assets in der Anlage, die nur wenige Daten übermitteln, hin zu vernetzten, intelligenten Subsystemen, die sich lokal selbst einstellen und verwalten. Im Grunde handelt es sich dabei auch um eine kulturelle Frage: In Europa muss man erst alles verstanden haben, bevor man etwas umsetzt. In den USA etwa gilt vielfach die Devise: Erst mal machen und dann werden wir schon sehen, was wir mit den neuen Technologien tun können.

Data Mining lautet ein weiterer Megatrend in der Industrie. Nur – was können Unternehmen mit den Daten, die sie sammeln, anschließend tun?
Sicherlich steckt die Datensammlung in der Industrie noch in den Kinderschuhen. Notwendig ist aus meiner Sicht ein kultureller Wandel: Wir sollten erst einmal damit anfangen, Daten zusammenzutragen, um daraus dann zu lernen. Natürlich geht es nicht nur darum, Daten zu sammeln, sondern daraus auch zu lernen.

Technologisch gilt es dabei aufzupassen. Viele Technologien können schon heute genutzt werden, aber nur von Experten. Noch sind wir ein deutliches Stück davon entfernt, dass die gesammelten Daten smart und intelligent nutzbar sind, dass etwa Maschinen und Assets sich ihrer Umgebung bewusst werden und anfangen zu lernen. Um etwa künstliches Bewusstsein in Anlagen zu erzielen, dies gleichzeitig einfach und beherrschbar darzustellen, braucht es noch enorme Steigerungen in der Rechenleistung.

Welche zeitlichen Horizonte erachten Sie als realistisch für weitere Technologiesprünge?
Bis 2030 dürften alle technologischen Voraussetzungen erfüllt sein, um deutlich mehr Intelligenz in die Systeme zu bringen.

Werden dabei Konzerne voranschreiten und kann etwa der Mittelstand überhaupt Anschluss halten?
In mancherlei Hinsicht hat der Mittelstand sogar bessere Chancen als Großunternehmen, weil er häufig entscheidungsfreudiger und innovativer ist. Natürlich kann ein mittelständisches Unternehmen nicht alle Voraussetzungen alleine erfüllen. Kollaborative Netzwerke gelten daher als vielversprechende Vision, um gemeinsam komplette Wertschöpfungsketten abzudecken und neue Geschäftsmodelle zu verwirklichen.

Wie schnell kann die Automations-Welt diesen Wandel vollziehen?
Die Wertschöpfung, die heute noch primär auf der Hardware basiert, wird sich immer stärker Richtung Software und Algorithmen verschieben. Auf der Anwenderseite wird zugleich der Blick vom stark investitionsgetriebenen Geschäftsmodell noch stärker in die Optimierung der Operational Costs gehen. Ein gewisses Hindernis dabei speziell in der Prozessindustrie sind die langen Laufzeiten der Anlagen. Das ist gut, um Investitionskosten in den Griff zu bekommen, aber schlecht, um die Operational Costs zu optimieren. In anderen Bereichen, wo Anlagen kurzlebiger sind, stellen wir deutlich kürzere Investitions- und Innovationszyklen fest. Agile Methoden können dabei helfen, dies auch in der Prozessindustrie zu beschleunigen. In dieser Hinsicht ist der anstehende Generationswechsel in vielen Unternehmen der Automation ein demographisch notwendiger Katalysator, um die Dinge anders und schneller in Bewegung zu bringen.

Wie könnten neue Geschäftsmodelle aussehen?
Zunächst brauchen wir einen anderen Denkansatz. Wenn Systeme vernetzt sind und intelligenter kommunizieren, dann brauchen wir uns weniger abzustimmen und die Systeme tauschen sich automatisiert untereinander aus. In diesem Zuge sollten wir uns auch vom Anspruch lösen, dass wir alles bis ins Letzte verstehen. Grundsätzlich geht es jetzt darum, die Industrie 4.0 in die Praxis zu tragen bzw. die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Die Hauptherausforderung bei Industrie 4.0 liegt darin, dass wir im Gegensatz zur klassischen Industrie, wo mit Stahl Geld verdient wird, nun dazu kommen, Erlöse und Benefits aus Software und Services zu erzielen.

Autor

Dr.-Ing. Attila M. Bilgic,
Chief Technology Officer der KROHNE Gruppe (Duisburg)

Quelle: VDI Wissensforum