Erfolgreiche Rhetorik – Mit ARD und ZDF

"Yes, we can" dieser Satz war im US-Wahlkampf 2008 das Markenzeichen von US-Präsident Obama, das auch bei uns inzwischen zu einem oft zitierten Credo geworden ist, wenn es darum geht, Zuhörer/ Mitarbeiter/ Kollegen zu motivieren und zu begeistern.

Auch als „technischer Experte“ stehen Sie immer öfter vor der Herausforderung, nicht nur fachlich zu glänzen, sondern andere für Ihre Ideen oder Projekten begeistern zu müssen oder zu wollen.

Längst hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass überzeugende Rhetorik auch und gerade in einem technischen Umfeld nur gelingt, wenn Sie als Redner/ Vortragender nicht nur auf dem Kanal ZDF (Zahlen, Daten, Fakten), sondern auch auf ARD (Alle Restlichen Dinge) senden!

Warum?

Wenn Sie eine wissenschaftliche Arbeit schreiben, ein Nachschlagewerk erstellen oder Berechnungen und Statistiken veröffentlichen, dann kommt es darauf an, dass alles sauber gerechnet ist, alle ZDF von A-Z enthalten sind und alle fachlichen Fragen beantwortet werden.

Wenn Sie jedoch reden oder vortragen, dann erwartet JEDES Publikum, dass Sie (natürlich auf der Grundlage der oben genannten ZDF),Ihre  Akzente setzen, die wichtigsten Punkte auswählen, einen Standpunkt einnehmen und den Zuhörern verdeutlichen, warum es sich für sie lohnt, zuzuhören oder etwas zu tun – und das Ganze bitte präzise, kurzweilig und möglichst unterhaltsam präsentieren.

Um diese Erkenntnis für Ihren nächsten Auftritt mit einem komplexen technischen Thema umzusetzen, nutzen Sie zwei Erfolgsfaktoren für einen rhetorisch überzeugenden Auftritt:

  • Erfolgsfaktor 1. Bilder erzeugen
  • Erfolgsfaktor 2: Gute Geschichten

Erfolgsfaktor 1: Bringen Sie Bilder in die Köpfe Ihrer Zuhörer

Von allen Sinnesorganen nehmen unsere Augen mit Abstand die meisten Eindrücke auf: 75 Prozent! Zum Vergleich: Das Gehör schlägt mit elf Prozent zu Buche, der Tastsinn mit sieben Prozent, beim Geschmackssinn sind es noch vier Prozent und beim Geruchssinn lediglich drei Prozent. Kein Wunder also, dass Metaphern und bildhafte Sprache jeden Vortrag lebendiger, eingängiger und nachvollziehbarer machen als Fachtermini.

Wenn Sie die Kunst beherrschen, immer wieder Bilder in den Köpfen der Menschen entstehen zu lassen und beide Gehirnhälften anzusprechen, gewinnen Sie aufmerksame Zuhörer, denen Ihr Auftritt nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.

Je plakativer und klarer Ihre Bilder, desto schneller verstehen Ihre Zuhörer. Und es kommt noch besser: Ihre Zuhörer  können sich entspannen. Sie schenken Ihnen ihre komplette Aufmerksamkeit, statt angestrengt darüber nachzudenken zu müssen, was Sie ihnen wohl sagen möchten.

Ich vermute, jetzt denken Sie gerade:

“Wie um Himmels Willen soll ich bei meinen trockenen technischen Themen denn Emotionen und Bilder verankern?”

Hierzu vier ganz praktische Tipps:

Tipp 1: Ersetzen Sie Fachbegriffe durch bildhafte Beschreibungen!

Selbst ein absoluter Experte für ein Thema kann Ihnen viel leichter zuhören und schneller verstehen, wenn Sie sein Hirn davon befreien, Fachbegriffe übersetzen zu müssen.
Beispiel gefällig?

„Der Regensensor erkennt über eine Änderung der Totalreflexion bei Benetzung der Frontscheibe die Notwendigkeit des Wischens und steuert so die Wischanlage vom langsamen Intervallwischen bis zum Dauerwischen. Die Empfindlichkeit ist über das vierstufige Potentiometer am Lenkstockschalter individuell einstellbar.“

Jeder Zuhörer wird es Ihnen danken, wenn Sie stattdessen sagen:

„Der Regensensor erkennt, ob‘s regnet – er macht den Scheibenwischer an. Der erkennt wie viel es regnet – er macht den Scheibenwischer schneller. Das Ganze können Sie noch von innen einstellen.“

Tipp 2: Verzichten Sie auf emotionslose Hauptwort-Monster!

Sonne, Mond und Sterne sind so ziemlich die einzigen Hauptworte, die beim Zuhörer irgendetwas auslösen oder Gefühle wecken. Ansonsten sind es insbesondere die auf –ung endenden Ungetüme (wie „Technische Herausforderung“ und „Globalisierung“), die schwerfällig klingen und leblos wirken. Wenn Sie Adjektive oder Verben verwenden, treffen Sie viel direkter und klarer den Punkt.

Tipp 3: Vermeiden Sie Mode-Worthülsen ohne eine persönliche Note!

Die Listen der immer wieder gehörten Modewörter werden lang und länger.
Schlimmer noch: Es wird zunehmend langweiliger, zum x-ten Mal zu hören, dass „Change Management“ das Gebot der Stunde sei oder sie dank „interkultureller Kompetenzen“ einen USP (Unique Selling Proposition) vorzuweisen haben. 1000 Mal gehört – 1000 Mal daran gestört? Das muss nicht so bleiben. Wenn es Ihnen gelingt, eine Mode-Worthülse mit Ihrer persönlichen Note zu versehen und ein neues Bild zu erzeugen, dann machen Sie Ihr Publikum neugierig. Plötzlich sind alle gespannt zu erfahren, wie Ihr Auftritt weitergeht. Vielleicht beginnen Sie Ihren nächsten Vortrag zu „Change Management“ demnächst mit den Worten: „Böse Zungen behaupten, die einzigen Menschen, die wirklich an Change Management interessiert sind, sind Babies mit vollgeschissenen Windeln“ – schon haben Sie die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer und können dann erklären, warum…

Tipp 4: Verwenden Sie kurze, drastisch einfache Sätze!

Was haben Toyota, Obama und Media Markt gemeinsam?

Sie haben es verstanden, Ihre Botschaften auf den Punkt zu bringen und damit nachhaltig ein Bild in den Köpfen Ihrer Zuhörer zu erzeugen. Sie erinnern sich bestimmt:

„Nichts ist unmöglich“ - „Yes, we can“ - „Ich bin doch nicht blöd“

An welchen unvergesslichen Satz IHRES nächsten Auftritts werden sich IHRE Zuhörer noch lange erinnern?

Erfolgsfaktor 2: Gute Geschichten erzählen (Storytelling)

Wie ziehe ich das Publikum in meinen Bann?

Wer Kunden von seinen Produkten und technischen Neuerungen überzeugen  oder Mitarbeiter und Kollegen zum Mitmachen begeistern will, der erreicht mit spannenden und überzeugenden Geschichten immer mehr, als mit bloßen Zahlen und Fakten.

Zuhörern eine Botschaft zu vermitteln, den Funken überspringen zu lassen – das gelingt mit nüchternen Vorträgen oder Power-Point-Demonstrationen eher selten. Richtig fesseln und bewegen lassen sich Zuhörer allerdings hingegen mit einer gut erzählten Geschichte.
 
Seit Mitte der 90er Jahre entwickelten sich im deutschsprachigen und angelsächsischen Raum verschiedene Storytelling-Ansätze für das Management, mit dem Ziel, die Kommunikation und das Wissensmanagement in Unternehmen mit Hilfe von Geschichten, Erlebnissen und Beobachtungen zu verbessern.

Wichtige Elemente einer spannend erzählten Geschichte

1. Eine Kernbotschaft:

Mit Ihrer Kernbotschaft beantworten Sie die Fragen in den Köpfen Ihrer Zuhörer, z.B.:
Warum genau stehen Sie heute hier?
Warum sollte ich Ihnen zuhören?
Welche Erkenntnis soll ich heute mitnehmen?

2. Eine Ausgangssituation und ein Endzustand:

Wie ist die die aktuelle Situation (oder eine Entwicklung der letzten Monate/ Jahre) und wie soll es an einem von Ihnen definierten Zeitpunkt aussehen? Hier haben Sie die Chance zu zeigen, dass Sie wissen, wo die Reise hingehen soll – und warum es dann besser ist, d.h. eine neue Technologie die Prozesse verkürzt hat, Ihre Maschinen schneller laufen oder die internationale Zusammenarbeit Ihrer Firma mit Partnern in andern Ländern sich verbessert.

3. Ein Protagonist (Held):

Jede gute Geschichte hat einen Helden. Dieser Held hat eine klar umrissene Aufgabe (z.B. die Welt retten). Wenn Sie sich zum Helden Ihrer Geschichte machen, dann wird Ihren Zuhörern sofort klar, warum Sie vorne stehen und reden und was Sie von Ihnen erwarten. Um es klar zu sagen: Es geht dabei nicht um Selbstbeweihräucherung oder Arroganz. Es geht darum, ob Sie es schaffen, in wenigen Sätzen klar zu machen, warum Sie zum Beispiel der absolute Experte für eine neue Technologie sind und mit welchem anspruchsvollen Ziel/ Nutzen Sie diese in einem neuen Bereich einführen wollen.

4. Konflikte, Schwierigkeiten, Spannungen:

Der Held einer Geschichte wird insbesondere deshalb geliebt, weil er es schafft, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und immer wieder aufzustehen. Übertragen auf Ihren nächsten Vortrag: Wenn Sie andere davon überzeugen wollen, überlegen Sie, welche Zweifel und Probleme die Zuhörer womöglich haben oder sehen. Schildern Sie dann, wie Sie damit umgehen oder welche der befürchteten Schwierigkeiten Sie bereits überwunden haben – schon werden Sie glaubwürdiger und überzeugender.

5. Veränderungen

Erinnern Sie sich an das oben genannte Zitat, dass nur Babies mit vollgeschissenen Windeln an Change Management interessiert sind? Warum? Weil Sie genau wissen, dass der anschließende Zustand viel besser ist als vorher. Wenn Sie also bei Ihrem Thema für Veränderungen plädieren, sollten Sie nicht nur schildern, was gerade nicht gut ist, sondern ein klares Bild davon zeichnen, was sich konkret für das Unternehmen und den Einzelnen verbessern wird.

6. Authentische Erlebnisse:

Je mehr eigene Erfahrungen (und eventuell auch gemeinsame Erlebnisse mit den Zuhörern)
Sie in Ihre Geschichte einbauen, desto aufmerksamer werden die Zuhörer und desto
wahrscheinlicher nehmen sie Ihnen Ihre Geschichte ab.

Auch, wenn es Ihnen ungewohnt, fremd und bei Ihrem vermeintlich so trockenen Thema
unangebracht scheint: Trauen Sie sich, Bilder zu nutzen und Geschichten zu erzählen. Wenn
Sie nicht glauben, dass es funktioniert, dann denken Sie einmal darüber nach, bei welchem
(Fach)Vortrag in den letzten Monaten und Jahren Sie AHA-Erlebnisse hatten, begeistert
waren und wirklich etwas mitgenommen haben. Fragen Sie sich, mit welchem
Kunden Sie am liebsten Geschäfte machen, mit welchem Kollegen Sie am liebsten
zusammenarbeiten. Ich wette, Ihnen kommen ganz schnell Gesichter von Menschen in den
Sinn, die etwas Spannendes zu erzählen haben…

Autor des Artikels:

Bernd Sturm

Der Diplom-Kaufmann und Diplom-Handelslehrer ist seit 2002 selbstständig als Business Edutainer und Berater unterwegs – mit einer ausgeprägten Leidenschaft für die Themen Motivation, persönliche Wirkung und Kommunikation. Beim Thema „Rhetorik“ arbeitet er er bevorzugt mit Zielgruppen, die komplexe und schwierige Themen und Inhalte auf den Punkt bringen und überzeugend vortragen müssen.