Hochvoltbatterien sind heute ein zentrales Element des elektrifizierten Antriebsstrangs und bestimmen maßgeblich Kosten, Performance und Sicherheit eines Fahrzeugs. Wo sehen Sie aktuell die größten technischen und organisatorischen Herausforderungen bei der Entwicklung und Integration moderner Batteriesysteme?
Roberto Diesel: Hochvoltbatterien sind heute keine isolierten Komponenten mehr, sondern hochintegrierte Systeme. Entsprechend vielfältig sind die technischen Herausforderungen. Viele Zielkonflikte entstehen dabei weiterhin dadurch, dass Batteriesysteme in Fahrzeugplattformen integriert werden, die ursprünglich auch für Verbrenner- oder Hybridantriebe ausgelegt sind. Diese Mehrfachnutzung führt von Beginn an zu Kompromissen bei Bauraum, Crashstruktur, Thermomanagement und damit letztlich bei Kosten, Performance und Sicherheit. Reine BEV-Plattformen ermöglichen hier eine deutlich bessere Nutzung der batteriespezifischen Potenziale. Neben den technischen Aspekten bleibt auch die organisatorische Perspektive entscheidend. Die Abhängigkeit von Rohstoffen und Zellproduktion aus wenigen Regionen stellt nach wie vor eine zentrale Herausforderung dar. Gleichzeitig liegt darin auch eine strategische Chance für Europa: In der Forschung sind wir sehr gut aufgestellt – etwa bei alternativen Zellchemien oder beim Recycling. Die entscheidende Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, diese Ansätze konsequent in industrielle, skalierbare Serienlösungen zu überführen.
Neue Architekturen wie Cell-to-Pack oder Cell-to-Chassis versprechen Kostenvorteile und höhere Energiedichten. Wie bewerten Sie diese Ansätze aus Sicht der Serienreife und Absicherung?
Roberto Diesel: Diese Konzepte sind technologisch sehr vielversprechend und haben den Schritt in die Serie bereits vollzogen (aktuelles Beispiel Volvo CX60). Sie bieten klare Vorteile bei Kosten, Gewicht und Energiedichte. Die Anforderungen an funktionale Sicherheit, Absicherung, Reparaturkonzepte und Lebensdauerbetrachtung sind von Anfang an gesamtheitlich zu betrachten. Sie bringen zwar andere Herausforderungen mit sich als bisher, aber keine die man nicht lösen kann. Aus unserer Sicht funktionieren diese Architekturen vor allem dann optimal, wenn sie Teil einer konsequenten BEV-Plattformstrategie sind. Hier spielen sie ihre Vorteile vollumfänglich aus.
Sicherheit bleibt ein zentrales Thema bei Hochvoltbatterien – insbesondere im Crash- und Fehlerszenario. Welche Entwicklungen sehen Sie hier aktuell, und wo besteht aus Ihrer Sicht noch Handlungsbedarf?
Roberto Diesel: Auch hierbei ist eine integrierte Systembetrachtung entscheidend. Neben Verbesserungen auf Zell- und Packebene – etwa im Hinblick auf thermisches Durchgehen oder mechanische Robustheit – gewinnt das Zusammenspiel von Hochvolt- und Niedervolt-Systemen stark an Bedeutung, insbesondere im Post-Crash-Fall. Das Batteriemanagementsystem spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Zusätzlich sehen wir spannende neue Ansätze wie sogenannte „AC-Batterien“, bei denen einzelne Zellen oder Module gezielt angesteuert werden können. Dadurch lässt sich das effektive Spannungsniveau in bestimmten Bereichen des Hochvoltsystem deutlich reduzieren, teilweise bis auf Zellspannung, was neue Sicherheitskonzepte ermöglicht. Ergänzend gewinnen digitale Methoden an Bedeutung: Durch simulationsgestützte Entwicklung, digitale Zwillinge und synchronisierte Testumgebungen lassen sich sicherheitskritische Szenarien früher, umfassender und robuster absichern.
Der Druck auf Kosten, Entwicklungszeiten und Nachhaltigkeit steigt gleichzeitig. Wie können Entwicklungsdienstleister wie EDAG OEMs konkret dabei unterstützen, diese Zielkonflikte zu lösen?
Roberto Diesel: EDAG kann hier vor allem durch Systemkompetenz, Geschwindigkeit und Methodenstärke unterstützen. Mit unserem globalen Footprint, unserer engen Vernetzung mit OEMs und Zulieferern sowie gezielten Investitionen in neue Technologien sind wir in der Lage, Innovationen früh zu bewerten und zügig in belastbare Serienlösungen zu überführen. Ein wesentlicher Hebel liegt dabei in der Nutzung digitaler Engineering-Methoden, automatisierter Simulations- und Validierungsprozesse sowie KI-unterstützter Entwicklungsansätze. Dadurch lassen sich Iterationsschleifen verkürzen, Risiken früher erkennen und Zielkonflikte zwischen Kosten, Zeit und Nachhaltigkeit transparenter lösen.
Mit Blick auf die kommenden Jahre: Welche technologischen oder regulatorischen Veränderungen werden die Entwicklung von Hochvoltbatterien Ihrer Meinung nach am stärksten prägen?
Roberto Diesel: Wir werden in Zukunft nicht die eine Batterietechnologie sehen, sondern ein Portfolio unterschiedlicher Lösungen, die jeweils für spezifische Anwendungsfälle optimiert sind. Die Weiterentwicklung der Zellchemie bleibt dabei ein zentraler Treiber – von Natrium-Ionen-Batterien über verschiedene Solid-State-Ansätze bis hin zu kobaltarmen oder nickelreduzierten Zellkonzepten wie LNMO. Regulatorisch werden Themen wie der Batteriepass, steigende Recyclinganforderungen sowie neue internationale Sicherheitsvorgaben – etwa aus China – einen starken Einfluss auf Design, Absicherung und Lieferketten haben. Gleichzeitig eröffnen diese Vorgaben Chancen für mehr Transparenz, Nachhaltigkeit und Resilienz.
