Kupplungssystem als mechantronischer Aktor*

Ein Experten-Interview

o. Prof. Dr.-Ing. Dr.h.c. Albert Albers begann seine Laufbahn  mit einem Maschinenbaustudium an der Universität Hannover. Anschließend promovierte er zum Thema Drehzahlkennwerte von Wälzlagerungen und ging in die Industrie zu einem großen Automobilzulieferer auf dem Gebiet der Entwicklung von  Kupplungssystemen für Fahrzeuge und war zuletzt Entwicklungsleiter. Seit 1996 ist Albers Universitäts-Professor und Leiter des IPEK – Institut für Produktentwicklung an der Universität Karlsruhe heute Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seine Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklungsmethodik und  Antriebssystemtechnik.

Was macht Kupplungen für Sie besonders interessant?

Schon als Jugendlicher hat mich in der elterlichen Fahrzeugwerkstatt meine Kupplung im Motorrad beschäftigt, um noch giftiger anfahren zu können! Aber im Ernst: Meine Tätigkeit bei der Firma LuK – bei der ich an Kupplungssysteme für Fahrzeuge entwickeln durfte hat mir gezeigt, welche Herausforderungen die gezielte Entwicklung dieser Systeme bedeutet. Sie müssen praktisch das gesamte Fahrzeug, seinen Antriebsstrang und auch noch den Fahrer in diesem Auslegungsprozess berücksichtigen. Gleichzeitig ist die Physik der Reibung – die bei den Reibungskupplungen funktionsbestimmend ist – auch heute noch nicht wirklich vollständig verstanden, so dass hier große Forschungsbedarfe auch in der Zukunft vorliegen. Deshalb habe ich mir bei meinem Wechsel an die Universität von Anfang an das Thema Antriebssysteme mit deren Dynamik und den zugehörigen Komponenten – und damit Schwerpunkt die Kupplung mit den Torsionsschwingungsdämpfern – als einen Schwerpunkt unserer Forschung gewählt. Heute forscht eine ganze Gruppe junger Wissenschaftler mit mir gemeinsam auf diesem Gebiet.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Entwicklung von Kupplungen?

Das Kupplungssystem wird sowohl im Maschinenbau als auch im Fahrzeugbau mehr und mehr zu einem mechatronischen Aktor mit zentraler Bedeutung für die Gesamtfunktion des Antriebs. Denken Sie beispielsweise an die heutigen modernen Doppelkupplungsgetriebe im Fahrzeugbau. Darüber hinaus werden die Anforderungen an die Kupplungssysteme durch immer neue Antriebsstrangvariationen vielfältiger und der Ruf nach maximaler Effizienz und steigender Leistungsdichte reduziert die Sicherheitsreserven in erheblichem Maß. Daher wird es umso wichtiger das grundlegende Verständnis für dieses komplexe System durch konsequente Forschung weiter zu verbessern und in aussagestarke Modelle und Methoden zur Dimensionierung und Gestaltung den Entwicklern in den Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

Warum engagieren Sie sich im Programmausschuss der VDI-Fachtagung Kupplungen und Kupplungssysteme?

Die Fachtagung Kupplungen und Kupplungssysteme ist die wichtigste Plattform für Kupplungsexperten und Antriebssystemtechniker im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Für mich als Wissenschaftler eine der besten Möglichkeiten mit den führenden Experten aus Wissenschaft und Industrie die Bedarfe und Trends in der Welt der Kupplungen frühzeitig zu erkennen und maßgeblich mit zu gestalten. Gleichzeitig sind wir Kupplungs-Entwickler eine große Familie, die sich unter anderem auf der Kupplungstagung trifft um sich auszutauschen, kennen zu lernen und über Jahre gewachsene kollegiale Beziehungen und Freundschaften zu pflegen. Das ist für mich auch wichtig.

Was ist Ihr persönlicher Antrieb?

Ich bin zunächst ein im hohen Maß neugieriger Mensch dem es Spaß macht, Lösungen für technische aber auch organisatorische Herausforderungen zu finden und umzusetzen. Das hat mein ganzes Leben geprägt. Ich bin auch überzeugt, dass es keinen schöneren Beruf gibt als den des Ingenieurs gibt – und das gilt ganz besonders auch für Frauen, die ich immer wieder ermutige diesen Beruf zu ergreifen. Forschung gestaltet unsere Zukunft – das ist mein Lebensmotto als Wissenschaftler. Jeden Tag relevante Forschung an einem komplexen technischen System – den Fahrzeug-und Maschinenantrieben mit ihren Komponenten – und einem nicht weniger komplexen soziotechnischen System – dem Produktentwicklungsprozess mit seinen Methoden und handelnden Menschen – mit einer hochmotivierten Gruppe junger und erfahrener Wissenschaftler machen zu dürfen ist für mich eine Berufung und ein großes Geschenk.

Ihr Rat an Nachwuchskräfte, die in der Kupplungsbranche arbeiten wollen:

Entwickler für Kupplungssysteme müssen sich unabdingbar mit der Komplexität moderner Antriebssysteme auseinandersetzen. Kupplungsspezialisten bewegen sich zwischen unterschiedlichen Disziplinen: sie müssen daher die Sprache der Werkstoffexperten, die Sprache der Regelungsspezialisten, Getriebe und Motorentwickler wie auch weiterer Fachdisziplinen beherrschen. Und dann braucht es einen gehörigen Schuss Kreativität und Umsetzungsstärke um nicht nur zu analysieren sondern auch Lösungen zu finden und zu gestalten.

Insbesondere aber sollten junge Nachwuchskräfte sich nicht von dem ewigen Gerücht, dass die Kupplung als Konstruktionselement ein Auslaufmodell sei, beeindrucken lassen.

Die Kupplung ist eines der spannendsten technischen Teilsysteme im Fahrzeug- und Maschinenbau mit sehr viel technisch-wirtschaftlichem Potenzial und einer ganzen Reihe von ungelösten wissenschaftlichen Herausforderungen, die uns alle in der Kupplungsbranche noch viele Jahre beschäftigen werden.

Vielen Dank!