Sensoren als Datenlieferant: Mittelstand kann durch intelligente Informationsverarbeitung profitieren

Sensordaten wecken Begehrlichkeiten – bisher vor allem bei Software- und IT-Unternehmen. Während sich kleinere und mittlere Industriebetriebe oft noch schwer damit tun, Nutzen daraus zu generieren, zeigen andere Akteure wie sich Sensorik für andere Aufgaben clever nutzen lässt.

„Ich bin sicher, dass viele Unternehmen an der Schwelle zur Industrie 4.0 stehen“, sagt Thomas Simmons, Geschäftsführer des AMA Verband für Sensorik und Messtechnik in Berlin. Mit dem Kunstbegriff meint er die Digitalisierung industrieller Prozesse. „Es geht um das Zusammenwirken innerhalb einer ganzen Lieferkette“, stellt er fest. Auf dem Weg zu smarten Dienstleistungen seien dabei neue Sensorkonzepte und neue Geschäftsmodelle rund um einzelne Produkte und Fertigungstechniken gefragt.

Sensoren mit integrierter Signalverarbeitung erlauben dabei laut Simmons die Miniaturisierung von Baugruppen und reduzieren den Aufwand bei der Datenübertragung. Auch die Verknüpfung von Sensordaten mit anderen Informationen gewinne an Bedeutung, z. B. mit GPS-Daten zur Lokalisierung von Produkten im Werk. Für Simmons verschwinden dabei klassische Grenzen: „Wir beobachten schon lange die Verschmelzung von Sensorik und Messtechnik. Was aber fehlt, ist eine zentrale Koordination und eine gesicherte Datenablage.“

Immerhin beschäftigten sich laut der aktuellen AMA-Umfrage 42 % der Mitglieder bereits mit Konzepten der Industrie 4.0 im eigenen Unternehmen, 14 % haben solche Methoden bereits implementiert. Rund 44 % der Unternehmen zeigten sich dagegen noch unentschlossen und planen derzeit nichts in dieser Richtung.

Ugo Negretto, Geschäftsführer vom IT-Beratungsunternehmen Enicma, kennt die Bedenken im Mittelstand. „Bisher trauen sich viele Unternehmen nicht, Industrie-4.0-Projekte anzugehen.“ Gründe dafür seien Sicherheitsbedenken fehlende Standards, verwirrende Angebote der verschiedenen Softwarehersteller und die Unwissenheit, was eine solche Umgebung für das Unternehmen leisten und wie man sie schrittweise aufbauen könne. „Industrie 4.0 ist eben kein Stück Software, das man einfach so kaufen kann und dann im Unternehmen implementiert“, resümiert Negretto.

Anwender bräuchten eine klare Zielvorstellung und vor allem schnelle, einfache Lösungen, die sich rechneten und als Basis für weitere Digitalisierungsmaßnahmen genutzt werden könnten. Beispiele sind für Negretto Sensoren an Maschinen und Anlagen zur Messung von Verfügbarkeit, Leistung und Qualität in Echtzeit. Hier mache es keinen Sinn, auf Standards zu warten, „denn Normen brauchen sehr lange bis sie greifen“, so der IT-Berater.

Laut Negretto wird es immer leichter, unterschiedliche Sensoren und Anlagen über Softwareplattformen zu integrieren. Im Internet der Dinge, bzw. dem Internet of Things (IoT), gebe es einige Plattformen mit Schnittstellen für Sensoren und Anlagen verschiedener Hersteller. Darauf ließen sich Prozesse abbilden und Daten aus unterschiedlichen Quellen von der Sensorik über bestehende Softwaresysteme bis zu Informationen aus dem Internet miteinander verknüpfen.

Der Enicma-Geschäftsführer nennt ein Beispiel: „Einige Firmen nutzen die IoT-Plattformen, um sensorbezogen Energiedaten zu messen und die Informationen mit den Auftragsdaten zu verknüpfen.“ Das bedeutet, dass der Energieaufwand gemessen und die Kosten direkt einem Produkt oder Auftrag zugeordnet werden können. Zudem können damit energieintensive Aufträge identifiziert und in Zeiten geringerer Verbrauchskosten hergestellt werden.

Wichtig erscheint es Negretto, dass vorhandene Daten wie Messwerte aus den vorhandenen Automatisierungslösungen mit zusätzlichen Daten kombiniert und Einzelmessungen aggregiert werden, um ein zusammenhängendes Bild einer Fertigungslinie zu bekommen. „Automobilzulieferer sammeln auf diese Weise bereits Daten aus dem Prozess, legen sie strukturiert ab und lassen sie von Datamining-Experten analysieren, die nichts vom Prozess oder vom Produkt verstehen“, verdeutlicht er. Die gefundenen Korrelationen würden später im Engineering verwendet.

Wolfgang Wahlster, Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken, sieht darin die Zukunft: „Serviceplattformen werden in den nächsten Jahren so perfektioniert, dass auch kleine und mittelständische Unternehmen ihr eigenes Smart-Service-Angebot konfigurieren können.“ Auch ohne Programmierkenntnisse lasse sich dann aus Bausteinen ein eigener Shop zusammenzustellen.

Für AMA-Geschäftsführer Simmons sind das gute Perspektiven: „Um Smart Services einzuführen, braucht man Sensorik, die die Daten liefert und ein Modell, das es erlaubt, die Daten auch mit den Beteiligten auszutauschen.“ Er kommt zu dem Ergebnis: „Das ist eine Frage der Mentalität, die auch für mittelständische Unternehmen viel verändern wird.“

Autor des Artikels:

Roland Hensel