Unbequeme Wahrheiten – sinnvoll, aber nicht einfach auszusprechen

„Sie sind unzuverlässig!“

Schlagartig herrschte Stille. Der Vetriebsvorstand schaute mich überrascht an. Er saß zusammen mit seinen Führungskräften und mir in einem Konferenzraum. Sein Unternehmen hatte einen Wettbewerber gekauft. Ich moderierte an dem Tag das Kick-Off-Meeting für die Post-Merger-Integration der Vertriebsmannschaften. Von zwölf Anwesenden hatten sich zehn auf ihre Präsentation vorbereitet.

Für den Vorstand und einen Mitarbeiter galt: „Sie sind unzuverlässig!“ Als Berater werde ich nicht für Streicheleinheiten bezahlt. Das ist zwar nicht immer angenehm. Aber es ist dringend notwendig.

SANKTIONEN VERSUS ZUKUNFTSSICHERHEIT

Die unbequeme Wahrheit suchen Sie in den meisten Unternehmen heutzutage leider vergeblich. Es gibt zwar zahlreiche Lippenbekenntnisse zu Streitkultur, Diskussionskultur oder zur Kultur des offenen Austauschs – aber Sie kennen die Realität: Gewünscht ist letztlich nichts als Gehorsam. Eine Streitkultur ist bestenfalls als Einbahnstraße ausgeprägt: nämlich die Hierarchie von oben nach unten.

Die Symptome sind schnell zu finden: wer den Mund aufmacht und eine heikle Botschaft oder eine unbequeme Wahrheit überbringt, kassiert am Ende die „Prügel“. Das findet dann natürlich zivilisiert und gut versteckt statt: in Form von nicht genehmigten Urlaubsanträgen, unliebsamen Projekten oder plötzlich auftauchenden Glasdecken auf der Karriereleiter.

Und das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich. Denn wenn in Unternehmen nicht konstruktiv gestritten wird, riskieren wir unsere Zukunftsfähigkeit. Ich erlebe immer wieder, dass es gerade das Aussprechen der unbequemen Wahrheit ist, was Unternehmen fit für die Zukunft macht. Um den heißen Brei herumzureden, bringt uns nicht weiter – weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich. Die Wahrheit beim Namen zu nennen, erfordert jedoch häufig mehr als das übliche Quäntchen Mut.

AM ANFANG WAR DAS WORT

Nachdem sich alle Anwesenden im Konferenzraum vom ersten Schock der Botschaft „Sie sind unzuverlässig“ erholt hatten, diskutierte ich mit den Führungskräften den Wert „zuverlässig“. Denn es macht keinen Sinn, einzelne Verhaltensweisen zu kritisieren, wenn es auf der Werte-Ebene Unstimmigkeiten gibt. Welche Werte sind uns eigentlich wichtig? Und was bedeuten sie konkret? Erst dann macht es Sinn, darüber nachzudenken, wie man den einzelnen Wert auch lebt.

Wir einigten uns darauf, dass Zuverlässigkeit bedeutet: Ich halte mich an die Absprache. Sollte ich es nicht schaffen, gehe ich aktiv auf die Beteiligten zu und verhandle das Ergebnis neu. Damit konnten alle leben und wir hatten nun eine Basis für zukünftige Meetings.

UNBEQUEME WAHRHEIT ALS VERTRAUENSBEWEIS

In der Kaffeepause ging ich auf den „unzuverlässigen“ Mitarbeiter zu. Ich dachte mir, der Vorstand wird die Botschaft schon ausgehalten haben, aber den Mitarbeiter wollte ich wieder etwas aufmuntern: „Nimm es mir nicht übel“, sagte ich ihm, „dass ich dich als ‚Kanonenfutter‘ benutzt habe. Aber wir brauchen in unserer Zusammenarbeit Zuverlässigkeit.“

Bevor er antworten konnte, mischte sich der Vorstand ein: „Entschuldige dich jetzt ja nicht bei ihm! Das ist genau das, wofür ich dich engagiert habe. Dass du uns die Wahrheit sagst, auch wenn es unbequem ist.“

Eine super Reaktion des Vorstands. Genau solche Führungskräfte brauchen wir! Er war von der heiklen Botschaft ja genauso betroffen gewesen. Doch er zeigt Haltung. Nämlich die Haltung, eine Kritik an seinem Handeln als Führungspersönlichkeit nicht als Meuterei zu verstehen – sondern als Vertrauensbeweis. Das bietet ihm Möglichkeit, besser zu werden.

Doch ich beobachte regelmäßig, dass die heiklen Botschaften wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen werden. Nachvollziehbar. Denn es kostet Mitarbeiter schlichtweg Mut, Missstände anzusprechen. Sie müssen dazu ihre Komfortzone verlassen und mutig ihre Meinung vertreten in der Hoffnung, dass sie dafür keine negativen Konsequenzen, sondern ein Danke für das offene Wort erhalten. Streitkultur gehört also auf die Agenda der Führungskräfte.

STREITEN – WOZU?

Ich erlebe in meinen Projekten immer wieder die Diskussion, dass sich viele Menschen gar nicht streiten wollen. Dann stelle ich gerne eine Gegenfrage: Was für ein Team wollen Sie führen?

  • Ein Team aus Ja-Sagern, die Sie behandeln wie einen Halbgott auf Erden, die links herum laufen, wenn Sie „links“ sagen, und Ihnen stets zustimmen oder
  • ein Team aus unbequemen Mitarbeitern, die Ihre Meinung hinterfragen, die neue Perspektiven einbringen, die verstehen wollen, warum sie nach links laufen, bevor sie es tun?

Öffentlich bekennen sich Führungskräfte natürlich für das unbequeme Team. Doch warum passt dann die gelebte Praxis nicht zu dieser Theorie? Sie brauchen unbequeme Teams. Denn nur wenn wir uns gegenseitig hinterfragen, erhöhen wir die Qualität unserer Gedanken. Nur so gewinnen wir neue Einsichten und können sinnvolle Lösungen für die immer komplexer werdenden Fragestellungen entwickeln.

Manchmal braucht es dazu einen Impuls durch einen externen Dritten, der dafür bezahlt wird, die unbequeme Wahrheit beim Namen zu nennen – auch wenn es häufig unangenehm ist. Doch meine Kunden wissen, dass dieser Finger in der Wunde sie besser macht, Geschwindigkeit erhöht und notwendige Veränderungen auf den Weg bringt. Fühle ich mich dabei immer gut? Nein. Aber das muss ich auch nicht. Denn ich weiß, dass ich mit der Wahrheit anderen etwas Gutes tue – ob im Coaching, unter Freunden oder in meiner Rolle als Vater.

Wie sieht es bei Ihnen aus: Wem sollten Sie mal wieder die unbequeme Wahrheit sagen?

Informationen zum Autor

Peter Holzer
Redner. Coach. Autor.

Peter Holzers Karriere war bilderbuchhaft – bis zu seiner Tumorerkrankung. Tiefpunkt? Sicher. Aber aufgeben? Niemals! Seit seinem beruflichen Neuanfang ist Holzer einer der gefragtesten Redner und Berater im deutschsprachigen Raum.

Büro Peter Holzer
Fon: +49 (221) 300 6000
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Im Herbst 2017 ist sein Buch „Mut braucht eine Stimme. Wie Sie Ihrem Leben Wirkung geben“ im GABAL-Verlag erschienen. Details und Leseprobe: www.mut-zur-haltung.com