Vernetzung und Nebenwirkung als unbekanntes Wesen?

In immer komplexer werdenden Gebäuden kommt es zunehmend auf anlagentechnischen und organisatorischen Brandschutz an. Denn er ermöglicht Abweichung von den bisherigen Beschränkungen, die das Bauordnungs- oder auch das Versicherungsrecht auferlegen.

 

Dabei sind die meisten Einzelanlagen für sich betrachtet noch recht ordentlich geplant und ausgeführt. Bei der Vernetzung dieser einzelnen Bereiche mit den übrigen sicherheitstechnischen Anlagen sieht es häufig jedoch ganz anders aus. Verantwortlich ist zum einen die enorme Komplexität des Themas. Doch die angesprochenen Mängel gehen ebenso auf das Konto der traditionellen Abgrenzung einzelner Gewerke.

Dies führt zu erheblichen Problemen: Das reibungslose Ineinandergreifen der Anlagen und ihrer Komponenten ist oft nicht sichergestellt. Es fehlt sowohl an zusammengefassten Dokumentationen als auch an einer Anpassung an den Trend, dass Gebäude heutzutage viel häufiger umgenutzt werden.

Der anlagentechnische Brandschutz steht somit vor großen Aufgaben. Die Betrachtungsweise muss von Einzelanlagen weg, hin zu einem holistischen Ansatz gelangen, um den Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.

Welche Gebäude brauchen keinen vernetzten anlagentechnischen Brandschutz?

Bei der Frage danach, bei welchen Anlagen man auch gut ohne vernetzten anlagentechnischen Brandschutz auskommt, gilt die Regel des traditionellen Baurechts: Sind die Brandabschnittsflächen nicht größer als 1.600 m2, kann oft darauf verzichtet werden. Freilich dürfen in diesem Fall ausreichend widerstandsfähige Außenflächen nicht fehlen, die ein potenzielles Schadensfeuer auf den entsprechenden Abschnitt beschränken.

Gebäude werden immer stärker technisiert und immer mehr Ver- und Entsorgungsleitungen führen in die einzelnen Räume. Diese Durchdringungsstellen gilt es so zu schützen, dass sie einem Brand keine Möglichkeit bieten, überzuspringen. Daher ist es unbedingt nötig, solche Verschlüsse regelmäßig zu warten und Elektro-, Sanitär- und Lüftungsmonteuren penibel auf die Finger zu schauen: Neue Öffnungen in einer Brandwand, die im Anschluss nicht sachgemäß verschlossen werden, müssen unbedingt verhindert  werden.

Herausforderung vernetzter anlagentechnischer Brandschutz

Sobald Brandabschnitte die Fläche von 1.600 m2 überschreiten oder spezielle Risiken vorliegen, ruft das den anlagentechnisch vernetzten Brandschutz auf den Plan. Dabei können abhängig vom jeweiligen Konzept ganz unterschiedliche Ziele verfolgt werden:

  • die Brandentstehung zu verhindern
  • entstehende Brände schnell zu erkennen und weiter zu melden
  • die Selbstrettung zu optimieren
  • durch ausreichende Luftqualität sowohl Selbst- und Fremdrettung als auch den Innengriff zu unterstützen
  • größere Räume zu unterteilen
  • die Ausbreitung des Brandes zu begrenzen und das Feuer einzudämmen
  • trennende und / oder tragende Konstruktionen standfester zu machen

Abbildung 1: Je nach Brandphase sind unterschiedliche Brandschutzmaßnahmen sinnvoll

Entsprechend dieser Ziele können verschiedene Maßnahmen während der unterschiedlichen Phasen eines Brandes implementiert werden, wie Abbildung 1 zeigt. Für den anlagentechnischen Brandschutz kommt es vor allem auf die Phase vor Beginn des Vollbrandes an. Ist dieser einmal ausgebrochen, sind seine Möglichkeiten begrenzt.

Die Funktionsweise dieser Maßnahmen setzt gewisse Wechselwirkungen voraus:

  • zwischen den Elementen des anlagentechnischen Brandschutzes untereinander, also z. B. zwischen Sprinkler und Rauchabzug
  • zwischen den Komponenten des anlagentechnischen Brandschutzes und der Haustechnik, z. B. Rauchabzug und Raumlüftung
  • zwischen diesen technischen Anlagen und dem baulichen Brandschutz, z. B. Rauchableitung und Brandschutzklappe

Diese Relationen legen die Schlussfolgerung nahe, dass ausreichend vernetztes Wissen, Planen und entsprechendes Handeln unverzichtbar sind. Ein Blick auf die tägliche Praxis hingegen genügt, um ernüchtert festzustellen, dass:

  • Brandschutzplanung meistens ohne ausreichende Abstimmung mit der Haustechnik erfolgt.
  • die unterschiedlichen anlagentechnischen Systeme zumeist nicht durch das Brandschutzkonzept hinreichend miteinander oder dem baulichen Brandschutz verbunden sind.
  • ein hauptverantwortlicher Fachmann für das Gesamtsystem Brandschutz fast immer fehlt.
  • der Betreiber bei der Übergabe für gewöhnlich keine zusammengefasste Brandschutzdokumentation erhält, sondern mit Einzelprospekten zu den verwendeten Komponenten überflutet wird.

Politische Veränderungen erschweren diese Hürden noch weiter: Der Staat übernimmt immer weniger Verantwortung für den Brandschutz. Unter dem Banner von Liberalisierung und Ökonomisierung des Baugewerbes weicht der Staat seine bisherigen Auflagen zunehmend auf.

Es lässt sich also festhalten, dass der anlagentechnische Brandschutz bei der Planung und Ausführung oftmals althergekommene Gewerke- und Gewährleistungsgrenzen überwinden muss. Außerdem kann anlagentechnischer Brandschutz nur dann funktionstüchtig sein, wenn das Zusammenwirken der einzelnen Elemente untereinander mit der Haustechnik sowie dem organisatorischen und baulichen Brandschutz sichergestellt ist. Dies ist das Aufgabenfeld eines Brandschutzbeauftragten, der vom Geschäftsführer des Gebäudebetreibers eingesetzt werden kann.

Wechselwirkungen – praktische Beispiele

Als anschauliches Beispiel für die möglichen Wechselwirkungen innerhalb des anlagentechnischen Brandschutzes schauen wir uns nun das Zusammenwirken von Sprinkleranlagen und Rauch- und Wärmeabzugsanlagen (RWA) näher an.

Bis zur Veröffentlichung des VdS Merkblattes 2815 [4] ging man davon aus, dass geöffnete RWA die im Deckenbereich noch vorhandene Heißgasschicht fast vollständig abfließen lassen und diese so nicht mehr ausreichen würde, um die Sprinklerköpfe auszulösen. Man installierte ergo für die einzelnen Rauchabzugsgeräte eine Auslösetemperatur von 93 °C und für die Sprinkler eine von 72 °C. Besagtes Merkblatt zeigte jedoch eindrücklich, dass dies ein Fehler war: Der Sprinkler in Verbindung mit dem natürlichen Rauchabzug zeigte keine negative Wechselwirkung. Die Systeme sollen nun sogar bei den gleichen Auslösekriterien aktiviert werden. ESFR-Anlagen hingegen gilt es im Hinblick auf die Auslösung weiter zu differenzieren.

Schauen wir uns auch noch ein Fallbeispiel für die Relationen zwischen anlagentechnischem Brandschutz und der Haustechnik an. Hier geht es im Folgenden um das Zusammenwirken von Rauch- und Wärmeabzugsanlagen (RWA) zu Lüftungsanlagen.

Lüftungsanlagen leiten für gewöhnlich die Zuluft über die Decke in den Raum ein, und zwar dort, wo ebenfalls die Abluft den Raum verlässt. Das Problem dabei: Im Brandfall werden die in den Deckenbereich einströmenden Brand- und Rauchgase von der Zuluft erfasst und in den Bodenbereich zurück befördert. Ergo verraucht der Raum. Die Lösung ist, Misch- und Umlüftungsanlagen im Brandfall zügig zu deaktivieren.

Die beiden Beispiele zeigen, wie wichtig die Auffassung des Brandschutzes als Gesamtkonzept ist: Würde die Bereiche einzeln betrachtet werden, würde dies gravierende Folgen nach sich ziehen, die sogar Menschenleben gefährden.

Ganzheitlichen Brandschutz gezielt umsetzen – Die Brandfallsteuerungsmatrix

Eine sogenannte Brandfallsteuerungsmatrix ist eine große Hilfe dabei, das Projekt vernetzten anlagentechnischen Brandschutzes anzupacken. Auf der Grundlage einer Schnittstellenmatrix, die die möglichen Funktionen des installierten anlagentechnischen Brandschutzes darstellt, kann eine solche Brandfallsteuerungsmatrix erstellt werden, wie Bild 2 und 3 illustrieren.

Abbildung 2: Beispiel einer Schnittstellenmatrix

Abbildung 3: Beispiel einer Funktionsmatrix

Bei komplexeren Gebäuden empfiehlt es sich, einen eigens für diesen Bereich Verantwortlichen zu ernennen, einen sogenannten Brandfallsteuerungsmatrix-Beauftragten. An dieser Stelle müssen alle Fäden zusammen finden und die gesamte Funktionskette muss erfasst werden – eine lediglich die einzelnen Gewerke aufnehmende Arbeit genügt hier nicht.

Das Ziel? Vernetzung aller Gewerke für einen umfassenden Brandschutz

Dies muss die Vision des vernetzten anlagentechnischen Brandschutzes sein: Anstatt Einzelanlagen zu addieren, ein einheitliches, ineinander greifendes System von Komponenten zu entwickeln, das umfassend vor Bränden schützt. Dies ist für die Branche Chance und Herausforderung zugleich.

Autor des Artikels:

Thomas Hegger, Geschäftsführer, Fachverband Tageslicht und Rauchschutz e.V.