Was ist aus Ihrer Perspektive aktuell die größte Herausforderung beim Umbau und Ausbau von Wärmenetzen?
Dr. Ulrich Liebenthal: „Aktuell birgt der Vierklang aus Skalierung (also Ausbau), Dekarbonisierung, Rentabilität und Preisstabilität eine große Herausforderung. Mit der angekündigten Regulatorik wurde eine Transformation im Wärmesektor angestoßen. Doch es scheint, als würde der Rückenwind aus Berlin nachlassen. Im aktuellen Umfeld wird der Fernwärmeausbau immer noch durch regulatorische Hemmnisse wie z.B. der Wärmelieferverordnung ausgebremst.“
Dr. Stefan Richter: „Die eine größte Herausforderung gibt es eher nicht. Es sind die vielen z.T. sehr gegensätzlichen und oft variablen Anforderungen, auf die wir alle in der Transformation reagieren müssen:
- Die gesetzlichen und Förderanforderungen erfüllen!
- Die jeweilige Unternehmensstrategie und das taktische Handeln genau daraufhin anpassen!
- Den Kundeninnen und Kunden attraktive Preise bieten!
- Investitionen auf einer langen Perspektive entscheiden und dann Einzelmaßnahmen umsetzen, während kurz- und mittelfristig die energiepolitischen und -wirtschaftlichen Rahmenbedingungen variieren.
- …
Und in diesem Feld bewegen wir uns als Dienstleister, Planer und Berater. Wir müssen beim Ziel beraten, bei der Umsetzung mitwirken und das mit Änderungen der Randbedingungen auf sehr kurzen Zeitskalen. Aber alles da müssen wir immer mit dem Blick auf das Ziel 2045 bewältigen. Zugleich müssen wir die wichtigen, strategischen Dinge im Auge behalten und die operativen und taktischen Fragen dem Unterordnen.“
Gerhard Stryi-Hipp: „Aus Forschungsperspektive gibt es zwei große Herausforderungen.
Erstens braucht es eine praxistaugliche Weiterentwicklung der Wärmenetze und der Netztechnik, die es erlaubt, die verschiedenen klimaneutralen Wärmequellen einzubinden, was z.B. eine Reduktion der Netztemperaturen, eine Ermöglichung einer dezentralen Einspeisung von Wärme ins Wärmenetz oder den Betrieb verschiedener Abschnitte eines Wärmenetzes auf unterschiedlichen Temperaturniveaus bedeuten kann. Allerdings kann es auch sein, dass z.B. Wärmepumpen, die immer höhere Temperaturen bereitstellen, eine Netztemperaturreduktion überflüssig machen. Gleichzeitig müssen die Wärmenetze ausgebaut werden, d.h. in manchen Netzteilen mehr Wärme transportiert werden, die Sektorenkopplung fordert möglicherweise einen flexibleren Betrieb der Netze sowie die Einbindung von Wärmespeichern unterschiedlicher Größe von Tages-, über Wochen- bis Saisonalspeicher. Dabei geht es auch darum, die Kosten für den Bau der Wärmenetze möglichst zu reduzieren, um die Wärmepreise bezahlbar zu halten.
Zweitens müssen optimale Wärmeversorgungskonzepte für Städte und Quartiere möglichst belastbar berechnet werden. Da Wärmenetze über Jahrzehnte betrieben werden, muss ihre Wirtschaftlichkeit langfristig gesichert sein. Um festzustellen, wo welche Wärmenetze auch in 20 Jahren (wenn die Klimaneutralität erreicht sein soll) sinnvoll und wirtschaftlich sind, müssen die technischen Entwicklungen in allen Energietechnologien in diesem Zeitraum abgeschätzt werden und dabei nicht nur die Wärmeversorgung, sondern das gesamte Energiesystem berücksichtigt werden (Wärmeerzeugung mit Strom und grünen Gasen sowie die Verfügbarkeit von Strom und grünen Gasen). Weiter sind alle Wettbewerber zur zentralen Versorgung über Wärmenetze (z.B. dezentrale Wärmepumpen, grüne Gase etc.), die Akzeptanz der Technologien (Anschlusswahrscheinlichkeiten) sowie die regulativen Rahmenbedingungen zu bewerten, um die Wettbewerbsfähigkeit von Wärmenetzen zu ermitteln. Die Berechnungen haben eine große Zahl von Unbekannten, so dass es keine endgültige Sicherheit geben kann, allerdings können Entwicklungspfade berechnet werden, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben.“
Welche Erfahrungen aus Ihrem Alltag prägen das Konferenzprogramm?
Dr. Ulrich Liebenthal: „Im Alltag zeigt sich, dass die Zeit der Transformationspläne abgeschlossen ist und Großprojekte in die Umsetzung gegangen sind. Das Ziel der Klimaneutralität ist damit allerdings nicht erreicht. Höhere Zinslasten, sinkende Eigenkapitalquoten und Abschreibungen belasten zunehmend Geschäftsergebnisse und erfordern neue Lösungsansätze.“
Dr. Stephan Richter: „Drei Fragen haben mich im Programm gelenkt, die wir uns selbst und die uns unsere Auftraggeber immer wieder im Arbeitsalltag stellen: 1) Wie verlässlich sind die politischen und energiewirtschaftlichen Randbedingungen? 2) Wie sehen gute Gelingbeispiele aus? 3) Wie lässt sich das finanzieren/bezahlen?“
Gerhard Stryi-Hipp: „Der Wärmesektor war lange Zeit ein sehr beständiger Sektor, der sich nur sehr langsam verändert hat, insbesondere, was die zentrale Versorgung über Wärmenetze angeht. Seit einigen Jahren ändern sich die Anforderungen, die Technologien in der Wärmeversorgung und die Erwartungshaltung der Politik, Öffentlichkeit und der Kunden sehr schnell und der Sektor tut sich schwer, die notwendige Dynamik der Transformation der Wärmeversorgung zu entwickeln, auch weil die politischen Rahmenbedingungen immer wieder verändert werden. Deshalb braucht es eine fachliche Begleitung durch innovative Planungsbüros und die Forschung.“
Welchen Mehrwert bietet die Konferenz? Und auf welchen Programmpunkt freuen Sie sich dieses Jahr besonders?
Dr. Ulrich Liebenthal: „Wir versuchen auch in diesem Jahr die Theorie des Ausbauens mit Beispielen aus der Praxis anzureichern. Quasi das Salz in der Suppe. Darauf freue ich mich immer besonders, weil es zeigt, mit welchem Einsatz und auch mit welcher Kreativität viele Unternehmen die Wärmewende vorantreiben.“
Dr. Stephan Richter: „Die Konferenz bietet eine Austauschplattform für alle Akteursebenen der Transformation, für Politik, Versorgungswirtschaft inkl. Verbänden, Wissenschaft, Beratungs- und Planungsgesellschaften. Die Transformation erfordert Kraftanstrengungen auf allen diesen Ebenen und lebt vom Austausch. Das bietet die Konferenz mit dem Dreiklang aus energiewirtschaftlichen/energiepolitischen Themen, Innovationen und Umsetzungsbeispielen. Der Austausch der Themen zwischen den Ebenen ist es, der aus meiner Sicht der besondere Wert dieses Formats ist.“
Gerhard Stryi-Hipp: „Der Mehrwert der Konferenz ist, dass die relevanten Herausforderungen, vor denen die Wärmenetzbranche in der Praxis steht, diskutiert werden, wobei viele konkrete Projekte und Erfahrungen von Praktikern und Lösungskonzepte von Experten vorgestellt werden.
Ich bin sehr gespannt auf die Diskussionen über die Frage, wie die kommunalen Wärmepläne von den Akteuren in die Praxis überführt werden, da dies die Gretchenfrage der Branche ist, wie dies gelingen kann.“