Dr. Hendrik Susemihl ist Mitgründer und CEO der goodBytz GmbH. Das Hamburger Unternehmen entwickelt KI-gestützte Robotiklösungen für die Gastronomie und Großküchen. Beim VDI-Kongress smartAI setzt er mit seiner Keynote den Schlusspunkt und gibt Einblicke in Chancen und Trends der Robotik.
Chancen der Robotik – von der Industrie bis zur Großküche
Warum Zugänglichkeit der Schlüssel zu neuen Robotik-Anwendungen ist
Robotik verändert längst nicht mehr nur industrielle Produktionsprozesse. Sie eröffnet neue Einsatzfelder, rückt in Anwendungsbereiche wie Gastronomie oder Pflege vor und schafft hier Lösungen für den Fachkräftemangel. Welche Chancen darin liegen, diskutieren die Teilnehmenden des VDI-Kongresses smartAI. Den Schlusspunkt setzt Dr. Hendrik Susemihl, Co-Founder und CEO der goodBytz GmbH, mit seiner Keynote. Im Interview gibt er vorab Einblicke in Technologien, Trends – und in die Frage, warum Roboter bald selbstverständlich auch in Großküchen arbeiten könnten.
Herr Dr. Susemihl, handelt es sich beim Zusammenspiel von KI und Robotik aus Ihrer Sicht eher um eine Evolution oder eine Revolution – und warum?
Dr. Hendrik Susemihl: Es ist beides. Der Weg zum heutigen Stand von KI und Robotik ist eine Evolution aus Jahrzehnten langer Forschung und Entwicklung. Die Auswirkungen auf unser tägliches Leben hingegen sind eine Revolution. Das, was KI-Assistenten und -Agenten im Softwarebereich bereits in wenigen Jahren revolutioniert haben, passiert gerade auch in der physischen Welt. Robotik ist dabei die Verkörperung der KI. Und auch wenn die naheliegendste Verkörperung, die wir uns vorstellen, Humanoide zu sein scheinen, wird es meiner Meinung nach diverse Formen geben. So wie unsere intelligenten Roboter für die Food-Branche. In Küchen, Kantinen oder Restaurants ist der Alltag viel weniger planbar als in Fabriken. Genau hier wird KI ihre Stärken ausspielen können, das Verhalten von Robotern anpassbarer an die jeweilige Situation zu machen.
Was unterscheidet intelligente Robotik von klassischer Automatisierung?
Dr. Hendrik Susemihl: Klassische Automatisierung funktioniert nur in starren Umgebungen mit wiederholgenauen Abläufen. Intelligente Robotik versteht das Umfeld, lernt aus Daten und arbeitet sicher mit Menschen zusammen. Statt fest programmierter Abläufe haben wir ein dynamisches Wahrnehmen, Planen und Handeln mit kontinuierlichem Qualitätsfeedback in Echtzeit. Ein einfaches Beispiel ist ein A-la-carte Service in einem Restaurant: Jeder bestellt das, wonach ihm spontan gerade der Sinn steht. Keine Vorbestellung, keine Planung. Genau das macht unsere Technologie so stark, intelligente Robotik zu nutzen, um trotz dieses Umfeldes effizient und zuverlässig zu sein.
Welche Rolle kann Robotik als Antwort auf Herausforderungen wie Ressourcenknappheit oder demografischem Wandel und Fachkräftemangel spielen?
Dr. Hendrik Susemihl: Robotik ermöglicht es, Qualität zu skalieren, Ausschuss zu reduzieren und Menschen von monotonen und körperlich belastenden Tätigkeiten zu entlasten. Sie stellt Versorgung auch dort sicher, wo Personal fehlt, und schafft neue Rollen in Wartung, Qualitätssicherung und Operations. Effizienzgewinne gehen mit verlässlicher Versorgung im Alltag einher.
Welche Verantwortung tragen Entwickler:innen von Robotiklösungen gegenüber den Nutzer:innen und der Gesellschaft?
Dr. Hendrik Susemihl: Systeme müssen von Beginn an auf Sicherheit, Datenschutz und Transparenz ausgelegt sein. Darüber hinaus sehe ich vor allem die Zugänglichkeit der Technologie für alle. Zum einen durch eine extrem einfache und intuitive Benutzung, zum anderen durch Preise und Finanzierungsmodelle, die auch kleineren Unternehmen den Einstieg ermöglichen. Genau wie es KI in den letzten Jahren gezeigt hat, spielt jeder, der sie richtig nutzt, ein vollkommen anderes Spiel mit einem unaufholbaren Wettbewerbsvorteil gegenüber denen, die sie nicht nutzen. Genau das gleiche gilt auch für den Einsatz von Robotik.
Wie können Unternehmen auf gesellschaftliche Ängste angemessen reagieren und für mehr Akzeptanz intelligenter Systeme sorgen?
Dr. Hendrik Susemihl: Es geht nicht darum, nur zu versprechen – sondern zu zeigen. Offene Pilotprojekte, messbare Ziele, Einbindung der Teams vor Ort und Qualifizierungsangebote sorgen für Vertrauen. Wenn Beschäftigte spürbar profitieren, etwa durch weniger Stress, verlässlichere Schichten und bessere Ergebnisse, steigt die Akzeptanz automatisch. Darüber hinaus müssen Ängste durch den direkten Kontakt zur Technologie abgebaut werden. Wer es einmal in echt erlebt, versteht es viel besser. Aus diesem Grund sind wir mit unseren Robotern auf diversen, vor allem auch nicht technischen Events präsent und demonstrieren Menschen live, wie sie mit besserem Essen von der Technologie profitieren können.
Sollte es ethische Leitlinien oder gar rechtliche Grenzen für den Einsatz KI-gesteuerter Robotik geben?
Dr. Hendrik Susemihl: Ja, auf jeden Fall. Sichere KI im Allgemeinen ist wohl eines der größten menschlichen Herausforderungen unserer Zeit. Auf der einen Seite verspricht KI unglaublichen gesellschaftlichen Fortschritt, von dem Menschen profitieren können. Auf der anderen Seite droht ein Wettrennen zwischen den Nationen und Unternehmen, wie es bereits begonnen hat, um für die Vorherrschaft der Technologie jegliche Risiken in den Hintergrund zu stellen. Wir in Europa haben die Chance, in der Fusion aus KI und Robotik wieder die technologisch führende Nation zu werden. Diese Chance müssen wir anpacken und verfolgen. Gleichzeitig brauchen wir einen transparenten und intensiven Umgang mit dem Thema Sicherheit.
Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht Explainable AI (XAI) im Kontext intelligenter Robotik – also der Wunsch nach nachvollziehbaren Entscheidungen?
Dr. Hendrik Susemihl: Explainable AI ist im Bereich intelligenter Robotik für mich kein Nice-to-have, sondern ein absolutes Muss. Wenn Roboter zunehmend eigenständig handeln, müssen Menschen nachvollziehen können, warum eine Entscheidung so gefallen ist. Nur so entsteht Vertrauen und Akzeptanz. Gleichzeitig ist Nachvollziehbarkeit entscheidend für Sicherheit und Verantwortung, besonders, wenn Roboter physisch mit uns interagieren. Und nicht zuletzt: Wer mit Robotern zusammenarbeitet, muss ihr Verhalten antizipieren können. Transparenz macht sie berechenbarer und damit zu echten Partnern. Zudem ist Explainable AI auch regulatorisch relevant, denn nur erklärbare Systeme erfüllen langfristig die ethischen und rechtlichen Anforderungen. Kurz: Ohne Erklärbarkeit wird es keine breite gesellschaftliche Akzeptanz intelligenter Robotik geben.
Was sind aktuell noch „blinde Flecken“ – also Branchen, in denen KI und Robotik bislang unterschätzt werden?
Dr. Hendrik Susemihl: Viele denken bei KI und Robotik sofort an klassische Industrien wie Automobilfertigung oder Logistik. Aber es gibt noch etliche blinde Flecken. Gerade im Gesundheitswesen, in Pflegeeinrichtungen oder in der Gastronomie ist das Potenzial riesig – wird aber bislang oft unterschätzt. Dort könnten Roboter nicht nur monotone oder körperlich belastende Aufgaben übernehmen, sondern auch die Qualität und Verlässlichkeit von Prozessen deutlich steigern. Auch im Bereich Landwirtschaft oder Bauwirtschaft steckt noch viel ungenutztes Potenzial. Kurz gesagt: Überall da, wo bislang manuelle, repetitive Arbeit dominiert, wird KI-gestützte Robotik in den nächsten Jahren einen Unterschied machen – und zwar oft dort, wo es heute kaum jemand erwartet.
Was muss aus Ihrer Sicht in Deutschland oder Europa passieren, damit wir bei KI und Robotik nicht den Anschluss verlieren?
Dr. Hendrik Susemihl: Europa muss vom Forschungsvorsprung in die Umsetzungskraft kommen. Bei der KI sind die USA und Asien voraus, doch Europa war immer stark im Maschinenbau und in der Automatisierung. Diese Stärke kann jetzt die Basis für die nächste Revolution werden. Europa hat die Chance, den Markt im großen Maßstab zu prägen. Die Herausforderungen insbesondere in der Food Branche sind global: Fachkräftemangel, steigende Kosten und die Nachfrage nach frischem und gesundem Essen. Roboterküchen sind dafür eine echte Antwort. Wenn wir bereit sind, diese Lösungen hier einzusetzen und unseren Binnenmarkt als Treiber zu nutzen, kann Europa zeigen, dass wir Innovation nicht nur exportieren, sondern auch selbst anwenden und skalieren.
Wo sehen Sie in Deutschland und Europa den größten Handlungsbedarf – in der Forschung, der Umsetzung oder der (De-) Regulierung?
Dr. Hendrik Susemihl: Der größte Bedarf liegt in der Umsetzung. Die Forschung ist bereits stark, wenn nicht sogar immer noch die Beste in der Welt. Doch zwischen Technologie und skalierten Unternehmen klafft eine große Lücke. Es braucht stärkere Finanzierungen für Industrialisierung, Adaption im Binnenmarkt im großen Stil, und zwar als Vorreiternation. Den Willen, technologisch wieder ganz vorne zu sein, vermisse ich leider an viel zu vielen Stellen in unserem Land – dabei waren wir genau darin mal extrem stark.
Wenn Sie in zehn Jahren auf die heutige KI-Landschaft zurückblicken: Was glauben Sie, wird uns dann rückblickend am meisten überraschen?
Dr. Hendrik Susemihl: Wir werden überrascht sein, wie schnell sich Alltagsarbeit verändert hat. Gewinner werden nicht die spektakulärsten Hardware-Produkte sein, sondern die verlässlichsten und am besten integrierten Service-Modelle. Jobqualität wird deutlich gestiegen sein, weil Roboter monotone Arbeiten übernehmen. Ebenso werden wir den Nachhaltigkeitshebel erst im Rückblick in seiner ganzen Dimension erkennen, sobald Datenkreisläufe geschlossen wurden. Aber vermutlich werden viele Menschen sehr überrascht sein, das Robotik nicht mehr in den Fabriken am stärksten vertreten ist. Sondern im täglichen Leben.

Quelle: goodBytz