Warum ist es gerade jetzt so wichtig, das Thema digitale Souveränität ernst zu nehmen und Initiativen zu ergreifen?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Zu lange haben wir uns auf unseren wirtschaftlichen Erfolgen ausgeruht. Klassische Geschäftsmodelle der Kernindustrie Europas waren enorm profitabel, nicht zuletzt aufgrund historisch günstiger Energiepreise und des riesigen, aufnahmefähigen Marktes in China. Dabei wurde jedoch übersehen, dass sich die globale Wirtschaft beginnend bereits vor zehn bis 15 Jahren grundlegend verändert hat. Plattform-Ökosysteme und serviceorientierte Modelle haben kontinuierlich an Bedeutung gewonnen, doch diese neuen Geschäftsmodelle erfordern zwingend eine eigene, starke Cloud-Infrastruktur. Die Veränderungen kamen schleichend und nicht abrupt, weshalb die Notwendigkeit zum Handeln lange ignoriert wurde. Erst die Pandemie, der plötzliche Boom der virtuellen Zusammenarbeit, gestörte Lieferketten und schließlich der Krieg zwischen Russland und der Ukraine haben uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie verletzlich wir in unseren industriellen Strukturen in Europa eigentlich sind.
Wo stehen wir aktuell im internationalen Vergleich, wenn es um KI und digitale Ökosysteme geht?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Unter den zehn nach Marktkapitalisierung wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt finden sich mindestens sieben KI-Firmen, darunter der AI-Chipdesigner Nvidia, Chip-Hersteller TSMC, große Hyperscaler und Plattformen wie Google, AWS, Microsoft und Meta. Diese Unternehmen bilden längst eine eigenständige, hochprofitable Zukunftsindustrie. Europa spielt in diesem digitalen KI-Ökosystem faktisch keine wesentliche Rolle. Stattdessen haben europäische Firmen in China bereitwillig die dortigen Hyperscaler genutzt und im Rest der Welt blind auf amerikanische Infrastruktur vertraut. Wir haben diese Technologien wie selbstverständlich konsumiert, ähnlich wie Strom oder Wasser aus der Leitung, ohne zu begreifen, dass sie die absolute Voraussetzung für das Überleben unserer eigenen Demokratie, unserer Industrie und unseres Alltags sind. Ein Beispiel dazu: Um die europäische Verteidigungsfähigkeit abzusichern, ist zwingend eine eigene Defense Cloud erforderlich. Wenn wir in diesem Zukunftsmarkt nicht sofort aktiv mitspielen, verlieren wir massiv an Wettbewerbsfähigkeit.
Bedeutet digitale Souveränität im Umkehrschluss, dass wir uns vollständig von den USA und Asien abkoppeln müssen?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Eine komplette Abschottung ist weder realistisch noch erstrebenswert. Schließlich profitieren Staaten enorm von globaler Zusammenarbeit, dem Austausch von Gütern und dem Transfer von Technologien. Es geht vielmehr um eine strategische Neuausrichtung. Bisher verfolgte Europa fast ausschließlich eine reine Partnerstrategie. Wir haben uns schlichtweg zu stark auf andere verlassen und zu wenig selbst entwickelt. Stattdessen ist eine ausbalancierte Make-Buy-Partner-Strategie erforderlich. Das bedeutet konkret, wir sollten messerscharf identifizieren, welche kritischen Technologien wir zwingend selbst entwickeln müssen, den sogenannten Make-Teil. Als Voraussetzung brauchen wir eine systematische Datenspeicherung und müssen eine Datenkultur aufbauen, die das Teilen von Industriedaten aktiv fördert. Gleichzeitig sollten wir definieren, welche sensiblen Daten auf keinen Fall in die Hände ausländischer Hyperscaler geraten dürfen und zwingend unter europäischer Kontrolle bleiben müssen. Datensouveränität bedeutet, bewusste, strategische Entscheidungen zu treffen, nicht einfach nur Server in Europa aufzustellen.
Was sind aus Ihrer Sicht die aktuell drängendsten Handlungsfelder für Europa?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Wir haben ein massives Defizit über die gesamte technologische Wertschöpfungskette hinweg. Nehmen wir die Chipindustrie als Beispiel. US-amerikanische Firmen dominieren das komplexe Chipdesign. In Europa gibt es zwar exzellente Unternehmen wie ASML, die erfolgskritische Lithographie-Technologien anbieten, aber in der gesamten Wertschöpfungskette machen sie vielleicht zehn Prozent aus. Etwa 40 Prozent der Wertschöpfung liegen in den USA und gewaltige 60 Prozent der Chipproduktion finden in Asien statt, wobei Taiwan eine absolut kritische Rolle für Hochleistungschips spielt. Daher stellt sich die Frage, ob diese fatale Abhängigkeit bei Chips, die nicht nur für unsere Autoindustrie existenziell sind, weiter akzeptabel ist. Ähnlich prekär sieht es bei den großen Sprachmodellen aus. Zwar bestehen in Europa ambitionierte Ansätze, aber im direkten Vergleich mit dominanten Akteuren wie OpenAI, Anthropic, DeepSeek oder Tencent hinken die heimischen Akteure deutlich hinterher. Uns fehlt somit die elementare KI-Lieferkette: Es sind schlichtweg zu wenig eigene Rechenzentren vorhanden, zugleich steht Europa vor enormen Herausforderungen bei der Bereitstellung stabiler und bezahlbarer Energie.
Die europäische Politik versucht gegenzusteuern, beispielsweise mit dem AI Act oder dem Data Act. Reicht das aus, um den Markt zu beruhigen und in geordnete Bahnen zu lenken?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Der Data Act ist prinzipiell ein guter Schritt, um Unternehmen in die Richtung zu bewegen, Daten effektiver und zugleich sicher miteinander zu teilen. Doch diese Maßnahmen kommen eigentlich schon zu spät. Das weitaus größere Problem ist unsere politische Grundhaltung. Die europäische Regulierung ist stark risikofokussiert. Anders gesagt: Ziele werden bisher primär über die Minimierung von Risiken definiert. In den USA herrscht eine völlig andere Mentalität. Dort lautet das vom Weißen Haus erklärte Ziel KI-Leadership, direkt verbunden mit dem Abbau von technologischen und bürokratischen Barrieren. Anders gesagt: Die USA verfügen über einen klaren Winning Plan. Wenn man gewinnen will, ordnet man alle Aktionen diesem Ziel unter und strebt nach maximalen autonomen Fähigkeiten. Europa und Deutschland fehlt ein solcher holistischer Businessplan für die digitale Zukunft. Risikomanagement ist zwar wichtig, darf aber immer nur ein untergeordneter Teilbereich eines übergeordneten Wachstumsplans sein.
Wie lässt sich so ein Wachstumsplan angesichts der bisweilen schwerfälligen Strukturen in Europa finanzieren und organisieren? Müssen das die großen Konzerne richten oder ist der Staat gefordert?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Digitale Infrastruktur ist aus meiner Sicht ein zentraler Bestandteil von kritischer Infrastruktur. Bei Projekten wie dem Bahnnetz oder Autobahnen hat sich gezeigt, dass kritische Infrastruktur durch mutige staatliche Planung in kluger Kombination mit privatwirtschaftlichen Geschäftsmodellen erfolgreich aufgebaut oder erweitert werden können. Das mit Abstand beste Beispiel für eine erfolgreiche europäische Zusammenarbeit ist meines Erachtens Airbus – ein Projekt, das Jahrzehnte nach Boeing startete und dennoch zur Weltspitze wurde. Allerdings sollte sich Europa vom dysfunktionalen Gießkannenprinzip lösen, bei dem Geld ziellos und ineffizient in die Breite verteilt wird. Für erfolgskritische, teure Technologien sind hochkonzentrierte Investitionen in zentrale strategische Projekte erforderlich, ausgestattet mit den absolut besten Köpfen und optimalen Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, aktiv Talente und Top-Experten anzuziehen, die derzeit für amerikanische Hyperscaler arbeiten. Viele dieser Spezialisten sind selbst Europäer, die sehr gerne zurückkehren würden, wenn sie in Europa eine adäquate Vergütung, ein förderliches regulatorisches Umfeld und exzellente Standortbedingungen vorfinden würden.
Auf dem Kongress AUTOMATION treffen Sie führende Köpfe der deutschen Fertigungs- und Prozess-Industrie. Welche Rolle kann die breite industrielle Basis und die damit verbundene jahrzehntelange Expertise im globalen Technologierennen spielen?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Genau hier liegt eine Kernstärke. Europa verfügt über ein unvergleichlich tiefes Wissen industrieller Prozesse und eine unübertroffene Engineering Excellence. Exakt dieses spezifische, tiefgreifende Domänenwissen fehlt den großen amerikanischen Hyperscalern komplett. Das darf uns aber nicht täuschen: Fehlende Basis-Infrastrukturfähigkeiten wie eigene Cloud-Lösungen und leistungsstarke Chips lassen sich nicht einfach durch Industriewissen ausgleichen. Der wahre Schlüssel zur globalen Marktführerschaft liegt in der smarten Kombination beider Welten. Die europäische Industrie hat den enormen strategischen Vorteil, dass sie die Grundlagentechnologien nicht komplett neu erfinden muss. Aus den anfänglichen Fehlern der chinesischen und amerikanischen Hyperscaler können wir lernen, viele der bewährten Konzepte adaptieren und darauf eine einzigartige Industrial AI aufbauen.
Das klingt nach einer gewaltigen Kraftanstrengung. Sind Sie dennoch zuversichtlich, dass Europa den Rückstand noch aufholen kann?
Prof. Dr. Feiyu Xu: Es geht nicht um Optimismus, es handelt sich schlichtweg um eine absolute, nicht verhandelbare Notwendigkeit für das Überleben und die wirtschaftliche Zukunft Europas. Wenn Europa die nötige digitale Infrastruktur bereitstellt und diese kosteneffizient betreibt, wird die Industrie sie auch intensiv und erfolgreich nutzen. Ein Beispiel ist das autonome Fahren, der Nordstern für die gesamte Autoindustrie: Ohne eigene Cloud-Infrastrukturen für elementare Prozesse wie das Tanken, Bezahlen und die gigantische Datenverarbeitung bleibt das eine gefährliche Illusion. Wir müssen endlich wieder deutlich ambitionierter werden. Derzeit nutzen europäische Firmen zu über 80 Prozent Cloud-Technologie aus den USA. Das Ziel muss es stattdessen sein, international so attraktiv und wettbewerbsfähig zu werden, dass amerikanische oder asiatische Unternehmen künftig die europäischen Hyperscaler nutzen wollen. Dazu braucht es den Willen und den klaren Anspruch, in diesem lukrativen KI-Ökosystem nicht nur ein passiver Nutzer zu sein, sondern mit einem Winning Plan wirtschaftlich erfolgreich und technologisch führend aufzutreten.
