„Die Sicherstellung der Energieversorgung ist eine kritische militärische Fähigkeit“, sagt Shena Britzen. Ihre These ist so simpel wie einleuchtend: Ohne Kraftstoffnachschub ist das beste Waffensystem nutzlos. Daher soll Giga PtX die Versorgungssicherheit in Europa für den militärischen Ernstfall stärken: Es geht um die avisierte dezentrale Produktion von 20,5 Millionen Tonnen synthetischem Kraftstoff pro Jahr. Das ist laut Rheinmetall der geschätzte Bedarf der NATO-Streitkräfte in Europa im Verteidigungsfall.
Aus Sicht der Expertin ist dies eine Größenordnung, die zwar erheblich unter den Dimensionen der zivilen Nutzung liege, aber groß genug sei, um die notwendigen Prozessketten aufzubauen: „Elektrizität, Wasser und CO₂ – mehr braucht es nicht. Jede Anlage des Giga PtX-Verbundes arbeitet autark – mit Strom aus Photovoltaik, Windkraft oder Geothermieanlagen, mit eigenen Elektrolysekapazitäten für die Wasserstoffgewinnung, mit Carbon-Capture-Technologien für die Bereitstellung von Kohlenstoffdioxid aus Industrieabgasen und aus der Luft sowie mit Reaktoren für die Dieselkraftstoff- oder Kerosinsynthese.“ Bei dem Projekt kooperiert Rheinmetall eng mit INERATEC, Sunfire und Greenlyte.
Dezentrale autarke E-Fuel-Herstellung
Das Projekt sieht mehrere hundert Produktionsanlagen vor, verteilt über den gesamten Kontinent als Netz dezentraler, autarker Einheiten. Rheinmetall ist als Generalunternehmer erfahren in der erfolgreichen Umsetzung von Großprojekten und verfügt im Bereich der Integration komplexer chemisch-technischer Anlagen über ausgewiesene Kompetenzen und ein breites Fähigkeitsportfolio. „In Europa müssen wir wieder lernen, in größeren Dimensionen zu denken. Der Aufbau eigener E-Fuel-Kapazitäten ist ein wichtiger Baustein zur Stärkung unserer Resilienz“, erklärt die Rheinmetall-Managerin weiter.
Die Verfahren der Wahl dürften nicht überraschen: Elektrolyse zur Wasserstoffgewinnung, gefolgt von Fischer-Tropsch-Synthese und Upgrading. Die Ergebnisse sind paraffinischer Diesel, Marinediesel und Kerosin, die sich ohne technische Hürden vielfältig und einfach verwenden lassen. Vorhandene Fahr- und Flugzeuge, ob zivil oder militärisch, können die sogenannten Drop-in-Kraftstoffe entweder komplett ohne technische Umrüstung oder, bei Altsystemen, mit geringer Additivierung tanken. Was entgegnet das Unternehmen der immer wieder zu hörenden Meinung, dass E-Fuels zu teuer in der Herstellung und somit die Projekte nicht wirtschaftlich seien? „Giga PtX ist die schnellste und resilienteste Lösung, um in puncto Kraftstoffe verteidigungsfähig zu sein“, antwortet Shena Britzen. „Des Weiteren erreicht Giga PtX eine Kostenminimierung durch Skaleneffekte – nicht indem einzelne Anlagen so groß wie möglich gebaut werden, sondern indem viele Anlagen nach dem gleichen Entwurf repliziert werden“, führt sie weiter aus.
„Verfügbarkeit ist wichtiger als der Literpreis“
Rheinmetall hält Zielkosten von 2,00 bis 2,50 Euro pro Liter für erreichbar. „Das ist immer noch mehr, als fossiler Diesel an der Zapfsäule heute kostet. Doch spätestens im Krieg zählt Verfügbarkeit, nicht der Literpreis“, so die Expertin.
Shena Britzen unterstreicht weiter: „Die Botschaft hätte Gewicht: Wir in Europa können unseren Kraftstoff selbst herstellen, unser Energiebedarf ist gesichert – auch im Kriegsfall.“ Energieautarkie wird damit zu einem Teil der defensiven Strategie. Die Technologie ist ausgereift und erprobt, die Pläne liegen in der Schublade. Nun stehen politische Entscheidungen an. Shena Britzen verweist auf laufende Gespräche und unterstreicht gleichzeitig: „Ich bin sicher, dass das Projekt kommen wird.“ Rheinmetall könnte nach eigenen Angaben gemeinsam mit den Technologiepartnern das Projekt innerhalb von fünf bis zehn Jahren flächendeckend in Europa realisieren.
Ein Signal an die Motorenwelt
Für die Teilnehmer des Motorenkongresses dürften die Informationen spannende Impulse geben – gerade angesichts der Richtungsentscheidungen über zukünftige Antriebe und Kraftstoffe. Was passiert beispielsweise mit den Giga PtX-Kapazitäten in Friedenszeiten? Der Staat könne den Kraftstoff verkaufen und damit auch den zivilen Bedarf bedienen, so das Konzept. Bemerkenswert: Wenn aus dem Defense-Bereich eine Nachfrage entsteht, könnte ausgerechnet dieser Schritt die industrielle Skalierung auslösen, auf die nachhaltige Kraftstoffe seit Jahren warten.
