Simon Sack ist Gründer des Siegener KI-Unternehmens Neurologiq (2018) und leitet die Arbeitsgruppe Defense im KI-Bundesverband. Aus der industriellen Echtzeit-KI kommend baut er Brücken zu sicherheitsrelevanten Anwendungen. Beim VDI-Kongress smartAI 2025 in Heilbronn wirkt er als Moderator im Programm mit.
KI in Defense-Anwendungen: Technologische Souveränität wird zum entscheidenden Faktor für Sicherheit
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Industrie und Wirtschaft, sondern zunehmend auch den Verteidigungsbereich. Simon Sack, Gründer des Siegener KI-Unternehmens Neurologiq und Leiter der Arbeitsgruppe Defense im KI-Bundesverband, spricht mit uns im Vorfeld des VDI-Kongresses smartAI über die Chancen, Risiken und Hemmnisse bei der Entwicklung militärisch relevanter KI-Systeme und über die Notwendigkeit einer neuen Fehlerkultur.
Herr Sack, Ihre beruflichen Anfänge lagen in der industriellen KI. Wie hat sich Ihr Engagement in Richtung Verteidigung entwickelt?
Simon Sack: Ich stand mit 20 das erste Mal bei ZF in der Werkshalle. Da habe ich gesehen, was Daten in der Produktion wirklich bewirken können. Als ich NEUROLOGIQ 2018 gegründet habe, haben wir genau daran angeknüpft mit rein zivilen Anwendungsfällen im Bereich industrieller KI. Also KI-Systeme, die in Echtzeit funktionieren, unter 100 Millisekunden. Wir wollten KI direkt in reale Produktionsprozesse integrieren. Nach unseren erfolgreichen Projekten im Maschinen- und Anlagenbau kamen schnell erste Anfragen aus dem Defense-Bereich, noch bevor der Ukraine-Krieg die Bedeutung des Themas erhöhte. Die spannende Fragestellung dabei: Wie lässt sich die Produktion hochskalieren, wenn Losgrößen plötzlich explodieren? Da einige Defense-Unternehmen wie Manufakturen in geringen Stückzahlen agieren, war das die Brücke zwischen industrieller Fertigung und Verteidigung.
Was reizt Sie persönlich an dieser Schnittstelle zwischen KI und Defense?
Simon Sack: Ich finde es spannend, an Technologien zu arbeiten, die einerseits industrielle Prozesse effizienter machen, andererseits aber auch sicherheitsrelevante Anwendungen ermöglichen. Viele mittelständische Unternehmen aus dem Verteidigungssektor, die bislang eher wie Manufakturen gearbeitet und Kleinserien beziehungsweise geringe Losgrößen gefertigt haben, stehen heute vor dem Schritt in größere Produktionsvolumina mit industriellem Maßstab. Da sehe ich enormes Potenzial, gerade, wenn es darum geht, kritische Infrastrukturen resilienter zu gestalten. Wenn ein System in der Verteidigung ausfällt, hängt mehr dran als eine Kennzahl. Die Verantwortung zwingt uns, Technologie robuster, effizienter und sicherer zu denken und davon profitiert am Ende auch die Industrie.
Sie leiten die Arbeitsgruppe Defense im KI-Bundesverband. Was sind die Ziele dieser Initiative?
Simon Sack: Wir müssen endlich aufhören, die Themen isoliert zu betrachten. Defense, Industrie, Forschung, das sind keine getrennten Welten. In der Arbeitsgruppe bringen wir diese drei Bereiche an einen Tisch, um Standards zu schaffen, die technisch, ethisch und operativ tragfähig sind. Wir diskutieren nicht nur technologische Fragen, sondern auch, was wir mit KI im Verteidigungsbereich überhaupt unterstützen wollen, und was nicht. Gerade im Hinblick auf den EU AI Act ist das entscheidend. Im militärischen Kontext greifen noch strengere Regeln als in zivilen Anwendungen. Unser Ziel ist es, bis 2026 eine klare Positionierung zu entwickeln: Wo steht die Technologie heute, wo liegen die Bedarfe, und wie können wir als Verband mit Expertise unterstützen?
KI in der Verteidigung ist ein hochsensibles Thema. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen technologischem Fortschritt und ethischer Verantwortung?
Simon Sack: Das ist tatsächlich die zentrale Herausforderung. Wir müssen verstehen, dass KI im militärischen Bereich kein Selbstzweck ist. Es geht nicht nur darum, autonome Systeme zu schaffen. KI darf meiner Meinung nie über Menschen entscheiden, sondern muss sie besser schützen. Wenn Technologie Verantwortung übernimmt, muss sie das transparent, nachvollziehbar und sicher können. Ein Beispiel dafür sind ferngesteuerte Fahrzeuge oder Drohnen, mit denen sich Soldaten aus gefährlichen Zonen bringen lassen. Die Technologie ist da. Die Frage ist, wie wir sie sinnvoll und verantwortungsvoll einsetzen.
Welche Chancen bietet die sogenannte Dual-Use-Technologie – also Anwendungen, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können?
Simon Sack: Dual-Use ist eines der spannendsten Felder überhaupt. Viele KI-Entwicklungen lassen sich in beide Richtungen übertragen. Systeme, die heute in der Verteidigung getestet werden, können später zum Beispiel im Katastrophenschutz, in der Logistik oder der Industrieproduktion enorme Vorteile bringen. Und umgekehrt liefern industrielle KI-Systeme wertvolle Grundlagen für sicherheitsrelevante Anwendungen. Wenn in kurzer Zeit viele Lösungen entstehen, profitieren immer beide Seiten, zivil wie militärisch.
Ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang oft fällt, ist „digitale Souveränität“. Was verstehen Sie darunter?
Simon Sack: Wenn wir eigene KI-Strukturen aufbauen, sei es in der Industrie oder in der Verteidigung, dann stärken wir automatisch unsere digitale Eigenständigkeit. Das ist ein positiver Nebeneffekt. Aber wir müssen uns fragen: Wollen wir abhängig bleiben oder uns auf eigene Stärken besinnen? Ich bin überzeugt, der Zug ist noch nicht abgefahren. Wir haben hervorragende Beispiele wie Mistral AI, DeepL oder Black Forest Labs, die zeigen, dass wir in Deutschland und Europa technologisch mithalten können. Wir müssen uns nur mehr zutrauen und verhindern, dass dieses Know-how abwandert.
Deutschland gilt in der KI-Grundlagenforschung als stark, aber in der Umsetzung als zögerlich. Teilen Sie diese Einschätzung?
Simon Sack: Absolut. Wir haben weltweit eine der höchsten Publikationsraten in der KI-Forschung, aber definitiv erhebliche Schwierigkeiten bei der Monetarisierung. Unsere Verteidigungs- und Technologiestrategien bleiben zu oft Theorie, weil unsere Strukturen mehr koordinieren als entscheiden. Im Verteidigungsministerium warten Hunderte Projekte auf Freigabe, während die Industrie längst liefern könnte. Was fehlt, ist also kein Wissen, sondern Umsetzungsstärke. Wenn Technologie im Ernstfall helfen soll, muss sie robust, nachvollziehbar und stressresistent sein. Der MP3-Standard, ursprünglich entwickelt von einem Fraunhofer-Institut, zeigt, wie schnell andere Länder aus Innovation wirtschaftlichen Erfolg machen. Wir dürfen nicht warten, dass der Staat alles finanziert. Viel wichtiger sind kluge Rahmenbedingungen, die Experimente zulassen – etwa sogenannte Sandboxes, in denen man KI-Systeme erproben kann, ohne sofort durch Regulierung ausgebremst zu werden.
Was müsste sich dafür konkret ändern?
Simon Sack: Vor allem unsere Fehlerkultur! In Deutschland herrscht häufig eine gewisse „German Angst“. Wir haben uns angewöhnt, Fehler zu vermeiden, statt aus ihnen zu lernen. Aber wer Angst vor Fehlern hat, wird nie Innovation fördern. Fortschritt entsteht meiner Meinung nach durch das Machen und Ausprobieren. In den USA werden Misserfolge als Lernchance gesehen, dort gibt es indirekte Fördermechanismen, die Innovation belohnen. Wenn wir diese Haltung übernehmen, entstehen automatisch mehr Start-ups und mehr Fortschritt.
Was wünschen Sie sich konkret von Politik und Wirtschaft?
Simon Sack: Die Politik sollte geeignete Rahmenbedingungen schaffen, nicht Projekte dirigieren. Klare Regeln, offene Testfelder und Vertrauen in die Akteure sind entscheidend. Und die Wirtschaft muss enger zusammenarbeiten. Wenn Unternehmen, Forschung und Start-ups miteinander kommunizieren, entsteht Verständnis und daraus wächst Vertrauen. KI ist Teamarbeit. Nur gemeinsam können wir sie sicher, skalierbar und verantwortungsvoll gestalten.
Wie lautet Ihr Ausblick auf die Nutzung von KI im Bereich Defense?
Simon Sack: KI in der Verteidigung ist zielführend, solange wir sie als Werkzeug verstehen, das Menschen schützt und Entscheidungen unterstützt. Wenn wir Technologie, Ethik und Mut zur Innovation verbinden, kann Deutschland hier eine echte Vorreiterrolle spielen, nicht trotz, sondern wegen seiner Werte. 2026 muss das Jahr sein, in dem wir beweisen, dass KI und industrielle Stärke unsere beste Verteidigung sind. Was wir dazu allerdings brauchen, ist der Mut, Entscheidungen schneller zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
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Quelle: Neurologiq