Wie gut wird Ihrer Meinung nach die deutsche und europäische Automobilindustrie derzeit dem Anspruch „Accelerate Innovation“ gerecht?
Dr. Minea Schwenk: „Accelerate Innovation“ ist ein sehr zeitgemäßes Motto. Aus Sicht der Tier-1-Zulieferer verfügt die deutsche und europäische Automobilindustrie über sehr gutes technisches Know-how und ein starkes Zulieferer-Ökosystem, doch die Innovationszyklen erscheinen oft noch langsamer sein als in Märkten wie China oder den USA. Lange Entscheidungsprozesse, strenge Vorschriften und traditionelle Entwicklungsansätze verlängern oft die Zeitpläne.
Der Wandel hin zum softwaredefinierten Fahrzeug verändert die Art und Weise, wie Innovationen erfolgen, sind, insbesondere im Bereich ADAS. Hardware wird immer wichtig bleiben. Aber zunehmend sind es die Software und die Dienstleistungen, die den Unterschied ausmachen – weil sie während der gesamten Lebensdauer des Fahrzeugs aktualisiert, skaliert und monetarisiert werden können.
Ein Beispiel dafür sind Bosch Connected Map Services, bei denen Daten aus Fahrzeugen, Infrastruktur und Wetter in der Cloud zusammengeführt werden, um vorausschauende Erkenntnisse zu gewinnen. Dadurch erhalten Fahrzeuge einen breiteren Horizont als mit den Bord-Sensoren allein, was sowohl die Sicherheit als auch den Komfort verbessert. Dies zeigt auch, wie sich Dienstleistungen kontinuierlich weiterentwickeln können, wenn mehr Daten verfügbar werden.
Um Innovationen zu beschleunigen, muss die Branche schneller Entscheidungen treffen, offener für Kooperationen sein und konsequenter modulare, skalierbare Architekturen aufbauen. Partnerschaften – sei es mit Start-ups, Technologieanbietern oder zwischen OEMs – sind unerlässlich, um Kosten zu teilen und Lösungen schneller auf den Markt zu bringen.
Letztendlich wird der Erfolg durch die Kombination von leistungsstarker Technik mit agiler Software- und Dienstleistungsentwicklung erzielt, sodass innovative Funktionen schneller zu den Kunden gelangen können.
Welche Entwicklungen und Innovationen werden Ihrer Meinung nach das Software-Defined Vehicle in den nächsten fünf Jahren prägen? Wohin führt die Reise etwa mit leistungsfähigerer KI, intelligenterer Vernetzung mit der Infrastruktur, V2X-Kommunikation und neuen Sensorprinzipien?
Dr. Minea Schwenk: Wenn ich auf die nächsten fünf Jahre blicke, sehe ich drei große Entwicklungen, die das Software-Defined Vehicle prägen werden.
Erstens wird KI eine große Rolle spielen. Wir bewegen uns weg von traditionellen regelbasierten Ansätzen hin zu viel leistungsfähigeren Modellen. Bei Bosch arbeiten wir beispielsweise bereits mit End-to-End-Learning und Transformer-basierte Architekturen. Dadurch können Fahrzeuge ihre Umgebung besser verstehen und in komplexen Situationen intuitiver reagieren.
Zweitens werden Konnektivität und prädiktive Dienste in den Mittelpunkt rücken. Dank intelligenterer Vernetzung, V2X und Cloud-Integration werden Fahrzeuge nicht nur reagieren, sondern auch vorausschauend handeln. Nehmen wir zum Beispiel die Dienste zur Warnung vor Gefahren im Straßenverkehr. Das ist ein erstes Beispiel dafür, wie Fahrzeuge mit der Infrastruktur, anderen Fahrzeugen und Cloud-Plattformen kommunizieren werden, um Fahrer vorab zu warnen und Risiken zu vermeiden. Ich gehe davon aus, dass sich solche Dienste, die lokale Sensorik mit Datenaustausch und Vorhersagen kombinieren, durchsetzen werden.
Und drittens funktioniert nichts davon ohne Daten. Das Training von KI-Systemen und die Gewährleistung der Zuverlässigkeit von Vorhersage- und ADAS-Diensten erfordern enorme Mengen an hochwertigen, vielfältigen Daten. Hier ist die globale Präsenz von Bosch eine echte Stärke – wir können Erkenntnisse aus verschiedenen Regionen sammeln, anwenden und kontinuierlich in unsere Modelle einfließen lassen.
Für uns als Tier-1-Zulieferer besteht die Herausforderung und Chance darin, all dies durch modulare Architekturen, standardisierte Plattformen und die effektive Nutzung unserer weltweiten Datenpräsenz über verschiedene Fahrzeugsegmente und Märkte hinweg skalierbar zu machen.
Welche Rolle spielt Open-Source-Software bei der Umsetzung von „Accelerate Innovation“ – zum Beispiel das S-Core-Projekt unter der Leitung der Eclipse Foundation?
Dr. Minea Schwenk: Wenn wir Innovationen wirklich beschleunigen wollen, brauchen wir zunächst eine solide Softwarebasis, auf die sich die gesamte Branche verlassen kann. Die Entwicklung unternehmensspezifischer Basissoftware, sei es auf OEM- oder Tier-1-Ebene, erfordert enorme Engineering-Ressourcen.
Bei mikroprozessorbasierten Hochleistungscomputern wird dies noch kritischer. Hier ist eine branchenübergreifende, skalierbare Basissoftwareschicht absolut unerlässlich – nicht nur aus Gründen der Kosteneffizienz, sondern auch aus Gründen der Sicherheit und der Markteinführungszeit. Genau hier spielt Open Source eine Schlüsselrolle.
Projekte wie die S-Core-Initiative mit der Eclipse Foundation – an der Bosch und ETAS aktiv mitwirken – zeigen den Weg in die Zukunft. Open Source bildet die gemeinsame Grundlage, aber da Open Source an sich ohne Haftung oder langfristigen Support auskommt, werden Tier-1-Zulieferer wie Bosch eine entscheidende Rolle bei der Bereitstellung von Distributionen in Industriequalität spielen. Dazu gehören Haftung, Schwachstellenmanagement und langfristige Wartung, um diese Plattformen für die Serienproduktion wirklich nutzbar zu machen.
Kurz gesagt: Open Source kann ein wichtiger Faktor für die Beschleunigung von Innovationen sein. Es ermöglicht uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren – auf Differenzierung und Innovation –, während wir die Last der nicht differenzierenden Basissoftware auf die gesamte Branche verteilen.
Was sind Ihre generellen Erwartungen an die diesjährige ELIV?
Dr. Minea Schwenk: Da dies meine erste ELIV ist, freue ich mich sehr auf den Austausch. Der Kongress bringt die gesamte Automobilelektronik- und Software-Community zusammen, und ich erwarte mir neue Einblicke, wie andere gemeinsame Herausforderungen wie die Beschleunigung von Innovationen und die Gestaltung des softwaredefinierten Fahrzeugs angehen. Gleichzeitig hoffe ich, die Perspektive von Bosch einbringen zu können und Ideen mitzunehmen, auf denen wir gemeinsam aufbauen können. In einer Zeit, in der sich die Branche so rasant verändert, ist ein solches Forum von unschätzbarem Wert