Mit Mut, mehr Förderung und mehr Forschung ins KI-Zeitalter

Carsten Maschmeyer plädiert dafür, die Chancen der Technologie aktiv zu ergreifen

„Wer wartet, bis alles klar ist, wird alles verpassen“: Beim Umgang mit dem Thema Künstliche Intelligenz rät Entrepreneur und Investor Carsten Maschmeyer entschieden zu mehr unternehmerischem Mut. Als Keynote-Speaker des VDI-Kongresses smartAI wird er seine Vision einer menschenzentrierten KI mit den Teilnehmenden teilen und seine Sichtweise auf Märkte, Transformation und Verantwortung darlegen. Im Vorfeld erklärt Carsten Maschmeyer, warum Angst vor Künstlicher Intelligenz unbegründet ist – und warum er sich in Deutschland noch viel mehr Forschungsgeist und Mut wünschen würde.

Herr Maschmeyer, Sie sind seit Jahrzehnten als Investor tätig – wann haben Sie erstmals das Potenzial von Künstlicher Intelligenz erkannt?

Carsten Maschmeyer: Auf den Tag genau kann ich das nicht mehr sagen. Es war vor mehr als zehn Jahren, dass ich die ersten Gründer getroffen habe, die mit Künstlicher Intelligenz experimentiert und auch schon Geschäftsmodelle rund um KI entwickelt haben. Da war mir schnell klar, dass KI ganze Branchen verändern wird. Vor fast zehn Jahren haben wir in Observe.AI investiert, heute eines der vielversprechendsten KI-Unternehmen im Silicon Valley.

 

Viele verbinden KI insbesondere mit Hightech und Algorithmen. Was ist für Sie als Unternehmer der menschliche Zugang zu diesem Thema?

Carsten Maschmeyer: Mit KI verknüpfe ich die Hoffnung auf eine effizientere Arbeitswelt und einen angenehmeren Alltag. KI kann uns viele Aufgaben abnehmen, sodass wir uns auf das konzentrieren können, was wirklich nur der Mensch kann: Empathie, Mitgefühl, aber auch bahnbrechend strategische Denken und Kreativität. 

 

Sie sind an zahlreichen Startups beteiligt. Welche Rolle spielt KI heute schon bei Ihren Investmententscheidungen?

Carsten Maschmeyer: Wichtig ist, dass die Gründer KI als strategisches Element begreifen und wissen, dass KI die Zukunft ist. Und ich achte darauf, dass KI nicht nur ein Buzzword ist, um die Bewertungen hochzutreiben.

 

Welche Eigenschaften braucht ein Gründer, um im KI-Zeitalter erfolgreich zu sein?

Carsten Maschmeyer: In erster Linie dauernde Neugier und das richtige Mindset: Nämlich zu akzeptieren, dass man nie ausgelernt hat und man sich aktiv bemühen muss, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Abgesehen davon gibt es Eigenschaften, die für Gründer vor 50 Jahren wichtig waren, jetzt wichtig sind und in 50 Jahren immer noch entscheidend sein werden: Vor allem: Kommunikationsfähigkeit, Leadership-Qualitäten, Resilienz.

 

Ist KI für Startups eher Chance oder Risiko?

Carsten Maschmeyer: Eine riesige Chance, wenn man nun gründet und sieht, wie man mit KI schneller zu besseren Ergebnissen kommt. Für bestehende auch mal ein Risiko, wenn das eigene Geschäftsmodell durch KI überholt wird.

 

Welche Branchen sehen Sie aktuell als die vielversprechendsten Einsatzfelder für KI?

Carsten Maschmeyer: KI wird tatsächlich in allen Branchen eingesetzt werden. Ich sehe vor allem im Gesundheitswesen enormes Potential: Treffsichere Diagnosen oder auch „nur“ die Übernahme von bürokratischen Pflichten. Aber auch in der Bildung: Ein KI-Assistent kann endlos gefragt werden, endlos wiederholen, bis man es wirklich verstanden hat. Und schließlich in der Robotik. Intelligente Maschinen werden weltweit zum Einsatz kommen, von der Küche bis hin zu Fertigungsstraßen. 

 

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen KI-Startups in Europa und Nordamerika?

Carsten Maschmeyer: Die Finanzierungsmöglichkeiten sind in den USA einfach viel besser. Es ist kein Zufall, dass die größten KI-Innovationen aus den USA kommen und nicht von hier. Gründer und Investoren sind einfach risikobereiter – wenn das Geld weg ist, ist das eben so. Aber wenn es funktioniert, hat es sich um einen immensen Faktor multipliziert. Diese Denkweise ist uns leider fern.

 

KI wirft ethische Fragen auf – wie können Unternehmer in dieser Hinsicht ihrer Verantwortung gerecht werden?

Carsten Maschmeyer: Transparenz schaffen: Wo wird KI eingesetzt? Und dass man auch als gewinnorientiertes Unternehmen KI nicht überall einsetzen sollte. Wenn es sehr privat und emotional wird, hat der Mensch einen Menschen als Gegenüber verdient.

 

Was ist aus Ihrer Sicht gefährlicher: zu viel Euphorie oder zu viel Angst vor KI?

Carsten Maschmeyer: Normalerweise würde ich sagen: Zu viel Euphorie ist genauso schädlich wie zu viel Angst. Aber da wir hier ja ohnehin Bedenkenträger sind, möchte ich sagen: Sehen wir ein bisschen mehr die Chancen und ein bisschen weniger die Risiken. Als vor über 100 Jahren das erste Mal ein Auto als Fluchtwagen benutzt wurde, gab es laute Stimmen, die dann das Auto verbieten wollten. So ähnlich kommt mir hier manche KI-Diskussion vor. 

 

Sollte Deutschland daher beim Thema KI mehr auf Regulierung oder auf Förderung setzen?

Carsten Maschmeyer: Zu mehr Regulierung muss hier niemand aufgefordert werden. Das machen wir ganz von selbst. Daher plädiere ich für mehr Förderung: Rechenzentren, bezahlbare Energie, Forschung! Wir haben hier so gut ausgebildete und kreative Ingenieure und Computer Scientists – das Potential sollten wir heben.

 

Ihr Kongressbeitrag trägt den Titel unternehmerischer Mut im Zeitalter von KI – was bedeutet Mut für Sie?

Carsten Maschmeyer: Mut bedeutet, Entscheidungen zu treffen, auch wenn man nicht alle Informationen hat. Im KI-Zeitalter müssen wir uns daran gewöhnen, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Wer wartet, bis alles klar ist, wird alles verpassen.

 

Viele Mittelständler sind unsicher beim Thema KI. Welche ersten Schritte würden Sie ihnen empfehlen?

Carsten Maschmeyer: Da bin ich gar nicht so sicher, ob die Prämisse stimmt. Denn ich empfinde viele Mittelständler als agiler und entscheidungsfreudiger als große Konzerne, die in Gremien irgendwelche KI-Strategien entwickeln. Mittelständler machen einfach. Und das ist der richtige Weg.

 

Was ist notwendig, damit Europa und Deutschland im internationalen KI-Wettlauf nicht den Anschluss verliert? Sollten Unternehmer und Gesellschaft mutiger sein?

Carsten Maschmeyer: Zunächst: Mehr Austausch zwischen Forschung und Wirtschaft. Was bei uns erforscht wird, sollte hier auch eingesetzt werden. In den USA ist es vollkommen normal, wenn Professoren noch ein Unternehmen gründen, das auf ihrer Forschung basiert. Dann brauchen wir auch mutigere Investoren, die Gründern Kapital geben, wenn sie wirklich etwas Disruptives erschaffen wollen. Schließlich brauchen wir die Infrastruktur: Rechenkapazitäten, bezahlbare Energie und endlich (!) weniger Bürokratie. 

 

Welche Auswirkungen wird KI Ihrer Meinung nach in den nächsten zehn Jahren auf den deutschen Mittelstand haben?

Carsten Maschmeyer: Wiederkehrende Prozesse können automatisiert werden, von der Buchhaltung bis zum Kundenservice. Ich sehe nur positive Effekte, wenn KI denn auch eingesetzt wird. 

 

KI verändert nicht nur Geschäftsmodelle, sondern auch die Art, wie wir arbeiten. Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter auf diesem Weg mitnehmen?

Carsten Maschmeyer: Weiterbildung ist der Schlüssel und auch eine offenere Fehlerkultur. Wer mit neuen Technologien arbeitet, muss viel probieren und dann kommen auch mal nicht die gewünschten Ergebnisse raus. Man kann mit KI immer besser umgehen, je mehr man mit ihr arbeitet. Daher mein Appell an alle Chefs: Mal nicht so streng sein, wenn mal was nicht funktioniert: Es lohnt sich auf lange Sicht. 

 

Wenn Sie nach vorne schauen: Welchen größten Wunsch haben Sie für die  Entwicklung von KI – als Unternehmer, Investor und Bürger?

Carsten Maschmeyer: Da habe ich eine Vision. Die KI kann logischerweise nur so schlau und auch nur so „moralisch“ sein, wie die Datengrundlage, die sie hat. Füttern wir sie doch ein wenig mehr mit schönen Dingen: Mit Best Practice, mit menschenfreundlichen und positiven Gedanken. Muss eine KI wissen, wie ein Serienmörder gedacht hat oder wie man einen Sprengsatz baut? Ich glaube nicht. Aber sie sollte wissen, wie Menschen erfolgreich, zufrieden und glücklich wurden. Von einer solchen KI haben wir alle mehr.

Zur Person:

Quelle: Annett von Löffelholz

Carsten Maschmeyer ist Unternehmer, internationaler Startup-Investor, Keynote-Speaker und Bestsellerautor. Mit seinen Venture Capital-Fonds seed+speed (Berlin), ALSTIN Capital (München) und MGV (San Francisco) ist er an über 150 Technologie-Startups in Europa und Nordamerika beteiligt. Darüber hinaus ist er Gründer des Healthtech-Startups HMNC Brain Health.

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