Michael Plagge ist Vice President Ecosystem Development bei der Eclipse Foundation AISBL. Er treibt internationale Open-Source-Initiativen im Automotive-Bereich voran und moderiert auf der ELIV 2025 die Automotive Trend Session sowie eine Podiumsdiskussion zu aktuellen Projekten.
Open Source in der Automobilindustrie: Paradigmenwechsel für nachhaltige Softwareentwicklung
Mit den Chancen und Perspektiven von Open-Source-Projekten beschäftigt sich der internationale VDI-Kongress ELIV bereits seit einigen Jahren. Auch beim diesjährigen Kongress am 15. und 16. Oktober in Bonn ist eine ausführliche Automotive Trend Session zu diesem Thema geplant. Michael Plagge, Vice President Ecosystem Development bei der gemeinnützigen Eclipse Foundation AISBL, wird die Session sowie eine Podiumsdiskussion zu aktuellen Projekten moderieren. Im Vorfeld beantwortet er unsere Fragen.
Herr Plagge, die Akzeptanz und der Stellenwert von Open Source Software in der Automobilindustrie haben sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Was sind Ihrer Ansicht nach die wesentlichen Treiber dieser Veränderung?
Michael Plagge: Der zentrale Paradigmenwechsel liegt darin, dass sich die Player in der Automobilindustrie dem Thema Open Source stärker geöffnet haben: von einer Kollaboration ausschließlich auf Spezifikations-Ebene hin zu einer gemeinsamen, praxisnahen Entwicklung von Software. Dafür war und ist weiterhin viel Überzeugungsarbeit erforderlich. Der Trend ist aber klar erkennbar: In vielen Unternehmen wächst die Bereitschaft, gemeinsam Software für nicht wettbewerbsdifferenzierende Komponenten tatsächlich umzusetzen und in die Serienproduktion zu bringen. Dabei steht im Fokus, in der Entwicklung schneller, flexibler und effizienter zu werden – auf einer Ebene, die der Endanwender im Fahrzeug nicht wahrnimmt.
Warum ist diese Veränderung so entscheidend?
Michael Plagge: Über Jahre und Jahrzehnte war es so, dass jedes Unternehmen individuelle Lösungen entwickelt hat – das ist weder wirtschaftlich nachhaltig noch effizient. Durch gemeinsame Softwareentwicklung können wir Abhängigkeiten reduzieren, Komplexität verringern und gleichzeitig Kosteneffizienz erreichen, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der Transformation in der Automotive-Welt entscheidend, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben – insbesondere gegenüber neuen Marktteilnehmern.
Mit der Eclipse SDV Working Group und Projekten wie EclipseOpenSOVD und insbesondere dem vor Kurzem ins Leben gerufenen Projekt Eclipse S-Core gibt es bereits konkrete Initiativen. Können Sie diese Projekte näher erläutern?
Michael Plagge: Gerne! Bei der Eclipse SDV (Software Defined Vehicle) Working Group handelt es sich um eine zukunftsweisende, zentrale Initiative, die weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Automobilindustrie haben kann. Ziel ist es, einen offenen, modularen und skalierbaren Software-Kern für Fahrzeuge zu schaffen, der wesentliche nicht wettbewerbsdifferenzierende Funktionen abdeckt sowie die notwendigen Toolchains und Entwicklungsprozesse dafür. Mit dem gemeinsamen Memorandum of Understanding, das elf führende Unternehmen kürzliche unter dem Schirm des VDA unterzeichnet haben, fußt dieses Open-Source-Projekt auf einer branchenweiten Initiative und verfügt somit über eine solide Basis.
Das Projekt Eclipse OpenSOVD (Service Oriented Vehicle Diagnostics) konzentriert sich auf die serviceorientierte Fahrzeugdiagnostik und ist Nachfolger der klassischen Diagnosetests, insbesondere rund um UDS (Unified Diagnostic Services). Dieses Projekt verfolgt explizit die Implementierung eines etablierten Standards, wodurch es für alle Beteiligten neutraler und leichter zugänglich ist – ein wichtiges Thema für den Aftermarket.
Das Projekt Eclipse S-Core (Safe Open Vehicle Core) ist erst vor wenigen Wochen gestartet.
Dabei handelt es sich um ein Integrationsprojekt, das verschiedene Softwarebausteine zusammenführt und stark auf Prozesse (zum Beispiel im Safety-Bereich) und Tooling fokussiert. Derzeit treiben einige OEMs das Projekt intensiv voran, was bei anderen Unternehmen noch zu gewissen Bedenken führt, etwa in Bezug auf Einflussnahme und Steuerungsmöglichkeiten. Wichtig ist mir jedoch zu betonen, dass Eclipse S-Core vollständig offen gestaltet ist – es gibt keine Exklusivität, jeder OEM kann sich einbringen und seine Schwerpunkte setzen.
S-Core setzt stark auf Standardisierung und Wiederverwendbarkeit und bietet eine offene Entwicklungsplattform, auf der Hersteller gemeinsam an Basiskomponenten arbeiten können, ohne ihre Wettbewerbsfähigkeit bei differenzierenden Funktionen zu verlieren.
Was sind die Herausforderungen, denen Sie sich beim Projekt Eclipse S-Core aktuell gegenübersehen?
Michael Plagge: Ein wesentlicher Punkt ist die anfängliche Skepsis hinsichtlich der Einflussnahme einzelner OEMs. Da zunächst einige große Hersteller das Projekt vorangetrieben haben, ist teils noch ein gewisses Maß an Zurückhaltung bei anderen Marktteilnehmern zu beobachten. Dies gilt es zu überwinden, indem wir weiterhin deutlich machen, dass S-Core bewusst offen und integrativ gestaltet ist. Somit hat jeder OEM die Möglichkeit, aktiv mitzugestalten und Anforderungen einzubringen. Die ELIV wird ein wichtiges Forum sein, um die Ziele und Vorteile des Projektes zu erläutern und bereits den nächsten Schritt zu unternehmen.
Darüber hinaus erfordert das Projekt erhebliche Anpassungen in den Architekturen der beteiligten Hersteller. Das bedeutet, von OEMs wird die Bereitschaft notwendig sein, Veränderungen zu akzeptieren und eigene Systeme und Entwicklungsprozesse anzupassen. Dieser Kulturwandel hin zu echter Offenheit und gemeinsamer Entwicklung ist wohl die größte Herausforderung, mit denen wir es bei S-Core – und generell bei Open-Source-Projekten – in der Automotive-Industrie teilweise noch zu tun haben.
Welchen Stellenwert hat das Memorandum of Understanding für S-Core, das von elf Vorständen führender Unternehmen unterzeichnet wurde?
Michael Plagge: Das Memorandum ist ein starkes Signal an die gesamte Industrie, dass die Open-Source-Initiative ernsthaft auf höchster Managementebene verankert ist. Es zeigt deutlich, dass gemeinsame Lösungen nicht nur gewünscht, sondern aktiv unterstützt und vorangetrieben werden. Dieses Bekenntnis auf Vorstandsebene ist entscheidend, um Ressourcen und Aufmerksamkeit in den Unternehmen für diese Projekte zu sichern. Ziel der Vereinbarung ist die Zusammenarbeit an einem offenen Software-Ecosystem auf Open-Source-Basis für den Serieneinsatz – ein Schritt, der als wegweisend für die Digitalisierung der Fahrzeugarchitektur gilt. Das Open-Source-Projekt Eclipse S-Core bietet die technische Grundlage.
Sie sprechen von drei Phasen bei der Akzeptanz für Open Source in der Automobilindustrie. Können Sie diese Phasen näher erläutern?
Michael Plagge: Die erste Phase bestand darin, grundlegendes Vertrauen in Kollaborationsmodelle aufzubauen – also Unternehmen davon zu überzeugen, dass gemeinsame Entwicklung nicht nur theoretisch, sondern praktisch funktioniert und zu den erwarteten Vorteilen führt.
In der zweiten Phase, in der wir uns aktuell befinden, geht es darum, die Fähigkeit zu beweisen, verlässliche, sichere und serienreife Software gemeinsam zu entwickeln. Eclipse S-Core ist dabei eines der zentralen Projekte, da es den Beweis liefert, dass die Open-Source-Methode tatsächlich auch für sicherheitskritische Systeme und Serienanwendungen geeignet ist.
Die dritte Phase wird schließlich eine Erweiterung auf höhere Ebenen des Software-Stacks ermöglichen und strategische Ansätze unterstützen, die nochmals weit über die jetzigen Projekte hinausgehen. In dieser Phase werden die Grenzen zwischen wettbewerbsdifferenzierenden und nicht wettbewerbsdifferenzierenden Komponenten immer wichtiger werden und weitere Kooperationsmöglichkeiten entstehen.
Wie wichtig sind Governance und internationale Ausrichtung der Eclipse-Projekte?
Michael Plagge: Governance spielt naturgemäß eine zentrale Rolle. Bei Open-Source-Projekten geht es nicht um Kontrolle, sondern um das Schaffen und Aufrechterhalten einer attraktiven, offenen Community, in der alle Partner gleichberechtigt agieren und von deren gemeinsamer Arbeit profitieren.
Die globale Ausrichtung ist dabei unerlässlich. Wir wollen ausdrücklich vermeiden, als rein deutsche oder europäische Initiative wahrgenommen zu werden – was wir auch nicht sind. Vielmehr streben wir an, internationale Partner in die Community einzubinden, insbesondere auch Unternehmen aus den USA, China, Korea oder Japan. Nur durch diese weltweite Zusammenarbeit können wir eine nachhaltige, global relevante Plattform schaffen.
Was erwarten Sie vom kommenden ELIV-Kongress?
Michael Plagge: Wir möchten auf der ELIV die erzielten Fortschritte und die Relevanz von Projekten wie Eclipse S-Core der Fachcommunity vorstellen. Ziel ist es, die offene und globale Ausrichtung unserer Initiativen deutlich zu machen und für eine aktive Beteiligung zu begeistern. Gleichzeitig planen wir Ankündigungen, welche die nächste Entwicklungsstufe unserer Projekte aufzeigen. Damit dürfte es für weitere Unternehmen nochmals attraktiver werden, an den Projekte S-Core und OpenSOVD teilzunehmen.

Quelle: Eclipse Foundation