„Wir brauchen eine europäische KI – und zwar jetzt“

Von Foundation Modellen zur Automatisierung: Warum KI-Souveränität mehr ist als eine ethische Frage

Setzt Künstliche Intelligenz die fünfte industrielle Revolution in Gang? Wie verändern sich Prozessautomation und industrielle Kommunikation, welchen Stellenwert wird Robotik einnehmen? Über neueste Erkenntnisse aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie über prägende Trends der kommenden Jahre diskutiert die Fachwelt auf dem 26. VDI-Kongress AUTOMATION. Prof. Dr. Hans Uszkoreit, Scientific Director am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), wird eine der Keynotes halten. Im Interview spricht er über die Umwälzungen durch Foundation-Modelle, die Bedeutung menschlicher Intuition – und warum es Zeit für eine europäische KI-Souveränität ist.
 

Herr Professor Uszkoreit, Sie halten auf dem VDI-Kongress eine Keynote zur Rolle großer Sprachmodelle in der Automation. Was wird Ihre zentrale Botschaft sein?

Prof. Dr. Uszkoreit: Zunächst werde ich dabei sogenannte White-Collar- und Blue-Collar-Tätigkeiten differenziert betrachten. Schon in naher Zukunft werden viele White-Collar-Jobs – also Büro- und Verwaltungstätigkeiten mit wiederkehrenden Aufgaben – zumindest teilweise durch KI automatisiert. Dennoch liegt eine vollständige Automatisierung für mich noch in weiter Ferne. Warum? Wir unterschätzen, wie oft Menschen Ausnahmen bearbeiten, mit anderen kommunizieren oder Prozesse flexibel anpassen müssen. 
 

Das heißt, wir konzentrieren den menschlichen Part auf komplexe Aufgaben und Spitzenfähigkeiten?

Prof. Dr. Uszkoreit: Genau in diesem Bereich, der Beherrschung von höchst komplexen Anforderungen, liegt der Wert von Mitarbeitenden. Doch es geht um noch viel mehr: Dinge miteinander zu verbinden, Zusammenhänge zu analysieren, Entscheidungen in Ausnahmesituationen zu treffen und nicht zuletzt mit anderen Menschen zu interagieren. Das sind Fähigkeiten, die sich vollautomatisiert derzeit nicht abbilden lassen – und was vielleicht nie vollständig der Fall sein wird.
 

Trotzdem sind die Automatisierungspotenziale in vielen Tätigkeitsbereichen offensichtlich. Was verändert sich konkret in den Prozessen?

Prof. Dr. Uszkoreit: Zunächst geht es in der Regel nicht darum, eine einzelne, bisher vom Menschen ausgeführte Aufgabe durch die KI erledigen zu lassen. Vielmehr liegt die Anforderung darin, Prozesse zu verstehen und komplett neu zu denken. So wird es möglich, verschiedene Tätigkeiten zu automatisieren und neu zu bündeln – unabhängig davon, wer sie bislang ausgeführt hat.

Diese Optimierung erfolgt prozessübergreifend und kann dazu führen, dass bisher separate, einzelne Prozessschritte neu strukturiert werden. In diesem Zuge dürften neue Jobprofile entstehen: So wird es beispielsweise Mitarbeitende in Organisationen geben, die hauptsächlich oder ausschließlich mit Kunden kommunizieren, während andere Aufgaben automatisiert ausgeführt oder nur noch angestoßen werden. Ein Beispiel: Der Umgang mit säumigen Kunden oder das Führen von Gerichtsprozessen bleibt (vorerst) eine menschliche Tätigkeit – die strukturierte, vorher ablaufende Buchhaltung kann komplett von der KI übernommen werden.
 

Müssen Unternehmen also ihre Prozesse völlig neu denken, um KI sinnvoll einzubinden?

Prof. Dr. Uszkoreit: Unbedingt. Auf Dauer reicht es nicht, punktuell KI-Module einzufügen. Prozesse müssen komplett neu strukturiert werden – basierend auf den Möglichkeiten, die generative KI bietet. Dadurch können Unternehmen notwendige Transformationen beschleunigen und erfolgreich umsetzen – wenn sie die Möglichkeiten richtig und konsequent nutzen. In ihrer Wirkung sowie der Breite und Tiefe, in der sie nahezu alle Geschäftsvorgänge beeinflusst, lässt sich Künstliche Intelligenz somit getrost als fünfte industrielle Revolution bezeichnen.
 

Sie sprechen auch von einer neuen Verflechtung zwischen Blue- und White-Collar-Tätigkeiten. Was meinen Sie damit?

Prof. Dr. Uszkoreit: Nehmen Sie als Beispiel Maschinen- und Anlagenführer in einer industriellen Produktion: Schon heute erledigen sie zu 80 Prozent klassische White-Collar-Aufgaben, also administrative und kontrollierende Tätigkeiten – aber gelegentlich müssen sie auch selbst noch Hand anlegen. Zukünftig können KI-Systeme wie Sprachmodelle diese verschiedenen Tätigkeiten noch stärker verknüpfen – etwa durch Vorschläge oder die direkte Auslösung von Wartungs- und Reparaturaufträgen. Die Modelle lernen Mehrschritt-Inferenz und können zunehmend Prozesse antizipieren und verbinden.
 

Wie sollen diese Modelle aber lernen, mit realen Ausnahmesituationen umzugehen?

Prof. Dr. Uszkoreit: Darin liegt in der Tat die zentrale Herausforderung. Eine einfache Datenbeobachtung reicht dafür nicht aus. Es geht darum, das Warum hinter menschlichen Handlungen zu verstehen – und das ist häufig nicht dokumentiert. Menschen handeln auf Basis von Erfahrung, Intuition, implizitem Wissen. Und gerade durch den demografischen Wandel verlieren wir bald sehr viele dieser Wissens- und Erfahrungsträger. Eine große Herausforderung wird es daher sein, diesen Wissensschatz in Unternehmen zu retten, zu behalten und auf effiziente Weise nutzbar zu machen.
 

Erwarten Sie, dass KI-Systeme dieses Erfahrungswissen in absehbarer Zeit erfassen und nutzen können?

Prof. Dr. Uszkoreit: Das wäre die Idealvorstellung – und sie müsste idealerweise verwirklicht werden, bevor die Generation der Babyboomer das Rentenalter erreicht. Dazu müssen wir Wege finden, um dieses Wissen durch Sprachaufzeichnungen, Gespräche oder Sensorik zu erfassen, ohne dabei die Menschen zu überfordern. Sprachmodelle könnten daraus echtes Handlungswissen ableiten und somit noch wertvoller für die Automation werden – während sie heute hauptsächlich über Konzept- und Faktenwissen verfügen.
 

Ein aktuelles Schlagwort, das in der Fachwelt derzeit intensiv diskutiert wird, lautet Hyperautomation. Wie bewerten Sie die Vision einer vollständig automatisierten Fabrik?

Prof. Dr. Uszkoreit: Die sogenannte „Dark Factory“ funktioniert nur bei stabilen Prozessen, klaren Regeln und homogenen Produkten. Ein überwiegender Großteil der Unternehmen ist allerdings anders aufgestellt. Hier braucht es Resilienz, Intuition, Improvisation: Das sind alles höchst menschliche Werte und Eigenschaften. Selbst wenn die KI mehr Aufgaben übernimmt, wird sie in vielen Fällen der Assistent des Menschen bleiben – und kein Ersatz.
 

Wie steht es um Intuition – lässt sich diese irgendwann künstlich generieren?

Prof. Dr. Uszkoreit: Intuition basiert auf einer Vielzahl unbewusster Erfahrungen und spontan gefasster Entscheidungen – wobei wir einen Großteil der Erfahrungen, die zu unserer Intuition führen, außerhalb des Jobs machen. Das neuronale Netz im Menschen speist sich aus Lebenserfahrung, Sozialisation, Kontext. KI-Systeme können das meines Erachtens nur lernen, wenn sie in einer lebensechten Umgebung sozialisiert werden – zum Beispiel durch Sensorik oder wenn Wissenschaftler beispielsweise einen Roboter direkt in ihren normalen Lebens- und Familienalltag integrieren. Das ist ein langfristiges Forschungsfeld, aber keine Utopie.
 

Zum Schluss ein Blick auf die geostrategische Ebene: Braucht Europa eigene Foundation-Modelle?

Prof. Dr. Uszkoreit: Ein ganz klares Ja! Bei der Forderung nach einer autarken europäischen KI geht es nicht nur um Souveränität und Sicherheit, sondern insbesondere um die Berücksichtigung unserer Rechtsräume, unserer Sprachen, unserer Denkweisen. Ein simples Beispiel: Ein US-Modell kann unser Steuersystem nur schwerlich abbilden – und sollte es auch nicht. Um uns Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit zu bewahren, müssen wir in Deutschland und Europa investieren – und zwar jetzt. Andere Länder tun es längst. Ohne eigene KI-Initiativen verlieren wir nicht nur technologische Kontrolle, sondern auch ökonomische Gestaltungsfreiheit.

Quelle: DFKI

Prof. Dr. Hans Uszkoreit ist wissenschaftlicher Direktor am DFKI und zählt zu den führenden Experten für Sprachverarbeitung und KI. Beim VDI-Kongress AUTOMATION 2025 referiert er als Keynote-Speaker über die Rolle großer Sprachmodelle in der industriellen Automation.

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