Statement zur Tagung „Fahrzeugsicherheit“

„Auf dem Weg zur Fahrzeugsicherheit 2030“

  • Auswirkungen von Corona auf die Verkehrssicherheit
  • Elektromobilität und Fahrzeugsicherheit
  • Zusammenarbeit des VDI-Expertengremiums „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit“ mit dem BMDV im Pakt für Verkehrssicherheit
     

Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg
Road Safety Counselor, RSC Safety Engineering, Vorsitzender des VDI-Fachbeirats Kraftfahrzeugtechnik und Sprecher der VDI-Initiative „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit, bis Oktober 2021 Director Development Safety, Durability, Corrosion Protection, Mercedes-Benz AG


Rahmenbedingungen für die Fahrzeugsicherheit 2030 – Position der Experten der „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit“ des VDI

Die Pandemie – wie veränderte sich das Unfallgeschehen in den Zeiten der Lockdowns?

Etwa 2.570 Menschen sind 2021 in Deutschland bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Das ist eine deutliche Reduktion gegenüber den Vorjahren. Aber hat Corona das Verkehrsgeschehen jetzt nachhaltig sicherer gemacht? Oder sehen wir einen Effekt, der sich mit wieder zunehmendem Verkehrsaufkommen verlieren wird?

Ohne Frage hatte und hat die Pandemie einen Einfluss auf das gesamte Verkehrsgeschehen. Besonders während der Lockdown-Phasen ist die Verkehrsmenge massiv zurückgegangen. Bezogen auf die durchschnittliche Verkehrsmenge von 2019 betrug diese zum Beispiel im April 2020 auf deutschen Autobahnen gerade noch 53 Prozent. Die Anzahl von Unfällen mit Personenschaden auf Autobahnen reduzierte sich in dieser Zeit sogar auf 40 Prozent des 2019-er Durchschnitts. Sowohl die Anzahl getöteter Verkehrsteilnehmer, die Anzahl Schwerverletzter als auch die Anzahl an Unfällen mit Personenschaden insgesamt reduzierte sich in dieser Zeit auf einen Wert von ca. 64 Prozent bezogen auf 2019.

Wie erwartet, lässt sich damit heute ein bleibender Einfluss auf die Verkehrssicherheit allein anhand der Unfallzahlen nicht absehen. Auch wenn im Juni 2021 die Anzahl der Unfälle insgesamt noch 10 Prozent unter dem Durchschnitt von 2019 lag, korreliert dies noch immer mit dem Einfluss auf die Verkehrsmenge.

So lag im Juni 2021 das Verkehrsaufkommen auf Autobahnen laut der Bundesanstalt für Straßenwesen BASt ebenfalls erst wieder bei etwa 90 Prozent bezogen auf den Durchschnitt von 2019.

Ob und wann der Verkehr wieder das Niveau von vor der Corona-Pandemie erreichen wird, ist auch von dem ggf. nachhaltig veränderten Mobilitätsverhalten abhängig, ein genereller Einfluss auf die Verkehrssicherheit ist aber nicht absehbar.
 

Die Opferzahlen im Straßenverkehr werden nicht nachhaltig auf dem jetzt abgesenkten Niveau verharren, ein Nachlassen bei der Fahrzeugsicherheit darf es nicht geben.

Es wird extrem anspruchsvoll, die Ziele der Bundesregierung hinsichtlich der Straßenverkehrssicherheit 2030 zu halten, die auf den Zahlen 2020 basieren. Die Sorge bleibt, dass die Unfallzahlen wieder ansteigen, wenn sich das Verkehrsgeschehen normalisiert.

Zwar lag 2021 die Anzahl der Unfalltoten in Deutschland mit 2.569 auch für das zweite Jahr der Corona-Pandemie deutlich unterhalb der Zahlen von vor der Pandemie (3.046 Unfalltote im Jahr 2019 und 2.719 im Jahr 2020). Es ist jedoch abzusehen, dass es sich hierbei um einen Sondereffekt durch die Pandemie und nicht um einen generellen Trend handelt, die Fahrleistung war im Jahr 2020 ebenfalls um gut 10% geringer als im Jahr 2019.

Ein Nachlassen bei der Fahrzeug- und Verkehrssicherheit darf es keinesfalls geben. Es gibt nicht mehr den einen Stellhebel, der zu einer erheblichen Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit beiträgt – wie damals der Sicherheitsgurt oder in den 1980er- Jahren der Airbag. Nur durch einen ganzheitlichen Ansatz mit Maßnahmen bei allen drei relevanten Stellhebeln - Mensch, Fahrzeug, Verkehrsumfeld/Infrastruktur - lässt sich das Risiko für schwere Verkehrsunfälle signifikant reduzieren. In den nächsten Jahren werden die drängendsten Fragen dazu beantwortet werden müssen.
 

Transformation hin zur Elektromobilität: Mögliche Effekte auf das Unfallgeschehen

Mit dem Transformationsprozess in der Automobilindustrie geht die Zunahme elektrisch angetriebener Fahrzeuge einher. In der Öffentlichkeit und den Medien wird dabei die Frage laut, ob Elektrofahrzeuge das hohe Sicherheitsniveau der Verbrennerfahrzeuge erreichen können.

Aus den bislang vorliegenden Erkenntnissen der Unfallforschung und anhand aktueller Ratingtests von Euro-NCAP oder Aussagen des Insurance Instituts for Highway Safety IIHS in den USA lässt sich ableiten, dass bei richtiger Fahrzeugauslegung die Sicherheit keine Frage des Antriebs ist. Natürlich unterscheiden sich die technischen Lösungen bei Elektrofahrzeugen, neben dem Insassenschutz rücken neue Aspekte in den Vordergrund, die vor allem den Umgang mit Hochvoltsystemen betreffen. Die Anforderungen an den Insassenschutz sind aber weitgehend unabhängig vom Antriebskonzept.

Effekte der Elektromobilität auf das Realunfallgeschehen könnten sein:

  • Verjüngung der Fahrzeugflotte erhöht die Sicherheit: Die Förderung der Elektromobilität kann die Verjüngung der Fahrzeugpopulation beschleunigen. Da bei neuen Fahrzeugmodellen im Vergleich zu älteren Fahrzeugen generell große Fortschritte bei der Unfallvermeidung, der Unfallsicherheit und der Unfallnachsorge (z.B. Notruf) zu verzeichnen sind, kann von einem positiven Einfluss auf das Unfallgeschehen ausgegangen werden.
     
  • Unfallsicherheit: Die Grundprinzipien der Unfallsicherheit unterscheiden sich nicht bei den verschiedenen Antriebsarten, auch die Anforderungen an den Insassenschutz sind gleich. Bei Ratingtests wird herstellerübergreifend die Sicherheitsperformance für verschiedene Insassentypen abgeprüft, das Spektrum reicht von Kindern in entsprechenden Kindersitzen, über kleine Frauen bis zum durchschnittlichen Mann.
     
  • Der niedrigere Schwerpunkt der elektrischen Fahrzeuge mit Unterbodenbatterie reduziert das Risiko von Überschlagsunfällen: Die niedrigere Schwerpunktlage kann sich positiv auf die Neigung zum Kippen auswirken.
     
  • Brand: Unfallbedingte Brände sind im Verkehrsgeschehen generell sehr selten. Elektrofahrzeuge sind nach Meinung von Experten nicht häufiger von Bränden betroffen als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Die Fahrzeughersteller entwickeln die Fahrzeuge mit dem gleichen Sicherheitsanspruch wie die konventionellen Modelle, so dass unfallbedingte Brände möglichst selten vorkommen.
     
  • Schutz vor Stromschlägen: Teil des Hochvolt-Systems sind neben der Batterie alle Komponenten mit einer Spannungslage höher als 48 Volt.  Zur Vermeidung von Stromschlägen und hochenergetischen Kurzschlüssen hat zum Beispiel Mercedes-Benz ein mehrstufiges Hochvolt-Sicherheitskonzept vorgestellt, das Stromschläge äußerst unwahrscheinlich macht. Für Rettungskräfte verfügen die Fahrzeuge über zusätzliche Abschaltmöglichkeiten des HV-Systems, die sogenannten Rettungstrennstellen.
     

Eine weitere, signifikante Verminderung der Verkehrsopferzahlen ist nur durch einen ganzheitlichen Ansatz möglich. Dazu bringt sich das VDI-Expertengremium der „Berliner Erklärung“ im „Pakt für Verkehrssicherheit“ des BMDV ein.

In der vergangenen Dekade 2010-2020 wurde bei der Straßenverkehrssicherheit viel erreicht, auch wenn das Ziel der Bundesregierung hinsichtlich Reduzierung von Unfalltoten um 40 Prozent in diesem Zeitraum deutlich verfehlt wurde. Lediglich für die Insassen von Kraftfahrzeugen kam man dem Ziel sehr nahe, eine weitere Steigerung ist hier aber nur noch in kleinen Schritten zu erwarten.

Stattdessen beobachten wir eine Zunahme der Zahlen vor allem bei den verletzlichen Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern und Radfahrern, aber auch bei den Motorradfahrern. Hier ist eine Verbesserung nach Ansicht der Experten der „Berliner Erklärung des VDI“ nur über einen ganzheitlichen Ansatz möglich. Dazu müssen Themen der Infrastruktur, Regularien und nicht zuletzt die Verkehrsteilnehmer mit ihren Stärken und Schwächen in den Mittelpunkt gerückt werden.

Das BMDV (Bundesministerium für Digitales und Verkehr) hat dazu den „Pakt für Verkehrssicherheit“ ins Leben gerufen, mit dem bis 2030 erneut eine Reduktion der Zahl der Unfallopfer um 40 Prozent bezogen auf den Zahlen von 2020 erreicht werden soll. Im Expertengremium der „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit“ finden sich zu vielen Handlungsfeldern des Paktes die richtigen Inputgeber und Maßnahmenideen. Die Experten der VDI-Initiative stammen aus einem breiten Spektrum von OEMs, Zulieferern, Verbänden und Hochschulen. Die „Berliner Erklärung“ hat sich zum Ziel gesetzt, hier konkreten Input in Form von Maßnahmen beizusteuern und aktiv die Handlungsfelder zu unterstützen.

Als Beispiele seien genannt:

  • Erhöhung der Gurttragequote in Kraftfahrzeugen
  • Verringerung von Ablenkung im Straßengeschehen
  • Helmpflicht mindestens für E-Bike-Fahrer*innen
  • uvm.
     

Zusammenfassung und Ausblick

Nach Ansicht der Experten der „Berliner Erklärung im VDI“ lässt sich das pandemiebedingt reduzierte Verkehrsaufkommen direkt mit den gesunkenen Unfall- und Opferzahlen in 2020  und 2021 in Verbindung bringen. Ein nachhaltiger Effekt ist hier aber nicht in Sicht. Vielmehr ist mit einem erneuten Anstieg der Unfallzahlen parallel zum wieder steigenden Verkehrsaufkommen zu rechnen. Damit sind die guten Zahlen von 2020 als Basis für den Ausblick bis 2030 eine große Herausforderung. Es bedarf sehr großer Anstrengungen, die neuen Ziele der Bundesregierung aus dem Verkehrssicherheitsprogramm zu erreichen.

Generell gilt nach Meinung der Experten, dass das Sicherheitsniveau eines Fahrzeugs nicht von seiner Antriebsart abhängen kann und darf. Es gibt zahlreiche innovative Lösungen bei den deutschen Automobilherstellern, die dazu beigetragen haben, das sehr hohe Sicherheitsniveau der konventionell angetriebenen Fahrzeuge ohne Abstriche auf elektrisch oder hybrid angetriebene Fahrzeuge zu übertragen.

Eine weitere signifikante Verminderung der Verkehrsopferzahlen ist nur durch einen ganzheitlichen Ansatz möglich. Dazu will sich das VDI-Expertengremium der „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit“ beim Pakt für Verkehrssicherheit des BMDV aktiv einbringen. Die VDI-Initiative erarbeitet dazu konkrete Vorschläge, die im Rahmen der zwölf Handlungsfelder des „Pakts für Verkehrssicherheit“ zur Diskussion gestellt werden sollen.

Abbildung 5: Struktur des Expertengremiums Berliner Erklärung (Quelle: Expertengremium Berliner Erklärung im VDI)

Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg
Road Safety Counselor, RSC Safety Engineering, Vorsitzender des VDI-Fachbeirats Kraftfahrzeugtechnik und Sprecher der VDI-Initiative „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit, bis Oktober 2021 Director Development Safety, Durability, Corrosion Protection, Mercedes-Benz AG