BIM – vielschichtiger Hoffnungsträger

Zwei Professoren für Bauinformatik und Bauingenieurwesen über das Potenzial von Building Information Modeling (BIM) und die aktuellen Herausforderungen in der Praxis.

Building Information Modeling, kurz BIM, ist eine kooperative Arbeitsmethodik, bei der mithilfe von digitalen Zwillingen geplanter Bauwerke relevante Informationen verwaltet und Bauvorhaben durch eine optimierte Kommunikation der Projektbeteiligten effizient durchgeführt werden können. Um der BIM-Methode in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen, hat das Bundesministerium für Digitales und Verkehr einen Stufenplan für deren Einführung vorgelegt. Auch bei Projekten der öffentlichen Hand setzt der Bund auf BIM.

Wofür steht BIM?

Prof. Steinmann: Inzwischen hat sich ein gemeinsames Verständnis etabliert, das in der ISO 19650 als Stand der Technik dokumentiert ist. In der konkreten Umsetzung von BIM sollte man sich methodisch zunächst mit den Anwendungsfällen und den Arbeitsabläufen darin beschäftigen. Hier gilt es festzustellen, wer von wem wann welche Informationen benötigt und wie diese digital zur Verfügung gestellt werden können. Dann wählt man sich Tools aus, die geeignete Funktionen und Datenschnittstellen zur Verfügung stellen. Begleitend muss die Qualität der ausgetauschten Daten gegen die Anforderungen validiert werden. Digital gestützte Prozesse und Arbeitsabläufe unterscheiden sich oft erheblich von hergebrachten papiergestützten Abläufen. Das erfordert ein Changemanagement, gerade in großen Organisationen, und eine Anpassung der rechtlichen und vertraglichen Rahmenbedingungen.

Bei welchen Herausforderungen für die Baubranche kann BIM helfen?

Prof. van Treeck: Eine Herausforderung ist erst einmal, dass alle lernen, mit dieser Methode zu arbeiten, öffentliche Hand wie Planungsunternehmen. Als besondere Herausforderung des Ökosystems Baubranche würde ich aber den sich abzeichnenden gravierenden Fachkräftemangel nennen. Die Antwort der Industrie darauf heißt Automatisierung, Vorfertigung und Systembildung. BIM ist ein Instrument der Digitalisierung, das Anwendungsfälle in digitale Prozesse übersetzt und Informationsliefergegenstände systematisiert. Der digitale Zwilling schafft hierbei ein wichtiges Bindeglied für ein integriertes Leistungsversprechen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes.

Sie leiten seit vielen Jahren die beiden VDI-Fachkonferenzen „BIM im Infrastrukturbau“ und „BIM in der Gebäudetechnik“ für das VDI Wissensforum. Was zeichnet diese beiden Konferenzen aus?

Prof. Steinmann: Die Fachkonferenz „BIM im Infrastrukturbau“ wurde etabliert, nachdem das Thema BIM über viele Jahre vorrangig im Hochbau behandelt wurde. Zunehmend wurde das Thema auch in der Infrastruktur aufgegriffen und es entstand der Bedarff für einen fachlichen Austausch. Inhaltlich wird das Programm ständig an die dynamische Entwicklung angepasst. Die Teilnehmenden sind ein interessanter Mix aus Vertreter*innen der Ministerien und öffentlichen Hand, Autobahn, Bahn, Planungsunternehmen und Bauindustrie. Einerseits zeigen die Beiträge den aktuellen Stand der Technik und Trends für die Zukunft, andererseits ist die Veranstaltung auch immer ein sehr interessantes Networking Event. Besonders freut mich, dass hier der Generationenwechsel glückt und immer mehr aus der jungen BIM-Generation an der Veranstaltung teilnehmen.

Prof. van Treeck: Die Technische Gebäudeausrüstung ist das komplexeste Gewerk am Bau und Strukturgebermotor für die ganze Planung. Die Fachkonferenz­ „BIM in der Gebäudetechnik“ ist inzwischen zu einer wichtigen Institution für den Austausch in der TGA geworden. Auf der Veranstaltung treffen sich jedes Jahr rund 90 Fachleute. Gemeinsam haben wir dort – übrigens als Ergebnis einer Podiumsdiskussion – zudem mit der „Initiative Raumbuch“ eine neue Richtlinie für die ganz frühe Leistungsphase Null geschaffen, wo ja eine Lücke klaffte: den neuen VDI Standard 6070. Besonders bemerkenswert ist daran, dass wir den ersten Teil dieser Richtline schon nach rund einem Jahr in den Gründruck gebracht haben.

Was sind Ihre Visionen für BIM und das Bauen der Zukunft?

Prof. van Treeck: Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass wir mit dem Hilfsmittel BIM über die Digitalisierung ein komplexes Lebenszyklus-Management einer Kreislaufwirtschaft hinbekommen, wo wir mit dem „Cradle to Cradle“-Ansatz bereits in der Planung wirklich den gesamten Recyclingprozess mitdenken. Also, dass mit BIM das Thema Nachhaltigkeit modellbasiert greifbar wird, indem die ganzen Kreisläufe wie Instandsetzung, Erneuerung und Austausch Teil dieser modellbasierten Use Cases werden.

Prof. Steinmann: Meine grundsätzliche Vision ist eine nachhaltige Erhöhung der Effizienz durch eine optimale Systemintegration mithilfe von BIM. Heute haben wir in der praktischen Umsetzung ein datentechnisches Niveau erreicht, auf dem immerhin Informationen über Bauwerksstrukturen, Elemente mit Sachinformationen und 3D-Geometrie digital ausgetauscht werden können, in der Regel jedoch immer noch dateibasiert. Auf einem nächsten Niveau könnten Programme diese Informationen passend zum Kontext unmittelbar untereinander austauschen. Die Komplexität der Informationsverknüpfungen könnte in neuronalen Netzen abgebildet und mit Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) beherrscht werden.


 

Dieses Interview erschien zum ersten Mal am 16. März 2023 in DIE WELT im Rahmen einer Kampagne von Contentway.

Über die Autoren

Prof. Dr.-Ing. habil. Christoph van Treeck arbeitet an der RWTH Aachen als Inhaber des Lehrstuhls für Energieeffizientes Bauen E3D. Er ist Wissenschaftlicher Leiter des BIM Centers Aachen als Verbund marktführender Unternehmen aus der Gebäudetechnik und engagiert sich zu BIM beim VDI, DIN und BTGA. In der E3D Ingenieurgesellschaft ist er in der Planungspraxis tätig.

Prof. Dipl.-Ing. Rasso Steinmann vertritt seit 1996 das Gebiet Bauinformatik an der Hochschule München. Seit 2008 leitet er das iabi – Institut für angewandte Bauinformatik. Von 2013 bis 2023 leitete er den VDI-Koordinierungskreis BIM, jetzt Fachausschuss BIM, der die nationale BIM-Richtlinienreihe VDI 2552 in elf Blättern entwickelt. Im Vorstand der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik verantwortet er das Querschnittsthema BIM und vertritt den VDI im DIN-Fachbereich BIM, von wo er in das CEN TC 442 delegiert ist. Prof. Steinmann engagiert sich außerdem bei buildingSMART Germany, bis 2023 als Vorstandsvorsitzender, und bei buildingSMART International derzeit als Vice Chairman.