Jörg Bienert ist Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des KI Bundesverbandes e. V. und zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen KI-Landschaft. Auf dem VDI-Kongress AUTOMATION 2025 spricht er in seiner Keynote über die strategische Bedeutung technologischer Unabhängigkeit für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.
Technologische Unabhängigkeit schaffen – Wettbewerbsfähigkeit sichern
AUTOMATION 2025: KI-Experte plädiert für eigenständige europäische Systeme
„Make or Buy – Warum wir eigenständige KI entwickeln müssen.“ Diesen Titel hat Jörg Bienert, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des KI Bundesverbandes e. V., seiner Keynote auf dem 26. VDI-Kongress AUTOMATION gegeben. Im Interview erläutert er vorab, warum technologische Unabhängigkeit entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Industrie ist – und wie gut aus seiner Sicht die Chancen dafür stehen.
Warum ist es für die heimische Industrie aus Ihrer Sicht unverzichtbar, eigenständige KI-Modelle zu entwickeln?
Jörg Bienert: Spätestens seit ChatGPT erleben wir, wie Künstliche Intelligenz in Form der nächsten Stufe mit generativer AI nahezu alle Lebens- und Arbeitsbereiche durchdringt und dabei zu enormen Produktivitätssteigerungen führen kann. Gleichwohl befinden wir uns mit der Entwicklung gerade erst am Anfang. Vor diesem Hintergrund treten wir als KI Bundesverband dafür ein, dass wir in Deutschland und Europa in der Lage sein sollten, Foundation-Modelle als wichtige zentrale Infrastruktur selbst herzustellen, zu betreiben und weiterzuentwickeln. Das ist strategisch entscheidend, um sowohl in technologischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht nicht komplett von außereuropäischen Anbietern abhängig zu werden. Gerade aktuelle Themen wie Strafzölle unterstreichen diese Notwendigkeit.
Warum machen aktuell USA und China das KI-Wettrennen unter sich aus? Und wie viel technologisches Potenzial sehen Sie in Europa?
Jörg Bienert: Prinzipiell verfügen wir in Deutschland mit einer langjährigen wissenschaftlichen Historie in diesem Bereich über hervorragende Voraussetzungen. Nur ein Beispiel: Das Modell, das die Basis für Siri und viele weitere Sprachmodelle bildete, wurde ursprünglich in München erfunden. Das wissenschaftliche Know-how ist ohne Zweifel vorhanden – was uns fehlt, ist wie in vielen anderen Bereichen der Mut und die Bereitschaft zu investieren, insbesondere in großen Maßstäben.
Der Durchbruch bei den Sprachmodellen wurde schließlich erst durch den enormen und teuren Einsatz von viel Rechenkapazität ermöglicht. Leider fehlt es uns in Deutschland und Europa an digitalen Konzernen, die aufgrund ihres Geschäftsmodells, ihrer weltweiten Verbreitung und ihrer Margen über derartige finanzielle Mittel verfügen wie beispielsweise Google, Microsoft, Amazon oder Facebook.
Doch wie könnte es Deutschland und Europa gelingen, im globalen KI-Wettbewerb eine stärkere Rolle zu spielen?
Jörg Bienert: Eine zentrale Steuerung und die Bündelung der Kräfte sind unverzichtbar, um dieses Ziel zu erreichen. Als KI Bundesverband plädieren wir dafür, dass die öffentliche Hand unterstützend tätig werden sollte. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist, dass Foundation-Modelle als Infrastrukturkomponente eine unverzichtbare Basis für die gesamte Wirtschaft, aber auch für die Gesellschaft darstellen. So wie es sich bei Autobahnen ebenfalls um eine staatlich finanzierte Infrastrukturkomponente handelt, sollte dies in ähnlicher Form auch für IT- und Digital-Infrastrukturen gelten.
Gleichzeitig benötigen wir in Europa eine klare Strategie, die alle Aktivitäten zusammenführt und koordiniert. Offen gestanden, hat es daran in der Vergangenheit gemangelt. Zwar wurde durchaus Geld investiert, aber häufig eher nach dem Gießkannenprinzip. Beispiel: Die Mittel der KI-Strategie der Bundesregierung wurden zunächst auf mehrere Bundesministerien verteilt, die sich dann untereinander kaum abgestimmt haben. Auch Wissenschaftler könnten sich noch besser miteinander vernetzen und Forschungsschwerpunkte koordinieren. Auf diese Weise hätten wir gute Chancen, eine Art Moonshot-Programm für eine konkurrenzfähige europäische KI zu initiieren.
Welche Schwerpunkte sollten dabei in der Automationswelt im Fokus stehen?
Jörg Bienert: Hinsichtlich der Datenerhebung und Datenverfügbarkeit sind wir in der industriellen Produktion sicherlich noch lange nicht da, wo man sein könnte – aber im Vergleich zu vielen anderen Ländern verfügen wir in Deutschland und Europa dennoch bereits über seine sehr gute und solide Basis. Die damit verbundenen Chancen sollten wir aktiv nutzen – indem wir Daten teilweise auch unternehmensübergreifend zusammenführen und auf dieser Basis neue Systeme entwickeln, die unsere Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen und stärken.
Unterstrittig ist, dass KI hohe Mengen an Energie benötigt. Ein wesentlicher Strang der Forschungsaktivitäten sollte sich daher auf eine Verbesserung der Energieeffizienz konzentrieren. Mit unserem deutschen Ingenieurs-Know-how könnten wir gerade in dieser Hinsicht punkten.
Sie sprechen von KI als entscheidendem Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit. In welchen Bereichen der Wertschöpfungskette entfaltet sich dieser Einfluss besonders stark?
Jörg Bienert: KI eröffnet uns die Möglichkeit, die Prozessschritte in der IT, die aktuell immer noch eine menschliche Schnittstelle benötigen, ebenfalls zu digitalisieren. Automation ohne Medienbrüche kann aus meiner Sicht zu einem echten Game Changer werden. Ein zweiter großer Bereich betrifft die Robotik. Hier ist aus meiner Sicht der Aufholbedarf in der deutschen Wirtschaft sehr hoch. Zwar sehen wir, dass Unternehmen wie BMW und Mercedes mit dem Einsatz von humanoiden Robotern experimentieren. Allerdings sehen wir auch, dass beim globalen Wettrennen im Bereich humanoider Roboter ebenfalls wieder Player aus den USA und China vorne liegen. Den Megatrend Robotik sollten wir meines Erachtens in der Automation auf keinen Fall verschlafen, da er vollkommen neue Türen aufstoßen wird.
Die schnelle und flexible Adaption von Robotik für individuelle Anforderungen wird einen gewaltigen Boost auslösen, den wir uns derzeit teilweise noch gar nicht vorstellen können – das gilt noch mehr mit Blick auf den Fachkräftemangel in vielen Branchen. Ein typisches Anwendungsfeld dafür sind repetitive Aufgaben, auf die sich die Robotik-Lösungen sehr schnell trainieren lassen. Zum anderen werden wir aber auch in verschiedensten Bereichen des Lebens Anwendungen sehen, die darüber hinausgehen – auch auf Feldern, wo individuelle Situationen analysiert und individuelle Entscheidungen getroffen werden müssen.
Wenn man sich vorstellt, dass in wenigen Jahren unterschiedlichste Arbeitsprozesse in einer gemeinsamen Datenbank für derartige KI-Systeme abgelegt werden, kann man sich vorstellen, wie schnell die damit verbundenen Möglichkeiten explodieren werden. Unternehmer und Entscheider sollten sich über diese Perspektiven bewusst sein, um nicht bald von dem hohen Innovationstempo überrollt zu werden.
KI ist der prägende Hype und Megatrend der vergangenen Jahre. Ist diese breite Aufmerksamkeit, die KI heute im Alltag erfährt, für Sie eher Fluch oder Segen?
Jörg Bienert: ChatGPT war und ist aus meiner Sicht eher ein Segen, weil es ein ganz neues Maß an Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für das Thema KI geschaffen hat und es jedem ermöglicht, in erstaunlicher Weise eigene Erfahrungen mit KI zu sammeln. Gleichzeitig stehen wir mit dem Einsatz der jetzigen Technologien gerade erst am Anfang. Selbst wenn man die Entwicklung der KI jetzt abrupt stoppen würde, hätten wir noch Jahre damit zu tun, die Möglichkeiten des heutigen Entwicklungsstandes auszuschöpfen. Das ist für mich das Erstaunliche bei dieser technologischen Revolution: Die technologische Weiterentwicklung vollzieht sich erheblich schneller als die mögliche Adoptionsrate.
Die Frage ist wirtschaftlich und politisch nun, ob auf Basis dieser Eindrücke auch die entsprechenden Maßnahmen schnell genug umgesetzt werden. Aktuell haben wir weniger ein Erkenntnisproblem als ein Problem der Umsetzung und der Geschwindigkeit. Die zentrale Herausforderung lautet: Sind wir schnell genug, um die Chancen insbesondere auch der Robotik zu erkennen und zu nutzen – nicht nur hinsichtlich möglicher Effizienzsteigerung, sondern ebenso zur Gestaltung neuer Produkte und innovativer Geschäftsmodelle auf Basis von KI?
Abschließend: Was ist die zentrale Botschaft, die Sie den Teilnehmenden des VDI-Kongresses Automation mit auf den Weg geben möchten?
Jörg Bienert: Als deutsche und europäische Industrie müssen wir zwingend selbst in der Lage sein, KI-Systeme als Infrastrukturkomponente zu gestalten, weiterzuentwickeln und zu betreiben – andernfalls werden wir volkswirtschaftlich vor enormen Herausforderungen stehen und uns in kritische Abhängigkeiten begeben. Deshalb dürfen wir keine Zeit verlieren. Allerdings bin ich zuversichtlich: Unsere Chancen stehen gut, wenn wir uns intensiver vernetzen, Finanzmittel gezielter investieren und in der Wissenschaft konsequent zusammen statt gegeneinander arbeiten.

Quelle: KI Bundesverband e.V.