Robotik und Künstliche Intelligenz: Verändert wie wir Dinge produzieren werden

Schon einmal hat die Robotik die Produktion von Gütern grundlegend verändert. Damals in den 80’ern des 20’ten Jahrhunderts stand die Massenproduktion von Gütern wie Automobilen im Vordergrund. Ganz ähnlich wie heute kam es nach meiner Erinnerung zu intensiven Diskussionen bzgl. der Sicherheit der Arbeitsplätze und ganz allgemein zur Zukunft der Arbeit. Wir wissen heute, dass ohne die Einführung von Robotern insbesondere in der Automobilproduktion eine wettbewerbsfähige Industrie in Deutschland heute nicht mehr existieren würde.

Der Unterschied zu der heutigen Diskussion über die Veränderung der Produktion und ganz allgemein der Zukunft der Arbeit ist der, dass wir heute im 21’ten Jahrhundert tatsächlich vor einer massiven Veränderung stehen. Eine Veränderung, die viel weiter reicht, als lediglich die Übernahme von eintönigen immer wiederkehrenden Aufgaben durch Maschinen und die weit in Aufgabenbereiche hinein reichen wird, von denen wir bis heute glaubten das sie nur von Menschen ausgeführt werden können.

Der Grund für diesen Unterschied liegt darin, dass sich zwei Technologien vereinigen, die wir bis dahin getrennt voneinander erlebt haben. Einerseits die Robotik, also die Entwicklung von immer komplexer werdenden Maschinen, die nicht mehr nur in der Lage sind Handhabungen auszuführen, sondern die selbst feinste, kraftgeführte Manipulationsaufgaben mittels hochdimensionaler Manipulatoren und feingliedriger Hand/Finger Mechanismen bewältigen können und die darüber hinaus in der Lage sind, sicher auf zwei Beinen zu stehen und sich in für den Menschen geschaffenen Umgebungen sicher zu bewegen.

Zum Anderen die Künstliche Intelligenz, eine Technologie die wir bisher –wenn überhaupt– nur in Form von Expertensystemen, oder Inferenzmaschinen kennengelernt haben –das sind Computerprogramme, die aus einer Menge von Fakten und Regeln korrekte Schlüsse ziehen können. Ein Beispiel sind medizinische Diagnose Systeme oder der berühmt gewordenen Computer Watson, der das Quizspiel Jeopardy gegen menschliche Mitspieler gewinnen konnte. Ebenso begegnet uns die KI in den Algorithmen auf unseren Handys, die natürliche Sprachen wie Deutsch und Englisch verstehen können und korrekte natürlich sprachliche Antworten geben können, oder Computerprogramme, die Gesichter einzelner Personen aus einer Gruppe von Menschen identifizieren können.

Was passiert, wenn wir diese beiden Technologien vereinen –und noch ein paar ‚side effects’ mitnehmen wie: Kameras die auf 1 qcm Grösse eine Auflösung von 10+MegaPixeln leisten, Computerchips, die auf 1 qcm Grösse die Rechenleistung eines Supercomputers der 90er Jahre leisten oder Akkumulatoren die auf 1 qcm Grösse die Energiedichte eines alten Röhrenfernsehers unterbringen– sind Maschinen hoher struktureller Komplexität mit einer  enormen algorithmischen Kapazität. Diese Maschinen sind jetzt nicht mehr nur mechanisch in der Lage, eine Geige zu spielen, sondern sie können auch noch die Noten lesen... Oder, um es praktischer zu formulieren, diese Maschinen können nicht nur eine Mutter auf eine Schraube drehen und mit exakt definiertem Drehmoment fest ziehen, sondern sie erkennen auch wo diese Schraube platziert werden muss, welche Schraube es sein muss, welches Werkzeug dafür nötig ist und wann diese Schraube gedreht werden muss...

Deswegen macht es Sinn heute intensiver über die Zukunft der Arbeit und die Art wie wir in Zukunft Dinge produzieren werden nachzudenken.

Aber gönnen wir uns einen Moment der Reflektion. Wo stehen wir heute und was fehlt uns noch: Wir haben die technologischen Möglichkeiten die physischen Systeme – die Hardware – zu bauen, wir haben die Algorithmen um die Software zu realisieren, was uns jedoch fehlt, ist ein Organisationsprinzip nachdem all die Algorithmen und die Hardware zusammenwirken. Was uns fehlt, ist das Betriebssystem für diese KI-basierten Maschinen.  Was uns fehlt, ist ein Verständnis davon, wie eine Maschine beschaffen sein muss, die nie aufhört zu arbeiten, die nie aufhört sich zu entwickeln und die nie aufhört sich an eine veränderliche Umgebung anzupassen genauso wie sich an die eigene physische Veränderlichkeit zu adaptieren. Wann werden wir das erreicht haben? Im Prinzip nie und doch zu jeder Zeit... Das heißt es ist ein iterativer Prozess der Annäherung an ein Optimum das wir ggf. nie erreichen werden und dessen letztes Epsilon an Verbesserung schwerer sein wird, als all die Quantensprünge davor... Es geht darum diesen Prozess zu verstehen und aufzugreifen, dabei die sich abzeichnenden Technologien einzusetzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und gleichzeitig ein wachsames Auge auf neue Entwicklungen und potentielle Trends zu haben.

Mit anderen Worten es wird so sein wie es immer schon war, nur dass das Spiel komplexer, schwieriger zu durchschauen und vor allem vielschichtiger wird. Reichte es in der letzten Robotik Epoche in den 80’ern des 20 Jahrhunderts noch aus, ein guter Ingenieur und Elektrotechniker zu sein, wird es dieses mal darum gehen die Trends der Batteriechemie genauso zu verfolgen, wie die Trends der Chiptechnologie, der Materialwissenschaften, der Neurobiologie und selbst der Psychologie...

Aber was bedeutet dies für den Werker am Band, was bedeutet es für Diejenigen, die die Produktion hochwertiger Güter bisher bewältigt haben? Was bedeutet es für den Facharbeiter? Um es vorweg zu schicken ich glaube nicht, dass wir vor einer Epoche der Massenarbeitslosigkeit und des Ersetzens von Menschen durch Maschinen stehen. Genauso wenig wie wir es bei der letzten Robotik Epoche getan haben.

Im Gegenteil wird sich die Produktion diversifizieren und wir werden einen Trend zurück zur Individualität erleben. Schon heute ist kein Golf wie der andere. Schon heute streben Menschen nach individuellen Produkten. Die einzigen die es noch schaffen uns mit in Massenproduktionen unter teilweise unwürdigen Bedingungen gefertigten Produkten zu ‚beglücken’ sind die Hersteller unserer Smartphones... Aber auch dies ist ein aussterbendes Produkt! Längst beschränken sich die Leistungen dieser Hersteller auf die Integration von neuen Teiltechnologien –bessere Kamera, besserer Speicher, besserer Chip– Wo ist die Innovation?

Konsequent zu Ende gedacht wird also der Facharbeiter viel stärker als heute mit der Konzeption und Fertigung von Produkten befasst sein, die den individuellen Wünschen der Kunden entsprechen und die aus Komponenten bestehen, die zu einem Gesamtprodukt integriert werden müssen. Der Facharbeiter von morgen wird also mehr dem Handwerker von gestern ähneln, dem Handwerker der sein Wissen, seine Erfahrung und sein Können eingebracht hat, um herausragende Produkte höchster technischer Spezifikation für eine –im globalen Maßstab in die Milliarden gehende– individualisierte Käuferschaft zu erzeugen.

Dabei werden ihm robotische Systeme zur Seite stehen, die wie Assistenten –früher nannte man sie Lehrlinge, die dem Gesellen zugearbeitet haben– seine Arbeit verfolgen, ihm körperlich schwere Arbeit abnehmen und ihn bei der Verrichtung seiner Aufgabe unterstützen. Der Mensch wird dementsprechend vielmehr im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen als das heute der Fall ist. Robotik und KI werden zu einer Renaissance des Handwerkers führen bei gleichzeitiger Bedienung eines globalen Massenmarktes.

Autor des Artikels

Prof. Dr. Frank Kirchner
- Leitung Robotics Innovation Center, DFKI (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz),  www.dfki.de/robotik
- Universität Bremen, Fachbereich Mathematik und Informatik, AG Robotik