Dirk Briese im Interview: Waste-to-Energy-Anlagen - Steigende Anforderungen, vielfältige Chancen

Die Rolle von Waste-to-Energy-Anlagen (WTE-Anlagen) im deutschen Energiesystem steht vor einem Wandel: Zwischen stabilen Abfallmengen, steigenden Effizienzanforderungen und neuen regulatorischen Rahmenbedingungen gewinnt die strategische Weiterentwicklung von Standorten zunehmend an Bedeutung.

Dirk Briese, Geschäftsführer der trend:research GmbH, analysiert seit Jahren Märkte und Geschäftsmodelle in der Energie- und Entsorgungswirtschaft und verfügt über fundierte Einblicke in Investitions- und Infrastrukturtrends. Im Kurzinterview ordnet er für uns die aktuelle Marktlage ein, beleuchtet Risiken und zeigt auf, welche Faktoren künftig über Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit von WTE-Anlagen entscheiden.
 

Wie entwickelt sich der Markt für Waste-to-Energy-Anlagen derzeit in Deutschland?

Dirk Briese: Der Markt befindet sich gerade in einer Phase zwischen Stabilität und strukturellem Wandel. Die Abfallmengen in Deutschland sind insgesamt stabil bis leicht rückläufig, gleichzeitig entstehen aber auch zahlreiche Neubauprojekte für WTE-Anlagen. Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf einer effizienteren Nutzung der Anlagen, insbesondere bei der Energiegewinnung und der Einbindung in Wärmenetze. Die Wettbewerbssituation wird stärker und hängt vom Standort ab, deshalb wird es immer wichtiger, gute Standortentscheidungen und Vertragsstrukturen abzuschließen.
 

Ist künftig mit Überkapazitäten, z. B. bei Klärschlamm-Monoverbrennungsanlagen (KSMVA), zu rechnen?

Dirk Briese: In bestimmten Szenarien, insbesondere wenn die Mengen gleich bleiben oder sogar sinken, ist das Risiko von Überkapazitäten durchaus real. Vor allem dann, wenn mehr Neubauprojekte als benötigt gebaut werden, was im Fall der KSMVA regional bereits erfolgt ist. Im Bereich MHKW/MVA kann dies insbesondere der Fall sein, wenn mehr und schneller neue Anlagen gebaut als alte stillgelegt werden. Im Segment der Klärschlamm-Monoverbrennungsanlagen entstehen durch regulatorische Vorgaben neue Anlagen, auch wenn die nicht immer synchron mit der tatsächlichen Mengenentwicklung wachsen. Es muss entsprechend analysiert werden, in welchen Regionen langfristig eine Auslastung sichergestellt ist und wo Wettbewerbsdruck entsteht.
 

Welche Synergiepotenziale spielen bei der Weiterentwicklung von Waste-to-Energy-Standorten eine Rolle?

Dirk Briese: Ein zentraler Punkt sind Synergiepotenziale auf Standortebene. Bestehende Infrastruktur, wie Wärmenetze, Netzanschlüsse oder Logistik aber auch Servicefunktionen, haben einen großen Einfluss darauf, wie wirtschaftlich eine Anlage ist. Gerade bei Um- und Anbauprojekten können diese Synergien genutzt werden, um Investitionskosten zu reduzieren und gleichzeitig die Integration in bestehende Energiesysteme zu verbessern. Die Überprüfung der über 200 Synergiepotenzialthemen muss dabei systematisch und strukturiert erfolgen.
 

Welche Investitions- und Entwicklungstrends sehen Sie für Waste-to-Energy-Anlagen bis 2050?

Dirk Briese: Bis 2050 werden erhebliche Investitionen in den Markt erwartet, sowohl in Retrofit als auch in Neu-, An- und Umbauten. In vielen Fällen werden bestehende Anlagen zunächst modernisiert, bevor es zu vollständigen Ersatzinvestition kommt. Außerdem gewinnen Themen wie weniger CO2-Ausstoß (bzw. CCS-Anlagen) und neue Technologien immer mehr an Bedeutung. Investitionsentscheidungen müssen heute bereits gut durchdacht werden, damit sich Investitionen langfristig lohnen.
 

Wie sehen die Gestehungskosten z.B. für Klärschlammmonoverbrennungsanlagen im Vergleich von Neubau, Anbau und Umbau aus?

Dirk Briese: Die Kosten unterscheiden sich je nachdem, wie stark in die bestehende Anlage bzw. den Standort „eingegriffen“ wird. Ein Umbau oder eine Modernisierung ist meist günstiger als ein kompletter Neubau, weil man vorhandene Dinge wie Gebäude, Anschlüsse oder Transportwege weiter nutzen kann (s. Synergien). Allerdings hängen die Kosten stark vom jeweiligen Standort ab. Ein Neubau ist zwar am teuersten, bietet aber den Vorteil, dass die Anlage komplett neu und auf dem neuesten Stand gebaut werden kann. Ein Umbau ist günstiger als ein Neubau, bringt aber auch Herausforderungen mit sich, weil man an einer bestehenden Anlage arbeitet und es dabei zu Problemen oder Stillständen kommen kann oder unvorhergesehene Herausforderungen auftreten. Am Ende hängen die tatsächlichen Kosten vor allem vom Standort, der vorhandenen Infrastruktur und der Betriebsweise ab.

Über den Autor:

Dirk Briese

Geschäftsführer trend:research GmbH

Herr Briese ist Diplom-Kaufmann und seit 2001 Geschäftsführer von trend:research GmbH – Institut für Trend- und Marktforschung. Zuvor war er vier Jahre Projektleiter Unternehmensentwicklung und Leiter Beteiligungsentwicklung bei der swb AG (Stadtwerke Bremen AG). Er nahm dabei als Geschäftsführer der Holding verschiedene Mandate wahr, z.B. Aufsichtsratsvorsitzender der KNO (Kompostieranlage) und Aufsichtsrat der ANO (Müllverbrennungsanlage) in Bremen. Zuvor war er als Berater und Mitglied der Geschäftsleitung in einem Beratungsunternehmen für Umwelt- und Energietechnik tätig. Bei trend:research verantwortet er die Geschäftsentwicklung, Due-Diligence-Projekte sowie Studien und Gutachten. Zudem ist er Autor, Referent und leitet seit vielen Jahren verschiedene Arbeitskreise und Kommissionen.

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