Wasserstoff in der Landwirtschaft – Ein Energieselbstversorgungskonzept eines landwirtschaftlichen Betriebes

Quelle: Eigene Darstellung, erstellt mit Unterstützung von KI (Google Gemini)

Eigenversorgungskonzept als Lösung des Infrastrukturproblems

Die Landwirtschaft steht vor enormen Herausforderungen. Der Klimawandel, volatile Energiepreise und strenge gesetzliche Emissionsvorgaben forcieren alternative Antriebe zunehmend [1], [2]. Gleichzeitig führt der anhaltende Strukturwandel zu Betrieben mit wachsenden Bewirtschaftungsflächen [3]. Um diese Flächen effizient, aber bodenschonend zu bearbeiten, scheiden schwere batterieelektrische Antriebe wegen inakzeptabler Bodenverdichtungen weitgehend aus [4], [5]. 

Im Folgenden wird zunächst eine kurze Einordnung zu den Energieträgern Biodiesel und Wasserstoff in der Landwirtschaft dargelegt. Darauf aufbauend wird ein Konzept zur dezentralen Energieselbstversorgung in verschiedenen Systemkonfigurationen vorgestellt.  Im Mittelpunkt steht die Versorgung des Betriebs mit Strom, Wärme und eines 200 PS H2-Verbrennungsmotor Traktors. Abschließend folgt eine Wirtschaftlichkeitsanalyse, basierend auf einem integrierten Kostenmodell, aus der Empfehlungen abgeleitet werden. 

Eine Technologieanalyse, zeigt, dass der Einsatz von Biodiesel (B100) als alternativer Kraftstoff kurzfristig deutliche Vorteile hinsichtlich der Praxistauglichkeit und Maschinenkompatibilität bietet. Ein gravierender Nachteil offenbart sich jedoch bei der ökologischen Betrachtung der Herstellungskette: Der Einsatz von Düngemitteln bei der Kultivierung der Energiepflanzen verursacht zusätzliche Treibhausgas- und Schadstoffemissionen in der Prozesskette, welche die Klimabilanz des Kraftstoffs belasten [6].

Demgegenüber ermöglicht der Antrieb mit grünem Wasserstoff eine CO2-freie Energiewandlung [7]. Bei der Wahl des Antriebssystems weisen Brennstoffzellen (FCEV) jedoch erhebliche Probleme bei den operativen Anforderungen der Landwirtschaft auf, wie hohe Staubbelastungen und starke Vibrationen [4], [8]. Der Wasserstoff-Verbrennungsmotor (H2-ICE) erfüllt diese Anforderungen als robuste Alternative deutlich besser und ermöglicht zudem kurze Betankungszeiten [7], [9]. Generell weisen Wasserstofftechnologien jedoch ein signifikantes Infrastrukturdefizit auf. Landwirtschaftlich geprägte Regionen werden nicht an das geplante Wasserstoff-Kernnetz angebunden sein [10]. Gelingt es jedoch, diese infrastrukturellen Hürden zu lösen, wird der Energieträger Wasserstoff aufgrund seiner Eigenschaften operativ stark konkurrenzfähig zum etablierten Dieselantrieb.

Abb. 1: Aufbau des Simulationsmodells

Selbstversorgungskonzept als Lösung des Infrastrukturproblems

Um das beschriebene Infrastrukturproblem zu überwinden, kann ein dezentrales Selbstversorgungskonzept auf Betriebsebene genutzt werden. Dabei soll eine weitestgehend autarke Energieversorgung angestrebt werden. Dies wird im Folgenden vorgestellt und bewertet. Der Modellaufbau basiert auf einem landwirtschaftlichen Referenzbetrieb am Niederrhein. Es handelt sich hierbei um einen Ackerbaubetrieb mit 100 Hektar Nutzfläche (Zuckerrüben, Silomais, Raps, Getreide) und einem integrierten Wohnhaus. Ziel des Modells ist es, den gesamten Energiebedarf für einen 200-PS-Traktor, den elektrischen Strom und die Wärmeversorgung bilanziell abzubilden. Der Gesamtjahresbedarf beträgt ca. 96.000 kWh H2, 8.000 kWh Strom und 20.000 kWh Wärme [11], [12], [13], [14]. Das Gesamtsystem wird in MATLAB/Simulink über den Jahresverlauf simuliert. Es umfasst eine Photovoltaik- und Kleinwindkraftanlage, einen Lithium-Ionen-Batteriespeicher, einen PEM-Elektrolyseur sowie einen 350-bar-Druckgasspeicher.

Das Konzept wird im Rahmen einer Sensitivitätsanalyse in drei Systemvarianten untersucht. Die Basisvariante mit vollständiger Energieautarkie. Die Variante 2 in der ein Strombezug aus dem Netz ermöglicht wird und Variante 3 mit einem einmaligen externen Wasserstoffbezug. Ziel ist eine verbesserte Komponentendimensionierung bezogen auf die Basisvariante.

Tabelle 1: Komponentendimensionierung der Systemvarianten

Abb. 2: Jahresverlauf der gespeicherten Wasserstoffmenge.

Darüber hinaus sind alle Varianten mit einer 10kW Kleinwindkraftanlage und einem 200 kWh Batteriespeicher ausgestattet. Die PV-Module besitzen eine Fläche von 1,6 m2, bei einem Modulwirkungsgrad von 20%.

Die Simulation der Basisvariante verifiziert die grundsätzliche technische Machbarkeit einer vollständigen Autarkie, ist jedoch mit hohen Investitionskosten verbunden.

Die Gesamtinvestitionskosten (CAPEX) liegen bei 753.600 €. Diese wirtschaftliche Ineffizienz resultiert primär aus dem anspruchsvollen Erntefenster im Spätsommer. Innerhalb von 22 Tagen werden 37,5 % des jährlichen Wasserstoffbedarfs verbraucht. Um diese saisonale Lastspitze abzufedern, benötigt der Wasserstoffspeicher eine Kapazität von 900 kg (Tabelle 1). Dies führt zu einer sehr geringen Auslastung des kapitalintensiven Speichers und bindet das Kapital ineffizient, was die Gesamtwirtschaftlichkeit belastet. 

In Variante 2 wird die Autarkie hinsichtlich der Stromversorgung reduziert. Durch eine Erhöhung der Elektrolyseurleistung und Photovoltaikfläche bei gleichzeitiger Verkleinerung des Wasserstoffspeichers muss temporär externer Netzstrom bezogen werden, um den Elektrolyseur auszulasten. Das Netz agiert somit als Puffer zur saisonalen Angleichung an die Bedarfe, während in Summe die Strombilanz positiv bleibt. Die Investitionskosten sinken folglich leicht auf 719.200 €. Zwar werden durch die größere PV-Anlage im Sommer hohe Einspeiseerlöse generiert, jedoch führt diese Auslegung aufgrund häufigerer Elektrolyseur-Stillstände im Winter zu einem starken Rückgang der Eigendeckungsquote im Wärmesektor auf lediglich 40,1 %.

In Variante 3 wird die Autarkie hinsichtlich der Wasserstoffversorgung variiert. Die Dimensionierung von PV-Anlage, Elektrolyseur und Wasserstoffspeicher wird verkleinert. Die daraus resultierende Deckungslücke im extremen Erntefenster wird durch einen einmaligen Zukauf von externem Wasserstoff in Höhe von 450 kg geschlossen.

Diese Unterdimensionierung in Variante 3 führt zu einer signifikanten Kostenreduktion. Die Investitionskosten sinken auf 598.000 € wodurch auch die Betriebskosten (OPEX) ein Minimum erreichen. 

Die Betrachtung des Cashflows quantifiziert die Kosteneinsparungen und Verkaufserlöse aus Überschussproduktion E. Zukäufe von Energie und Wartungskosten K werden negativ in den Cashflow einbezogen. 

Die folgende Tabelle zeigt, dass alle Varianten einen positiven Zahlungsfluss erzielen und der Cash-Flow Return on Investment (ROI), im Bereich von 2-3% liegen.

Tabelle 2: Cashflow, ROI und Netto-Gesamtkosten

Ein Variantenvergleich der Netto-Gesamtkosten über die Systemlebensdauer belegt die Vorteile der dritten Strategie: Die Netto-TCO, also die Kosten inkl. sonstiger Zahlungsströme aus Energiever- und zukäufen, sind rund 120.000€ geringer und sie erzielt die höchste Rendite. Die spezifischen Wasserstoffgestehungskosten fallen hier auf 15,18 €/kg im Vergleich zu 16,21€ in der Basisvariante und liegen damit im oberen Spektrum aktueller Tankstellenpreise für Wasserstoff [15]. Da ländliche Gebiete oft lange Transportwege erfordern und Abnahmemengen gering sind, ist ein externer Versorgungspreis am oberen Ende erwartbar.
 

Fazit und Ausblick

Die Simulationsergebnisse zeigen, dass die Energieselbstversorgung landwirtschaftlicher Betriebe mit Wasserstoff sinnvoll realisierbar ist. Dabei kann der Nutzungsgrad des Wasserstoffspeichers durch geringfügige Variationen der Autarkie erhöht und Investitionskosten gesenkt werden. Das Konzept umgeht Probleme der überregionalen H2-Infrastruktur und ermöglicht einen Betrieb ohne große operative Einschränkungen. Entscheidend für die Marktfähigkeit ist jedoch insgesamt die Wirtschaftlichkeit. Diese wird bei steigenden und volatilen Kraftstoff- und CO2-Preisen, sowie sinkende Komponentenkosten weiter verbessert [16]. Zusätzlich bildet eine verstärkte Sektorenkopplung große Potentiale durch die Integration eines größeren Batteriespeichers zur Teilnahme am Energy-Trading oder eine branchenübergreifende Wasserstoffbereitstellung zur verbesserten Systemauslastung.

Über den Autor:

M.Sc., Hendrik Vorjans

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Energiemanagement & Antriebe, Institut für Kraftfahrzeuge, RWTH Aachen

Quellen

[1] – UMWELTBUNDESAMT, Klimaschutz im Verkehr, www.umweltbundesamt.de, abgerufen am 11.09.2025

Mehr anzeigen

[2] - KTBL - KURATORIUM FÜR TECHNIK UND BAUWESEN IN DER LANDWIRTSCHAFT E. V., Verwendung erneuerbarer Antriebsenergien in landwirtschaftlichen Maschinen, Darmstadt, 2023

[3] - STATISTISCHES BUNDESAMT, Landwirtschaftliche Betriebe - Ausgewählte Merkmale im Zeitvergleich, www.destatis.de, abgerufen am 11.09.2025

[4] - CLAAS KGAA MBH, Chancen und Hürden bei alternativen Antrieben, www.claas.com, abgerufen am 20.09.2025

[5] - BUNDESINFORMATIONSZENTRUM LANDWIRTSCHAFT Fahren auch Traktoren bald mit Elektroantrieb?www.landwirtschaft.de, abgerufen am 20.09.2025

[6] - MUNACK, A.; KRAHL, J. Biodiesel - Potenziale, Umweltwirkungen, Praxiserfahrungen Landbauforschung Völkenrode, Heft 239, 2002 

[7] – SCHRANK, M.; LANGER, V.; JACOBSEN BENJAMIN Wassserstoffverbrennungsmotor als alternativer Antrieb www.now-gmbh.de, abgerufen am 20.09.2025

[8] - HOCHWARTH, D. Welche alternativen Antriebstechniken gibt es für die Landwirtschaft? www.vdi-nachrichten.com, abgerufen am 19.09.2025

[9] - GESELLSCHAFT FÜR CHEMISCHE TECHNIK UND BIOTECHNOLOGIE E.V Wasserstoff Kompass - Mobilität und Transport, Kraftfahrzeuge, www.dechema.de, abgerufen am 20.09.2025

[10] - BUNDESNETZAGENTUR Wasserstoff-Kernnetz www.bundesnetzagentur.de, abgerufen am 24.04.2025

[11] – STATISTISCHES BUNDESAMT Energieverbrauch - Stromverbrauch der Privathaushalte nach Haushaltsgröße www.destatis.de, abgerufen am 19.09.2025

[12] - WEIßBACH, A. Stromverbrauch im Haushalt www.co2online.de, abgerufen am 19.09.2025

[13] - NGUYEN, M. D. Heizkosten pro m²: Fernwärme / Zentralheizung (Rechner) www.heizspiegel.de, abgerufen am 19.09.2025

[14] – BUNDESINFORMATIONSZENTRUM LANDWIRTSCHAFT Wie viel Energie benötigen Gewächshaus-Anbau und Lagerung von Gemüse und Obst? www.landwirtschaft.de, abgerufen am 19.09.2025

[15] – EMCEL GMBH, Kosten von Wasserstoff: Wie viel kostet Wasserstoff an der Tankstelle?, www.emcel.com, abgerufen am 15.04.2026

[16] – PWC GMBH, Einführung EU-ETS 2 - Das kommt mit dem neuen Emissionshandelssystem der EU auf Unternehmen zu, www.pwc.de, abgerufen am 15.04.2026

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