Wer in Bauprojekten verfahrenstechnischer Anlagen planend, steuernd und leitend arbeitet, bewegt sich im Spannungsfeld von Funktionalität, öffentlich-rechtlichen Anforderungen und Terminen. Zudem beeinflusst das Engineering erheblich die Gesamtkosten eines Anlagenbauprojektes und die Wirtschaftlichkeit des späteren Betriebs.
Über die Herausforderungen der technischen und organisatorischen Anforderungen im Anlagenbau sprechen wir in einem Interview mit Herrn Dipl.-Ing.Frank Mattukat, einem langjährigen Experten auf dem Gebiet des Anlagenbaus und -betriebs. Zudem ist Herr Mattukat mit seinem kostbaren Know-how auch Referent der VDI Seminare Crashkurs der Anlagen- und Verfahrenstechnik, Planung und Bau verfahrenstechnischer Anlagen, Engineering verfahrenstechnischer Anlagen und Technische Dokumentation verfahrenstechnischer Anlagen.
Herr Mattukat, bitte stellen Sie sich kurz vor!
Mein Name ist Frank Mattukat. Seit 25 Jahren bin ich Inhaber und Geschäftsführer der docemos GmbH, einem Ingenieurbüro . Mein Team und ich unterstützen Anlagenerrichter und Anlagenbetreiber bei Fragen rund um Projekte im Anlagenbau, Technische Dokumentation von Großbauprojekten und verfahrenstechnischen Anlagen und im Engineering. Während meines Maschinenbau-Studiums in Stuttgart mit Vertiefungsrichtung Verfahrenstechnik habe ich erste Erfahrungen in Reinraum machen können, ein Arbeitsumfeld, dass mich bis heute fasziniert. Seitdem bin ich sowohl auf der Errichter-, als auch auf der Betreiberseite tätig.
Welche Aufgaben kommen auf Ingenieurinnen und Ingenieure in einem Anlagenbauprojekt zu?
Dreh- und Angelpunkt im Anlagenbau ist das magische Dreieck aus Zeit, Kosten und Qualität: Die Projekte werden unter schwierigen Voraussetzungen und mit knackigen Vorgaben gestartet und bei großen Investitionssummen unter hohem Öffentlichkeitsdruck durchgeführt. Zentrale Ansprechpartner*innen sind dabei die Projektingenieur*innen, die über eine umfassende Ausbildung in allen Bereichen des Engineering-Prozesses verfügen sollten. Sie benötigen Fach-, Methoden und Sozialkompetenz. Zum Werkzeugkasten sollten Lösungsansätze für Themen von A wie Ausführungsplanung über K wie Koordination und T wie Terminplan bis hin zu Z wie Zeitfenster gehören – unabhängig davon, ob es um Verfahrens- Energie- und Versorgungstechnik, Maschinenbau oder Produktion geht.
Die Ingenieur*innen im Anlagenbau müssen über viele Fähigkeiten verfügen – aber eigentlich wird vor Projektbeginn alles vertraglich geklärt, oder?
Anlagenbauverträge sind oft extrem umfangreich und von Juristen formuliert. Wichtig ist, dass die Projektleitende sich mit den Verträgen auseinandersetzen und verstehen, was zur geschuldeten Leistung gehört. Baurecht, Immissionsrecht, Arbeitsschutz und weitere Rechtsrahmen machen Vorgaben, die man als Projektleiter*in grundsätzlich nachvollziehen können muss, aber Jurist*in muss man trotzdem nicht sein. Die Projektmanager*innen sind vielmehr Schnittstelle zwischen Juristen, Behörden, Kaufleuten, ausführende Firmen und Materiallieferanten. Sie müssen über Methodenkompetenz verfügen, aber auch menschlich in der Lage sein, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen und immer wieder Kompromisse zu verhandeln.
Wie bereiten Sie Ingenieur*innen in Ihren Seminaren auf solche Aufgaben vor?
Der wichtigste Erfolgsfaktor für eine/n Projektleiter*in ist aus meiner Sicht das ständige Weiterlernen, immer angepasst auf die Vorkenntnisse jedes einzelnen Teilnehmenden und natürlich auf die Aufgaben, denen er sich beruflich stellt : Seiteneinsteiger*innen starten dabei sinnvoll mit dem Crashkurs der Anlagen- und Verfahrenstechnik, um einen Überblick über das breite Themengebiet zu erhalten. Im Grundlagenseminar Planung und Bau verfahrenstechnischer Anlagen wird dieses Wissen vertieft, zudem fließen weitere Aspekte des Projektmanagements mit ein. Neben Grundlagen werden auch aktuelle Methoden der Projektabwicklung vorgestellt (Agiles Projektmanagement, Building Information Modelling, Software zur Projektunterstützung). Erfahrene Projektingenieur*innen erweitern ihr Wissen in den Seminaren Engineering verfahrenstechnischer Anlagen und Technische Dokumentation verfahrenstechnischer Anlagen.
Wie kann ich mir den Ablauf Ihrer Veranstaltungen vorstellen?
Zunächst gilt es natürlich, Stoff zu vermitteln. Solche Seminare leben auch von der Kommunikation, vom Erfahrungsaustausch. Kleinere Workshops und Plenumsdiskussionen zu konkreten Aufgabenstellungen ergänzen den Ablauf. Wer möchte, kann konkrete Beispiele besprechen, natürlich immer unter Beachtung von Geheimhaltungsvereinbarungen mit Kundinnen und Kunden. Ein Seminar muss ein Austausch sein, keine Vorlesung. Und dann passiert sehr regelmäßig, dass ich als Seminarleiter Rückmeldungen von meinen Seminarteilnehmenden bekomme: Sei es, um noch einmal eine Thematik zu besprechen, sei es aber auch, um zu sehen, wie sich die Teilnehmenden entwickeln und mit dem erarbeiteten Wissen den Ablauf ihrer Projekte verbessern können, das freut mich immer besonders!
