Mit Technologieoffenheit den Verkehrssektor schneller defossilisieren

Internationaler Motorenkongress 2026 in Baden-Baden spricht sich für eine Multi-Pathway-Strategie unter Nutzung von E-Fuels aus

Logo des Internationalen Motorenkongresses mit orange-grauer Schrift auf weißem Hintergrund

Der 13. Internationale Motorenkongress fand am 24. und 25. Februar 2026 in Baden-Baden statt. (Bild: VDI Wissensforum)

(Düsseldorf, 04.03.2026) 
Führt der Weg zur möglichst raschen Defossilisierung des Verkehrssektors allein über batterieelektrische Antriebe? Welche Rolle können E-Fuels spielen, gerade mit Blick auf die vorhandenen Bestandsflotten an PKW und Nutzfahrzeugen, die von einem Verbrennungsmotor angetrieben werden? Ein klares Signal für mehr Technologievielfalt und entsprechende Weichen-stellungen der Politik sendete der 13. Internationale Motorenkongress in Baden-Baden aus. Die Forderungen nach ganzheitlichen Lifecycle-Betrachtungen der verschiedenen Antriebskonzepte und Kraftstoffe wurde dabei ebenso deutlich wie der Wunsch, die CO2-Flottenregulierung in Europa über die aktuellen Pläne hinaus weiter anzupassen. 

Zwei Tage lang kam einmal mehr die internationale Motoren-Community in Baden-Baden zusammen, um sich zu neuesten technologischen Entwicklungen, Trends auf den weltweiten Märkten sowie zu politischen Themen auszutauschen. Über 300 Expertinnen und Experten sowie Entscheider*innen erlebten ein vielfältiges Kongressprogramm mit Keynotes führender Köpfe sowie 30 Fachvorträgen. Diese beschäftigten sich in parallelen Sessions mit den drei Schwerpunkten PKW-Motorentechnologie, NFZ-Motorentechnologie sowie Nachhaltige Kraftstoffe & Energie.
 

Mobilität der Zukunft und soziale Aspekte

Mit dem Thema der sozialen Verantwortung im Zuge der Mobilitäts-Transformation beschäftigte sich Frank Sell, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats Bosch Mobility, in seiner Eröffnungs-Keynote. In seiner Videobotschaft machte er deutlich, dass der Wandel der Branche „sozial, ökologisch und ökonomisch sein“ müsse. Die Realität stelle sich hingegen aktuell anders dar: „Wir haben einen massiven Stellenabbau in der Autoindustrie, wie wir ihn noch nie erlebt haben, der schon disruptive Ansätze hat“, sagte Sell. Insbesondere der Zulieferbereich ist dabei betroffen. Er sprach sich daher für technologische Vielfalt aus: Statt einer „Entweder oder“-Debatte müsse es um ein „Sowohl als auch" gehen, um die Technologieführerschaft zu behalten und auszubauen sowie die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Automotive-Branche zu erhalten.
 

Nur eine „scheinbare Technologieneutralität“?

In seiner Keynote beleuchtete Rechtsanwalt Dr. Benedikt Wolfers, Partner bei Posser Spieth Wolfers & Partners und renommierter Experte im Regulierungsrecht, die aktuellen EU-Pläne zur CO2-Flottengesetzgebung. „Rein regulatorisch ist es so, dass mit den bisherigen Kommissionsvorschlägen unverändert das industriepolitische Ziel verfolgt wird, die Technologie bei PKW und leichten Nutzfahrzeugen auf den batterieelektrischen Antrieb zu konzentrieren und die Verbrennertechnologie zu verdrängen, und zwar unabhängig davon, ob sie CO2-neutral betrieben werden kann oder nicht.“ Er sprach vor diesem Hintergrund von einer „nur scheinbaren Technologieneutralität“.
 

Kraftstoffe im Lebenszyklus-Vergleich

Für eine intensivere Betrachtung des gesamten Lebenszyklus verschiedener Kraftstoffe plädierte Marc Sens, Fachbereichsleiter Research & Technology bei der IAV GmbH: „Wir sollten uns auf den Pfad einigen, der die schnellste und kostengünstigste Defossilisierung ermöglicht – und zwar global, nicht nur innerhalb der EU-Grenzen.“ Angesichts einer IAV-Studie zur Lifecycle-Betrachtung und der weiterhin spürbaren Käuferzurückhaltung bei BEVs empfahl er einen Mittelweg: „Ein Hybridfahrzeug, das im Alltag elektrisch fährt und auf der Langstrecke mit zum Beispiel grünem Methanol betrieben wird, könnte die Brücke sein, die wir für die nächsten Jahrzehnte brauchen.“
 

Mehrere technologische Pfade gleichzeitig beschreiten

Die Sicht der Fahrzeughersteller wurde unter anderem in den Keynotes von Dr. Martin Hrdlička, Leiter Entwicklung Antriebs- und Fahrwerksysteme, Skoda Auto, sowie Timothy D‘Herde, Head of Powertrain, Toyota Motor Europe, deutlich. „Für uns steht die Dekarbonisierung im Fokus – und auf dem Weg dorthin benötigen wir parallel verschiedene technologische Pfade. Deshalb verfolgen wir eine Multi-Pathway-Strategie mit Hybrid-Fahrzeugen, Plug-in-Hybriden, batterieelektrischen Fahrzeugen, Brennstoffzellen-Fahrzeugen und auch Verbrennungsmotoren, die in Zukunft mit CO2-neutralen Kraftstoffen betrieben werden“, schilderte Timothy D’Herde.

Für eine zukünftige Fahrzeugklasse, in der Verbrenner mit 100 Prozent CO2-neutralen Kraftstoffen betrieben werden können, sprach sich ebenfalls Dr. Tobias Block, Geschäftsführer Strategie der eFuel Alliance, aus: „Damit hätten Hersteller die Option, Verbrennerflotten regulierungskonform weiter zu verkaufen – parallel zu batterieelektrischen Antrieben.“ Er erwartet, dass E-Fuels spätestens 2030 in industriellen Mengen verfügbar sein werden: „Es gibt weltweit über 300 angekündigte E-Fuel-Projekte mit einer theoretischen Produktionskapazität von rund 20 Milliarden Litern im Jahr 2030.“
 

Bedarf nach E-Fuels aus dem Rüstungswesen

Ein zusätzlicher Impuls dafür könnte aus dem Rüstungsbereich kommen. Shena Britzen, Leiterin des Wasserstoff-Programms bei Rheinmetall, stellte in einer vielbeachteten Keynote das Projekt „Giga PtX“ vor. Sie nannte als größte Schwachstelle in der Verteidigungsbereitschaft „die Verfügbarkeit von Kraftstoff“ und betonte, dies lasse sich nicht mit rein elektrischen Antrieben kompensieren. Hunderte dezentraler Produktionsanlagen plant der Konzern in Europa. Dabei geht es um eine avisierte Produktion von 20,5 Millionen Tonnen synthetischem Kraftstoff pro Jahr. „Jede Anlage des Verbundes arbeitet autark, überwiegend mit Strom aus Photovoltaik und Windkraft. Sie erzeugen dezentral und bedarfsgerecht Kraftstoffe – etwa Marinediesel an den Küsten, Kerosin in der Nähe von Fluganlagen, Diesel in der Fläche“, skizziert Shena Britzen die Pläne. Da die Anlagen auf den hohen Bedarf in einem Krisenfall ausgelegt sind, kann die Produktion in Friedenszeiten auch zivil genutzt werden – „ein Rüstungsasset, das sich refinanzieren lässt“, so Britzen. „Keine Resilienz ohne Verbrennungsmotor – aber bitte mit E-Fuels“, so ihr Resümee.
 

Mehr Pragmatismus statt Dogmatismus ist gefragt

In ihrem Abschlussvortrag widmeten sich die beiden Redner Prof. Dr. Christian Beidl von der TU Darmstadt und Prof. Dr. Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie dem „Verbrennungsmotor als langfristige Lösung“. In Anknüpfung an den Beitrag von Shena Britzen betonten sie, dass dies das einzige Antriebskonzept ist, das hochdichte Energie jederzeit und an jedem Ort der Welt unmittelbar in Arbeit und Leistung umsetzen kann. Beide Experten warnten vor „Denkfallen“, etwa dass batterieelektrisch Antriebe per se für Zero Emissions stünden. Den Appell, vom Dogmatismus zum Pragmatismus zu kommen, teilte Dr. Gerhard Holy, ALV List GmbH, der Lukas Walter vor Ort vertrat, in seinem Abschlussbeitrag. Er skizzierte weitere Verbesserungspotenziale beim Verbrenner und führte als Beispiel Range Extender an, die bereits heute Wirkungsgrade von 50 Prozent erreichen. Bei einem Flottenalter, das in Europa je nach Land bei durchschnittlich 8 bis zu 18 Jahren liegt, sieht er zudem große CO2-Einsparpotenziale durch den verstärkten Einsatz von E-Fuels.
 

Podiumsdiskussion und begleitende Fachausstellung

Auch eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion widmete sich dem Thema „Die Bedeutung des Verbrennungsmotors für Volkswirtschaft und Klimaschutz“. Auf ebenso großes Interesse stieß die begleitende Fachausstellung, die über innovative Produkte und Dienstleistungen informierte. Young Professionals fanden mit dem NextGen-Programm die passende Plattform zum Austausch. Gelegenheiten zum Netzwerken bot zudem der beliebte Abend der Motoren-Community.
 

Plattform der internationalen Motoren-Community

Der Kongress wird jährlich vom VDI Wissensforum und ATZlive organisiert und gilt in der Branche als die Plattform, auf der offen, kontrovers und zukunftsgewandt über die Mobilität von morgen diskutiert wird. 
 

Der 14. Internationale Motorenkongress findet am 23. und 24. Februar 2027 in Baden-Baden statt. 
Anmeldung und Programm unter www.motorenkongress.de sowie über das VDI Wissensforum Kundenzentrum, Postfach 10 11 39, 40002 Düsseldorf, E-Mail: wissensforum@vdi.de, Telefon: +49 211 6214-201, Telefax: -154.

Quelle: Uli Regenscheit Fotografie

Über die VDI Wissensforum GmbH

Wir sind seit 1957 Partner in der Weiterbildung für Ingenieurinnen und Ingenieure sowie technische Fach- und Führungskräfte. In jährlich mehr als 2.150 Kongressen, Tagungen, Technikforen, Lehrgängen und Seminaren decken wir nahezu jede technische Disziplin ab. Der Bereich Soft Skills und Management rundet unser Portfolio ab. Mehr als 37.000 Teilnehmende bilden sich mit Hilfe unseres Angebots jedes Jahr aus und weiter.


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