Herr Dr. Hueck, das globale Wachstum verharrt seit sieben Jahren unter den langjährigen Durchschnittswerten. Erleben wir gerade den schleichenden Abschied vom Wohlstand durch Stagnation oder handelt es sich eher um ein längeres Atemholen der Weltwirtschaft?
Dr. Thomas Hueck: Ich bin kein Anhänger der These einer säkularen Stagnation. Was wir aktuell beobachten, ist ein technologischer Umbruch, wie er in der Geschichte der modernen Ökonomie schon mehrfach in Form der sogenannten Kondratiev-Zyklen aufgetreten ist. Diese langen Wellen beschreiben indes nicht nur technologische Sprünge, sondern gleichermaßen globale Entwicklungen, die tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft, der Arbeitsorganisation und der Geopolitik umfassen.
Derartige Übergänge verlaufen nie reibungslos. Über Zeiträume von 15 bis 20 Jahren sehen wir uns mit Verwerfungen und einem eher enttäuschenden Wachstum konfrontiert, bevor die Weltwirtschaft wieder zu einer starken ökonomischen Entwicklung zurückkehrt. Dass sich das für den Einzelnen wie Stillstand anfühlt, ist nachvollziehbar, aber perspektivisch werden wir ab Mitte der 2030er-Jahre wieder eine ganz andere Dynamik sehen.
In Ihren Thesen für die Keynote sprechen Sie von steigenden Anpassungskosten durch eine veränderte Weltordnung. Welche Rolle wird China angesichts der Transformation der Automobilindustrie in Zukunft einnehmen?
Dr. Thomas Hueck: China ist ein Akteur, der zu alter Größe und Stärke zurückkehrt und diese Position aktiv nutzt. Allerdings geht das mit einer Neugestaltung der globalen Wirtschaftsbeziehungen einher. Die Folge ist ein global verstärkter Protektionismus, der einerseits ein Reflex auf den massiven Anpassungsdruck ist, unter dem viele Industrien stehen, und andererseits eine direkte Antwort auf diesen neuen, mächtigen Spieler. Wir erleben eine Phase, in der Länder ihre eigene Position verteidigen, weil sich das Gefühl breit macht, dass das alte Regelwerk nicht mehr greift. Diese Entwicklungen verteuern die Transformation, weil politische Störfaktoren zu den rein technologischen Herausforderungen hinzukommen.
Neben der Geopolitik prägt ein weiteres Thema viele aktuelle Diskussionen: der demografische Wandel. In Europa und China schrumpft das Arbeitskräftepotenzial. Kann technologische Innovation dies kompensieren?
Dr. Thomas Hueck: Das ist die entscheidende Frage für die kommenden Jahrzehnte. Früher wuchs die Bevölkerung in den großen Industrienationen parallel zum technologischen Fortschritt. Heute erleben wir eine historisch einmalige Situation und müssen den Rückgang der Zahl der Arbeitskräfte durch massive Innovation und Produktivitätssteigerung auffangen.
Dabei bin ich zuversichtlich: Innovation entsteht oft erst als Reaktion auf Engpässe. Der Mangel an Köpfen und Händen wird uns also dazu zwingen, effizienter zu werden, als wir es uns heute vorstellen können. Die technologischen Neuerungen, die vor uns liegen – etwa im Bereich der KI-basierten Systeme – könnten zu bisher nicht erlebten Verbesserungen der Produktivität führen.
Schauen wir auf den Standort Deutschland. Viele Unternehmer klagen über ein Übermaß an Bürokratie und Regulierung. Verwandelt sich unser Ordnungsrahmen gerade in einen Standortnachteil?
Dr. Thomas Hueck: Ein gewisser Ordnungsrahmen ist essenziell, auch um Transformationsprozesse sozial abzufedern. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass wir uns in Europa zu sehr auf die Risikominderung konzentrieren, anstatt die Chancen der Transformation in den Blick zu nehmen. Der heutige Ordnungsrahmen ist auf die klassische Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts mit festen Arbeitszeiten und repetitiven Prozessen zugeschnitten. Den Anforderungen einer digital getriebenen Ökonomie werden wir damit jedoch nicht vollends gerecht.
Aus meiner Sicht ist es erforderlich, die sozialen Sicherungssysteme und regulatorischen Vorgaben zu modernisieren, ohne den Kern des sozialen Zusammenhalts aufzugeben. Das beinhaltet auch mehr Eigenverantwortung, da der Staat insbesondere in einer alternden Gesellschaft nicht jedes Lebensrisiko vollumfänglich absichern kann.
Ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Keynote wird sich mit der Dekarbonisierung des Verkehrs beschäftigen. Ist der Weg zur Klimaneutralität für den Standort Europa eher eine Bürde oder eine Überlebensgarantie?
Dr. Thomas Hueck: Die Dekarbonisierung ist der richtige Weg, wenn wir unsere Lebensgrundlage erhalten wollen. Wichtig ist jedoch, dass dieser Weg pragmatisch und nicht ideologisch ausgestaltet ist. Erforderlich sind dazu Mechanismen wie der CO2-Grenzausgleich CBAM, um Wettbewerbsnachteile abzufedern. Bei einer klugen Strategie bildet die Dekarbonisierung eine enorme Chance für die heimische Automobilindustrie. Beispiele aus der Historie gibt es genug: Denken wir zum Beispiel an den Umstieg auf bleifreies Benzin oder die Einführung von Katalysatoren zur Abgasbehandlung. Auch seinerzeit gab es Stimmen, das sei das Ende der Industrie. Tatsächlich passte sich die Branche erfolgreich an, die sparsamsten und „saubersten“ Motoren kamen aus Deutschland.
Ein Stichwort, das in der Automobilbranche immer wieder fällt, ist das „China-Tempo“. Was machen chinesische Ingenieure bei der Fahrzeugentwicklung fundamental anders?
Dr. Thomas Hueck: Chinesische Automobilhersteller gehen sehr agil vor und bringen Produkte tatsächlich schneller auf den Markt. Dabei können die Produkte vielleicht auch mal erst 85 oder 90 Prozent Marktreife haben. Das bedeutet nicht, dass diese Produkte unsicher sind, aber sie weisen vielleicht kleinere, unkritische Performance-Defizite auf, die dann im laufenden Betrieb wiederum schnell nachgebessert werden. In China herrscht ein anderes Maß an Experimentierfreude, auch auf Kundenseite.
Erforderlich ist dabei ein differenziertes Vorgehen: Bei sicherheitsrelevanten Bauteilen wie den Bremsen bleibt Perfektion selbstverständlich Pflicht, doch in anderen Bereichen können und müssen wir schneller werden. Ein Schlüssel dazu ist das sogenannte „Software-defined Vehicle“. Wenn wir das Fahrzeug primär als digitales Modell verstehen, in das die Komponenten integriert werden, beschleunigt das die Entwicklungszeit enorm.
Wie verändert dieser Wandel hin zur Software die Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Zulieferern?
Dr. Thomas Hueck: Die Modelle der Zusammenarbeit werden sich zwangsläufig weiterentwickeln, das liegt in der Natur technologischer Umbrüche. Ob dabei das chinesische Modell eins zu eins kopiert wird, bezweifle ich stark, da unser Wirtschaftssystem gänzlich anders strukturiert und historisch gewachsen ist. Die europäische Industrie wird im Miteinander von OEMs und Zulieferern sicherlich ihren eigenen Weg finden.
Abschließend die Bitte um eine persönliche Einschätzung: Wo steht die Automobilindustrie im Jahr 2040?
Dr. Thomas Hueck: Nennen Sie es Zweckoptimismus, doch ich glaube fest an eine starke industrielle Basis am Standort Deutschland. Die Automobilindustrie ist strategisch von zentraler Bedeutung und hat eine enorme Strahlkraft auf Chemie, Maschinenbau und weitere Branchen. Zudem ist und bleibt Europa der global zweitstärkste Wirtschaftsraum mit einer hohen Kaufkraft. Das macht diese Märkte für internationale Unternehmen so attraktiv, dass wir in 20 Jahren hierzulande noch eine vitale, wenn auch transformierte Industrie vorfinden werden. Hinzu kommt: In der gesamten Branche ist eine hohe Bereitschaft zu spüren, Dinge anzupacken und sich neu zu erfinden – das stimmt mich für die Zukunft positiv.
