Dr. Rolf Zöller ist CEO und Gründer von DigiTrans Consulting in Tübingen. Zuvor war er in leitenden Funktionen bei Porsche AG und Porsche Digital tätig. Er ist Vorsitzender des Programmkomitees und Tagungsleiter der ELIV 2025.
„Accelerate Innovation“: Schneller bessere Produkte liefern
Die breite Marktadaption des Software Defined Vehicles, eine zunehmend KI-unterstützte Entwicklung, Hardwaretrends wie Chiplets, eine neue Kultur der Kooperation in Open-Source-Projekten: Rund um die Elektronik im Fahrzeug ist buchstäblich viel Bewegung. Der Internationale VDI-Kongress ELIV verspricht somit einen intensiven Austausch und ein vielfältiges Programm. Kongressleiter Dr. Rolf Zöller gibt zuvor Einblicke, welche Highlights die Teilnehmenden erwarten kann.
Herr Dr. Zöller, wenn Sie den diesjährigen VDI-Kongress ELIV auf einen Nenner bringen möchten: Welche inhaltlichen Themen würden Sie in den Vordergrund rücken?
Dr. Rolf Zöller: Bereits unser diesjähriges Kongressmotto „Accelerate Innovation“ macht deutlich, worum es geht: mehr Tempo und Effizienz in der Entwicklung bei unverändert hoher Qualität. Dieser Anspruch ist die Konsequenz aus mehreren, gleichzeitig wirkenden Faktoren. Dazu zählen der starke Kostendruck auf Seiten der OEMs, die Notwendigkeit kürzerer Entwicklungszyklen aufgrund der Wettbewerbssituation, der breite Einzug von KI in Methoden und Tools sowie nicht zuletzt die klaren Kundenerwartungen an digitale und vernetzte Funktionen im Fahrzeug.
Im Rahmen des Kongresses wollen wir anhand von aktuellen Themen und Projekten aus der Praxis aufzeigen, wie Software und Hardware gemeinsam schneller vorankommen: E/E Architekturen und Technologien für das Software Defined Vehicle, KI-gestützte Entwicklung, Virtualisierung und neue Simulationsmethoden sind deshalb zentrale Themen. Gleichzeitig kommt die Elektronik mit ihrer maßgeblichen Bedeutung im Fahrzeug der Zukunft nicht zu kurz.
Gleichwohl erscheinen viele Technologietrends heute softwaregetrieben. Welchen Stellenwert hat die Hardware dabei noch?
Dr. Rolf Zöller: Der Stellenwert von Hardwarethemen im Rahmen der ELIV bleibt hoch. Schließlich bildet die Hardware die Grundlage, auf der softwaredefinierte Konzepte überhaupt erst tragen. Mit der Einführung zonaler Architekturen rücken Hochleistungsrechner mit Hypervisoren und robuste Middleware-Schichten in den Mittelpunkt und unterstützen die notwendige Neuverteilung der Funktionen. Das sind genuin elektronische Fragestellungen, die wir fachlich tief adressieren. Aus diesem Grund wird sich eine der beiden speziellen Automotive Trend Sessions mit dem Schwerpunkt Chiplets beschäftigen. Uns ist es wichtig, die Elektronik als Innovationsmotor sichtbar zu machen – nicht nur als „Träger“ der Software.
Wo steht die Branche beim Software Defined Vehicle?
Dr. Rolf Zöller: Wir befinden uns mitten im Durchbruch der Technologie, aber noch am Anfang der Skalierung: Weltweit sind derzeit grob geschätzt erst fünf Prozent der Flotte „echte“ SDVs. Das zeigt, wie viele Schritte noch erforderlich sind – in den Architekturen, in Toolketten und in der Serien-Operationalisierung. Die gute Nachricht: Grundlegende Strategieanpassungen wurden in den Häusern bereits umgesetzt. Parallel beobachten wir eine Konvergenz: Prozesse, Methoden und Tools gleichen sich international an, was Time-to-Market und der Qualität zugutekommt.
Sie haben bereits den Kostendruck angesprochen. Wie wirkt er sich in der Entwicklung aus – destruktiv oder als Katalysator?
Dr. Rolf Zöller: Beides. Kurzfristig erhöht die Kostensituation den Effizienzdruck spürbar. Strukturell wirkt dies aber als Innovationsmotor: Viele Unternehmen hinterlegen konkrete Ziele mit KI-gestützten Methoden in der Produktentwicklung – gemeinhin wird dabei eine Größenordnung von rund 15 Prozent Effizienzgewinn adressiert. Zusammen mit Virtualisierung und durchgängiger Simulation lässt sich die Netto-Entwicklungszeit merklich senken. Das beschleunigt Lernkurven, schafft Freiräume für neue Wertbeiträge – und hilft am Ende, schneller bessere Produkte zu liefern.
Sie sprachen es schon an, neben Chiplets widmet sich eine zweite Automotive Trend Session der ELIV dem Thema Open-Source-Software. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit branchenübergreifenden Projekten wie S-Core?
Dr. Rolf Zöller: Ein wesentliches Ziel dabei ist aus meiner Sicht, überflüssige Doppelarbeiten zu vermeiden. In Basisfunktionen, die nicht wettbewerbsdifferenzierend wirken, wird das „Rad“ heute noch viel zu oft neu erfunden. Gemeinsame Open-Source-Ansätze können Redundanzen verringern, Budgets entlasten und zusätzliche Ressourcen für wertschöpfende Schichten des Software-Stacks freisetzen. So wird die Branche in Summe schneller und ist in der Lage, Abstände zu den internationalen Wettbewerbern zu verkürzen. Wir konnten in diesem Jahr die Software-Defined-Vehicle (SDV) Working Group der Eclipse Foundation als Partner für die ELIV gewinnen. Dass Open Source auf der ELIV nun zum dritten Mal als Schwerpunktthema gesetzt ist, ist kein Zufall – die Dynamik nimmt stetig zu.
Wie bewerten Sie den globalen Wettbewerb: Holen europäische Player beispielsweise gegenüber chinesischen Herstellern beim Software Defined Vehicle auf?
Dr. Rolf Zöller: Aus meiner Sicht ist der Rückstand in einigen Bereichen schon deutlich kleiner geworden. KI-Methoden als Kostensenker und Qualitätshebel, dazu die Vereinheitlichung bei Prozessen, Methoden, Tools – all das führt zu global ähnlich leistungsfähigen Werkzeugkästen. Das SDV‑„Besteck“ des Ingenieurs wird effizienter, vielfältiger und verlässlicher. Das nivelliert Entwicklungsunterschiede und führt dazu, dass die europäische Fahrzeugindustrie bereits aufgeholt hat.
Wenn vieles „unter der Haube“ konvergiert – wo differenzieren sich Hersteller künftig überhaupt noch?
Dr. Rolf Zöller: Die User Experience rückt ganz nach vorne, also das digitale Erleben im Fahrzeug-Innenraum: marktspezifische und nutzerfreundliche HMI, performante Navigation und Visualisierung, nahtlose Verknüpfung mit Assistenzsystemen – und zunehmend digitale Assistenten im Fahrzeug. Wichtig: OEMs wollen diesen Erlebnisraum bewusst gestalten und behalten, auch wenn Apple CarPlay und Android Auto eingebunden sind. Die Technologie aus der Tech-Welt ist willkommen – aber bitte optimal fahrzeugseitig integriert, statt 1:1 übernommen zu werden.
Apropos Assistenz – wie nah sind wir an den nächsten Stufen?
Dr. Rolf Zöller: Level 2+ bis Level 3 sind in greifbarer Nähe. Der Fortschritt erfolgt auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Wahrnehmung und Sensorfusion, Performance der Rechenplattformen, robuste Software-Architekturen – und schließlich auch die Absicherung und Zulassungsfähigkeit. Genau diese Verzahnung – Technik und Regulatorik – diskutieren wir sehr konkret auf der diesjährigen ELIV. Für uns ist das ein Kernbereich, in dem sich Nutzen, Sicherheit und Marktfähigkeit treffen.
Oft machen vermeintlich kleine Alltagsfunktionen im vernetzten Fahrzeug bereits einen erheblichen Unterschied. Sehen Sie hier noch erschließbare Potenziale?
Dr. Rolf Zöller: Unbedingt. Die automatische Übernahme beispielsweise von Kalenderdaten in die Navigation zeigt, wie friktionsfreie Journeys aussehen können. Genauso ließen sich auch Parkraum-Informationen oder kommunale Services viel stärker in Echtzeit vernetzen. In China etwa können wir feststellen, wie Städte über Mini‑Apps komplette lokale Ökosysteme aufbauen und maßgeschneiderte Inhalte ausspielen. In Europa fehlt dafür teils noch die Akzeptanz – technisch aber wäre viel mehr möglich.
Eine Frage noch zum beruflichen Nachwuchs. Würden Sie jungen Menschen heute zum Einstieg in die Automotivbranche raten – trotz aller negativer Branchennews wie Kostendruck und Gewinnwarnungen?
Dr. Rolf Zöller: Ja, diese Empfehlung würde ich in jedem Fall aussprechen. Und zwar mit zwei Begründungen: Erstens erscheint mir stets ein antizyklisches Vorgehen sinnvoll. Wellenbewegungen gehören zur Industrie – doch gerade nach einer konjunkturellen „Delle“ eröffnen sich vollkommen neue Chancen, statt in Hochphasen nur mehr vom Gleichen zu machen.
Zweitens sind die Perspektiven langfristig hervorragend: Studien sehen im Bereich des Software Defined Vehicle seit Jahren zweistellige Zuwächse – häufig zwischen zwölf und 20 Prozent pro Jahr. Diese Entwicklung dürfte sich auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten fortsetzen. Junge Talente, die heute Kompetenzen in SDV‑Architekturen, Toolchains und KI‑Methodik aufbauen, treffen morgen auf einen strukturell wachsenden Markt.
Verändert sich auch das Karrierespielfeld – jenseits der klassischen Rollen von OEMs und Zulieferunternehmen?
Dr. Rolf Zöller: Die Grenzen verändern sich in der Tat deutlich. Aus der „verlängerten Werkbank“ wird ein kooperatives Ökosystem: Tier‑1s übernehmen Engineering‑Pakete, EDLs entwickeln marktfähige Softwareprodukte und lizenzieren an OEMs, Mittelständler mit 300 bis 800 Mitarbeitenden liefern Spitzentechnologie in Nischen – mit globaler Relevanz. Das eröffnet viel mehr Karrierepfade, auch tief in der Fachlichkeit, ohne zwingend ins Management wechseln zu müssen. Für Talente bedeutet das: mehr Varianten, mehr Wirkungsmöglichkeiten, mehr Mobilität zwischen ihren Rollen.
Der Fachkräftemangel bleibt real. Was kann die Branche tun?
Dr. Rolf Zöller: Erstens offensiv Attraktivität zeigen – mit klaren Entwicklungspfaden, moderner Arbeitsumgebung und internationaler Projektarbeit. Zweitens Ausbildung und Hochschulkooperationen enger mit industriellen SDV‑Bedarfen verzahnen. Drittens Plattformen wie die ELIV nutzen, um Talenten die Vielfalt und Relevanz des Feldes nahezubringen. Wenn wir das klug spielen, kontern wir den Mangel – und binden junge Leute früh an die Themen, die die Mobilität der nächsten Dekaden prägen.
Zum Schluss: Was können Teilnehmende der ELIV aus den beiden Kongresstagen mitnehmen?
Dr. Rolf Zöller: Drei Dinge. Erstens ein präzises Bild, wo SDV, Elektronik und KI‑Entwicklung heute tatsächlich stehen und wie sich jedes Unternehmen einbringen kann – praxisnah, fachlich fundiert, jenseits von Buzzwords. Zweitens intensive Einblicke in neueste Entwicklungen: von Chiplets und Zonenarchitekturen bis zu Open‑Source‑Software und virtuellen Testketten. Drittens die Ermutigung, Innovation zu beschleunigen – „Accelerate Innovation“ – weil Technik, Markt und Kostenentwicklung es jetzt verlangen.

Quelle: DigiTrans Consulting