Daten teilen, Kontrolle behalten: Warum die Fertigungsindustrie souveräne Datenräume braucht

Daten sind der Treibstoff der modernen Fertigung. Doch wer behält die Kontrolle, wenn Informationen über Unternehmensgrenzen hinweg fließen sollen? Diese Frage wird neben vielen Themen auf dem 27. VDI-Kongress AUTOMATION intensiv diskutiert. Ulrich Ahle, CEO der Gaia-X European Association for Data and Cloud, widmet sich in seiner Keynote dem Thema „Digitale Souveränität in der Fertigungsindustrie: Wunsch oder Wirklichkeit?“. Wir haben mit dem ausgewiesenen Experten für digitale Ökosysteme über das Ende klassischer Datensilos, die Notwendigkeit europäischer Infrastrukturen und die pragmatische Umsetzung von Digitalisierungsprojekten gesprochen.


Herr Ahle, die Fertigungsindustrie optimiert ihre Prozesse seit über einem Jahrzehnt unter dem Banner von Industrie 4.0. Warum rückt das Thema Datensouveränität erst jetzt so massiv in den Fokus der Unternehmen?

Quelle: Gaia-X

Ulrich Ahle: Wir haben in den vergangenen Jahren enorme Effizienzsprünge auf dem Shopfloor gesehen. Die Digitalisierung fand jedoch fast ausschließlich innerhalb der eigenen Werkshallen statt. Der nächste logische Evolutionsschritt ist die Optimierung entlang der gesamten, oft globalen Prozesskette. Doch hier stoßen die traditionellen IT-Sicherheitskonzepte an ihre Grenzen. Es reicht schlichtweg nicht mehr aus, sich eine teure Firewall zu kaufen, das eigene Rechenzentrum im Keller abzusichern und die Daten für sich zu behalten. Moderne Wertschöpfung verlangt zwingend, dass wir Daten mit Partnern, Zulieferern und Kunden teilen. Datensouveränität bedeutet in diesem Kontext, dass der Erzeuger eines Datensatzes definieren und technisch erzwingen kann, was ein Empfänger mit den Informationen tun darf und kann. Anders gesagt: Wir verlassen uns nicht länger auf gut gemeinte Vereinbarungen oder Verträge in Papierform, sondern implementieren Mechanismen wie Smart Contracts, um diese Regeln digital und unwiderruflich durchzusetzen. Dabei handelt es sich um einen technologischen Ansatz, der nach vielen Jahren der Entwicklung von IoT-Plattformen nun in Form von souveränen Datenräumen Realität wird.
 

Wie genau baut Gaia-X die Brücke zwischen offenem Datenaustausch und klarer Kontrolle?

Ulrich Ahle: Unser Lösungsansatz basiert exakt auf den beschriebenen Datenräumen. Zu diesem Zweck haben wir bei Gaia-X ein spezifisches Trust Framework entwickelt. Man muss sich vor Augen halten, dass wir vor rund fünf Jahren mit 22 französischen und deutschen Organisationen gestartet sind und mittlerweile über 220 Mitglieder weltweit zählen. Diese Gemeinschaft hat detaillierte Regeln definiert, wie der sichere Datenaustausch funktionieren soll. Ein zentrales Element dabei ist die automatisierte Überprüfung der Akteure. Stellen Sie sich das vor wie bei einer internationalen Reise: Sie weisen sich mit einem maschinenlesbaren Reisepass aus. Genau solche maschinenlesbaren Zertifikate nutzen wir für Unternehmen, um beispielsweise eine ISO-27001-Zertifizierung in Sekundenbruchteilen zu validieren. Unsere Softwarekomponente, das Gaia-X Digital Clearinghouse, übernimmt die automatische Identifizierung und Autorisierung. Das Fundament dafür bilden europäische Rahmenwerke wie der Data Act und der Data Governance Act.
 

Ein Kritikpunkt an der Realität der Digitalisierung in der europäischen Industrie ist häufig die dominante Marktstellung der US-amerikanischen Hyperscaler. Welche Strategie verfolgt Gaia-X bezüglich dieser Anbieter

Ulrich Ahle: In der Tat, rund 75 Prozent der Cloud-Services in Europa werden aktuell von Hyperscalern erbracht. Diese Infrastrukturen unterliegen den Regeln der Anbieter, nicht den Vorgaben der Anwender. Der gewaltige Unterschied bei digitaler Souveränität ist, dass der Austausch nach den Regeln der Anwendungsunternehmen stattfindet. Unser Motto lautet dabei immer: „Data does not flow on rainbows.“ Wir benötigen leistungsfähige Cloud-Infrastrukturen für unsere Datenräume. Interoperabilität erfordert technische, semantische, organisatorische und rechtliche Abstimmung. Für etwa 90 Prozent des Marktes bleiben die großen internationalen Anbieter auch weiterhin relevante und zugängliche Partner. Zugleich haben wir mit unseren Mitgliedern unterschiedliche Souveränitätsstufen definiert. Das höchste Niveau, der Gaia-X Label Level 3, ist zwingend Anbietern mit Hauptsitz in Europa vorbehalten. Diese Stufe greift bei hochsicherheitskritischen Anwendungen und betrifft etwa fünf bis maximal zehn Prozent des Marktes. Hyperscaler können dieses Label nicht erhalten, da sie dem amerikanischen Cloud Act unterliegen und wir unsere sensibelsten Daten vor genau solchen staatlichen Zugriffsmöglichkeiten schützen sollten. In Europa stehen dazu durchaus fähige Anbieter wie OVHcloud, Ionos oder Stackit zur Verfügung, die über entsprechende Kapazitäten verfügen und weiter ausbauen.
 

Können Sie ein Praxisbeispiel beschreiben, in dem dieses höchste Sicherheitsniveau bereits gefordert wird?

Ulrich Ahle: Ein herausragendes Projekt entsteht gerade in Frankreich unter dem Namen Data4Nuclear-X. Der französische Energiekonzern EDF plant den Bau von sechs neuen Atomkraftwerken und muss dafür die Zusammenarbeit von 2.500 Partnern orchestrieren. In der dazugehörigen Ausschreibung wurde explizit die höchste Sicherheitsstufe gefordert. Das ist ein Umfeld, in dem keinerlei Kompromisse bei der Datensouveränität vorstellbar sind. Ein weiteres wegweisendes Beispiel ist Decade-X aus der Luftfahrtindustrie. Airbus fungiert hier als Konsortialführer mit dem ambitionierten Ziel, 10.000 Lieferanten an einen Datenraum anzubinden. Hier geht es darum, die gesamte Entwicklungszusammenarbeit und die Lieferketten datenbasiert abzuwickeln. Und natürlich dürfen wir Catena-X nicht vergessen, den Pionier aus der Automobilindustrie. Dort tauschen mittlerweile über 700 Firmen operative Daten aus und verzeichnen greifbare Prozessverbesserungen.
 

Wenn Airbus 10.000 Lieferanten anbinden will, sprechen wir zwangsläufig über viele mittelständische Zulieferunternehmen. Doch gerade kleine Zulieferer haben oft nicht die IT-Ressourcen für komplexe Integrationsprojekte. Wie lässt sich verhindern, dass diese Unternehmen den Anschluss verlieren?

Ulrich Ahle: Das ist in der Tat eine der größten Herausforderungen. Ein spezialisierter Zulieferer kann sich keine ressourcenstarke IT-Abteilung leisten, die fortlaufend Schnittstellen programmiert. Genau deshalb ist das automatisierte Onboarding so erfolgskritisch. Teilnehmer müssen sich nur ein einziges Mal an den Datenraum anbinden, anstatt unzählige Eins-zu-eins-Schnittstellen mit jedem einzelnen Partner zu pflegen. Zu vergleichen ist das mit dem USB-C-Anschluss beim Smartphone: Nur wenn sich alle auf einen Standard verständigen, entfällt der manuelle Aufwand für ständige Anpassungen und Adapter. Allerdings ist realistisch anzumerken, dass wir aktuell noch nicht in der breiten Fläche angekommen sind. Momentan beschäftigt sich eher eine technologische Elite mit diesen Konzepten. Der Mittelstand insbesondere in der Fertigungsindustrie hat hier noch einen deutlichen Weg vor sich, um das volle Potenzial digitaler Datenräume zu verstehen und für sich zu erschließen.
 

Die Fertigungsindustrie agiert global. Ein europäischer Datenraum nützt wenig, wenn asiatische oder amerikanische Partner außen vor bleiben. Wie treiben Sie die Internationalisierung voran?

Ulrich Ahle: Unsere Vision ist klar formuliert: Wir wollen für den internationalen Datenaustausch das werden, was GSM für die internationale Telekommunikation darstellt. Dank GSM können Sie in Usbekistan aus dem Flugzeug steigen, Ihr Telefon einschalten und es verbindet sich sofort. Im vergangenen Jahr hat Gaia-X damit begonnen, das Trust Framework global auszurollen. Schon heute arbeiten wir intensiv mit Partnern in Japan, Korea, Brasilien und Kanada zusammen. Das erfordert juristische Feinarbeit, denn ein europäischer Data Governance Act entfaltet in Japan keine rechtliche Wirkung. Wir passen unsere Mechanismen, wie etwa die auf eIDAS basierende digitale Identität, an die lokalen Gesetze der Partnerländer an, behalten aber die technologische Architektur bei. Wie notwendig dabei Eile ist, zeigt der Blick nach Asien: Chinas nationale Datenbehörde hat angekündigt, bis Ende 2028 einhundert Trusted Data Spaces aufzubauen. Diese sollen in der industriellen Fertigung, in Smart Cities und bei personenbezogenen Daten zum Einsatz kommen. Die chinesischen Experten kennen unsere Konzepte bis ins kleinste Detail. Wir müssen das Tempo hochhalten, um bei der praktischen Realisierung nicht überholt zu werden.
 

Sie sprechen von Smart Cities. Bemerkenswerterweise bringen Sie Ihre Expertise nicht nur in Brüssel ein, sondern auch ehrenamtlich als Digitalisierungsverantwortlicher in Ihrer Heimatgemeinde Etteln. Dort haben Sie beim IEEE Smart City-Wettbewerb sogar Metropolen wie Hongkong hinter sich gelassen. Wie gelingt Digitalisierung auf dörflicher Ebene?

Ulrich Ahle: Unser Ansatz in Etteln lautet schlichtweg: „Einfach mal machen!“ Digitalisierung scheitert selten am Geld, sondern meist am Mangel einer klaren Strategie. Wir haben zunächst ehrenamtlich 30 Kilometer Glasfaserkabel verlegt und ein eigenes LoRaWAN-Funknetzwerk aufgebaut. Darauf basierend betreiben wir einen dreidimensionalen digitalen Zwilling des Dorfes. Dort können wir Bauprojekte visuell planen oder Hochwasserszenarien simulieren. Besonders stolz bin ich auf unsere autonome Feuerwehrdrohne. Bei einem Alarm startet die Kreisleitstelle die Drohne per GPS-Koordinate. Noch während die Freiwillige Feuerwehr im Rüsthaus in die Fahrzeuge steigt, sehen die Einsatzkräfte auf einem Tablet hochauflösende Livebilder vom Einsatzort. So wissen sie bereits auf der Anfahrt, ob schwerer Atemschutz benötigt wird. Denn in solchen Situationen zählt buchstäblich jede Minute.
 

Das Dorf erzeugt zudem ein Vielfaches seines eigenen Energiebedarfs. Verbinden Sie diese Infrastrukturprojekte auch mit neuen digitalen Geschäftsmodellen für die Bewohner?

Ulrich Ahle: Unbedingt, der direkte Nutzen für die Bürger steht im Zentrum. Etteln produziert durch erneuerbare Energien das 34-fache des eigenen Stromverbrauchs. Erste Haushalte verfügen über intelligente digitale Stromzähler und können einen dynamischen Strompreis nutzen, der sich nach der aktuellen Windausbeute richtet. Der Preis schwankt zwischen maximal 23,5 Cent und minimal 13,5 Cent pro Kilowattstunde. Ab April 2026 steuern wir die Ladevorgänge für Elektroautos vollautomatisch: Das Auto lädt exakt dann, wenn der Strom am günstigsten ist. Ergänzend dazu bieten wir ein E-Dorfauto im Carsharing-Modell an. Ein weiteres vitales Projekt ist unsere digitale Arztpraxis. Nachdem der lokale Allgemeinmediziner im Alter von 74 Jahren ohne Nachfolger aufhörte, haben wir die Räume umgerüstet. Eine speziell geschulte Krankenschwester führt nun die Untersuchungen mit digitalen Instrumenten durch, unterstützt von KI. Die voranalysierten Befunde gehen direkt an einen Arzt im Nachbarort, der die Ergebnisse abschließend bewertet und die Diagnose per Videocall mit den Patienten bespricht. Diese Beispiele belegen eindrucksvoll: Wenn der Gestaltungswille vorhanden ist, lassen sich umfassende digitale Innovationen überall realisieren, selbst in Deutschland.

Quelle: Gaia-X

Über den Autor

Quelle: Gaia-X

Ulrich Ahle ist CEO der Gaia-X European Association for Data and Cloud und gilt als Experte für digitale Ökosysteme und Datensouveränität. Neben seinem Engagement auf europäischer Ebene treibt er als Digitalisierungsverantwortlicher seiner Heimatgemeinde Etteln praxisnahe Smart-City-Projekte voran.

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