Industrialisierung der Verteidigung: Orientierung für Unternehmen zwischen Markteintritt, Skalierung und Defence Readiness

Die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas ist längst nicht mehr allein eine Frage militärischer Systeme. Sie hängt zunehmend davon ab, wie schnell Industrie, Technologieanbieter, Zulieferer, Start-ups und öffentliche Auftraggeber zusammenfinden. Im Interview ordnen Lena Jung und Nicolas Regiani aus dem Produktmanagement des VDI Wissensforum ein, welche Fragestellungen die Fachkonferenz „Fast Defence“ aufgreift – von Markteintritt und Beschaffung über Skalierung und DefTech bis hin zu europäischer Resilienz.
 

1. Warum braucht es aus eurer Sicht gerade jetzt eine Fachkonferenz zur Industrialisierung der Verteidigung?

In den vergangenen Jahren wurde viel über sicherheitspolitische Herausforderungen gesprochen – jetzt geht es darum, ins Handeln zu kommen. Was wir in Gesprächen mit Expert*innen immer wieder hören: Viele technologische Lösungen und Innovationen sind bereits vorhanden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie schnell in die Anwendung zu bringen und industriell zu skalieren. Genau darüber möchten wir auf der „Fast Defence“ sprechen.

Dafür bringen wir Akteure aus Industrie, Bundeswehr, Politik, Technologieunternehmen und Start-ups zusammen, um gemeinsam über konkrete Lösungsansätze, Partnerschaften und Wege zu mehr Verteidigungsfähigkeit zu diskutieren.

Es geht darum, den Hochlauf der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) aktiv zu gestalten. Mit der Konferenz möchten wir einen Beitrag leisten, die relevanten Akteure zu vernetzen und den Austausch zwischen Industrie, Bundeswehr und Technologieanbietern zu fördern. 
 

2. Die Konferenz spricht sowohl etablierte Defence-Unternehmen als auch Unternehmen außerhalb der klassischen Verteidigungsindustrie an. Wie erklärt ihr diese Breite fachlich?

Weil die aktuellen Herausforderungen nur gemeinsam bewältigt werden können. Viele Unternehmen verfügen bereits über Technologien, Produktionskompetenzen oder innovative Lösungen, hatten bislang jedoch wenig Berührungspunkte mit dem Defence-Markt.

In Gesprächen mit unseren Kunden erleben wir ein großes Interesse, gleichzeitig aber auch viele offene Fragen: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr? Welche Anforderungen gelten? Welche Chancen bietet der Markt und welche Hürden sind zu beachten?

Deshalb war es uns wichtig, mit der Fast Defence eine Plattform zu schaffen, die Orientierung bietet und unterschiedliche Perspektiven zusammenführt. Teilnehmende erhalten Einblicke in Marktmechanismen, Beschaffungsprozesse und Kooperationsmöglichkeiten und können von den Erfahrungen anderer Branchen und Marktteilnehmer profitieren.

Diese Vielfalt spiegelt sich auch im Programm wider: Deutz beleuchtet beispielsweise die Rolle traditioneller Dual-Use-Unternehmen, Salzgitter zeigt den Aufbau eines Defence-Portfolios, KNDS berichtet über die Skalierung im militärischen Fahrzeugbau und HD Advanced Technologies über die industrielle Skalierung autonomer Systeme.
 

3. Ein zentrales Thema ist die Geschwindigkeit. Warum ist der Schritt von technologischer Kompetenz zu industrieller Lieferfähigkeit im Verteidigungsmarkt so entscheidend?

Weil Innovation allein noch keine Verteidigungsfähigkeit schafft. Eine gute Idee entfaltet erst dann Wirkung, wenn sie zuverlässig produziert, geliefert und eingesetzt werden kann. Genau dieser Schritt wird jedoch häufig unterschätzt.

Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Produktionskapazitäten, resiliente Lieferketten, Zuliefernetzwerke und belastbare Partnerschaften. Die entscheidende Frage lautet: Wie entsteht aus technologischer Stärke echte Handlungsfähigkeit?

Deshalb widmen wir diesem Thema einen eigenen Schwerpunkt. In der Session „DefTech als Enabler für Verteidigungsfähigkeit“ zeigen Unternehmen wie Kärcher Futuretech, VAIVA und TYTAN Technologies, wie industrielle Exzellenz, Software-Driven Defence und europäische Kooperation zur realen Verteidigungsfähigkeit beitragen.

Gleichzeitig richten wir den Blick nach vorne und beschäftigen uns mit Technologien wie Software-Driven Defence, autonomen Systemen, Künstlicher Intelligenz und DefTech. Gerade hier sehen wir enormes Potenzial für die industrielle Verteidigungsfähigkeit von morgen.
 

4. Die Konferenz verbindet politische, militärische, industrielle, technologische und rechtliche Perspektiven. Warum sind diese unterschiedlichen Sichtweisen wichtig?

Weil die Realität im Defence-Markt komplex ist. Unternehmen müssen heute weit mehr verstehen als nur die technische Seite eines Produkts. Wer erfolgreich sein möchte, muss politische Zielsetzungen, militärische Anforderungen, Beschaffungsprozesse, rechtliche Rahmenbedingungen und industrielle Kooperationen gleichermaßen im Blick haben.

Genau das macht das Thema so spannend, aber auch anspruchsvoll. Uns war es deshalb bei der Programmgestaltung wichtig, diese Perspektiven nicht isoliert zu betrachten, sondern miteinander zu verknüpfen. Die Teilnehmenden sollen Zusammenhänge besser verstehen und ein realistisches Bild davon gewinnen, wohin sich der Markt entwickelt.
 

5. Welche Erkenntnisse können etablierte Defence-Unternehmen aus einer Konferenz ziehen, die zugleich neue Marktteilnehmer und Dual-Use-Unternehmen adressiert?

Gerade etablierte Unternehmen können von diesem Austausch profitieren. Die Anforderungen an die Branche verändern sich rasant, technologische Innovationszyklen werden kürzer und neue Lösungen entstehen zunehmend außerhalb der klassischen Verteidigungsindustrie.

Für etablierte Akteure stellt sich daher nicht nur die Frage nach Wachstum und Skalierung, sondern auch nach der Weiterentwicklung bestehender Strukturen. Themen wie die Integration neuer Technologien, die Zusammenarbeit mit Start-ups, resiliente Lieferketten und europäische Wertschöpfungsnetzwerke gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Die Konferenz bietet die Möglichkeit, frühzeitig Einblicke in neue Entwicklungen zu erhalten, potenzielle Partner kennenzulernen und gemeinsam zu diskutieren, wie die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie insgesamt leistungsfähiger werden kann.

Mindestens genauso wichtig war uns jedoch der persönliche Austausch. Die zahlreichen Strategy Talks, die Abendveranstaltung sowie die Begegnungen mit den Teilnehmenden der Parallelveranstaltung „Bauen für die Bundeswehr“ schaffen bewusst Raum für Gespräche, aus denen oft die wertvollsten Impulse und Kooperationen entstehen.

Kontaktieren Sie gerne direkt bei Fragen:

Team Lead Produktmangement

Lena Jung

Nicolas Regiani

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