Serielles Bauen für die Bundeswehr: Wie Standardisierung Tempo und Planungssicherheit schafft

Die Infrastrukturbedarfe der Bundeswehr wachsen, gleichzeitig stehen öffentliche Bauprojekte unter hohem Zeit-, Kosten- und Qualitätsdruck. Auf der VDI-Konferenz „Bauen für die Bundeswehr“ spricht Brigitte Bourscheidt, Leiterin der Sparte Facility Management bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, darüber, wie erhöhte Infrastrukturbedarfe effizient, wirtschaftlich und in kurzer Zeit gedeckt werden können. Im Interview gibt sie vorab Einblicke in zentrale Aspekte ihres Vortrags und erklärt, welche Rolle modulare und serielle Bauweisen, zentrale Bauprogrammsteuerung sowie nachhaltige Lösungen wie LIS und PV-Anlagen im modernen Bundesbau spielen.
 

Sie zeigen, wie modulare und serielle Bauweisen den Bundesbau verändern – wo sehen Sie konkret die größten Effizienzgewinne gegenüber der klassischen Einzelvergabe, und für welche Projekttypen eignen sich diese Ansätze besonders?

Die serielle und modulare Bauweise verändert den Bundesbau derzeit grundlegend. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Einzelvergabe liegt darin, dass wir Planung, Vorfertigung und Ausführung nicht mehr als voneinander getrennte Einzelschritte betrachten, sondern als integrierten industriellen Prozess. Genau darin liegen die größten Effizienzgewinne.

Im konventionellen Bundesbau werden Gebäude projektindividuell geplant und unter einer Vielzahl einzelner Gewerke vergeben. Das führt zu hohen Koordinierungsaufwänden für Auftraggeber, langen Abstimmungsprozessen und erheblichen Schnittstellenrisiken. 

Die modulare Bauweise reduziert diese Komplexität deutlich. Standardisierte Bauteile, wiederkehrende Grundrisse und vorgefertigte technische Systeme schaffen eine hohe Planungssicherheit und ermöglichen parallele Prozesse an mehreren Standorten oder Liegenschaften. 

Während auf der Baustelle bereits die Fundamente und Bodenplatten vorbereitet werden, können Module im Werk gefertigt werden. Dadurch verkürzen sich Bauzeiten erheblich. Gleichzeitig steigt die Termin- und Kostensicherheit, weil industrielle Fertigung weniger witterungsabhängig und deutlich besser steuerbar ist. 

Besonders geeignet sind diese Ansätze überall dort, wo der Bund kurzfristig große Kapazitäten schaffen muss und gleichzeitig hohe funktionale Anforderungen bestehen. Dazu gehören Ausbildungs- und Einsatztrainingszentren, Unterkunftsgebäude für die Bundeswehr, Büro- und Verwaltungsbauten, sowie Labor- und Funktionsgebäude. Gerade bei der Bundeswehr sehen wir derzeit, dass sich serielle Bauprogramme besonders bewähren, wenn mehrere Standorte vergleichbare Nutzungsprofile aufweisen. Dort entstehen erhebliche Skaleneffekte. Ein einmal entwickelter/standardisierter Gebäudetyp kann mit Anpassungen auf die jeweiligen Standorte mehrfach umgesetzt werden, ohne jedes Projekt neu zu erfinden.
 

Angesichts der stark gestiegenen Infrastrukturbedarfe der Bundeswehr: Welche Rolle spielt die zentrale Bauprogrammsteuerung, um Projekte schneller und gleichzeitig bedarfsgerecht umzusetzen?

Die zentrale Bauprogrammsteuerung nimmt eine Schlüsselrolle ein. Die Herausforderung besteht heute nicht mehr allein darin, einzelne Projekte erfolgreich abzuwickeln. Entscheidend ist vielmehr, ein gesamtes Investitionsprogramm strategisch zu steuern. Das bedeutet im Bundesbau: Prioritäten zu setzen, Ressourcen zu bündeln, standardisierte Lösungen zu entwickeln und Projekte bundesweit und zentral zu koordinieren.

Die zentrale und bundesweite Steuerung schafft zunächst Transparenz über Bedarfe, Kapazitäten und zeitliche Abhängigkeiten. Dadurch können Projekte priorisiert und dort beschleunigt werden, wo operative Erfordernisse besonders dringlich sind. Gleichzeitig ermöglicht eine programmorientierte Steuerung die Bündelung von Vergaben und die Entwicklung standardisierter Typengebäude. Das reduziert Planungszeiten erheblich und schafft eine belastbare Grundlage für serielle Umsetzungskonzepte.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt im Bundesbau: Geschwindigkeit entsteht nicht allein durch schnelleres Bauen und Umsetzen, sondern vor allem durch frühzeitige Entscheidungen und klare Governance-Strukturen. Wenn Bedarfsdefinition, Finanzierung, Planung und Umsetzung zentral koordiniert werden, lassen sich Reibungsverluste auf ein Minimum reduzieren. Gerade bei komplexen Infrastrukturvorhaben der Bundeswehr ist das ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Dabei darf Geschwindigkeit jedoch niemals zulasten von Qualität oder Nachhaltigkeit gehen. Im Gegenteil: Gerade serielle und modulare Bauweisen bieten große Chancen, Nachhaltigkeitsstandards systematisch und wirtschaftlich zu integrieren.
 

Schnelligkeit und Wirtschaftlichkeit stehen aktuell stark im Fokus – wie gelingt es gleichzeitig, Nachhaltigkeitsaspekte wie etwa Energieeffizienz oder den Einsatz von PV-Anlagen sinnvoll in serielle Baukonzepte zu integrieren?

Durch die Standardisierung technischer Komponenten können energieeffiziente Lösungen deutlich schneller umgesetzt werden. Photovoltaikanlagen, Wärmepumpensysteme, intelligente Gebäudeautomation oder serielle Fassadenlösungen lassen sich bereits in der Grundkonzeption der Gebäudetypen berücksichtigen. Das ist wesentlich effizienter, als Nachhaltigkeitsmaßnahmen bei jedem Einzelprojekt neu zu denken. Zudem ermöglicht die industrielle Vorfertigung eine höhere Materialeffizienz und reduziert Bauabfälle sowie Transport- und Montagezeiten. 

Ein weiterer Vorteil liegt in der langfristigen Flexibilität modularer Systeme. Gebäude können einfacher erweitert, umgenutzt oder rückgebaut werden. Das entspricht zunehmend dem Anspruch an nachhaltige öffentliche Infrastruktur. Nachhaltigkeit bedeutet heute nicht nur Energieeffizienz im Betrieb, sondern auch Ressourcenschonung über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes hinweg.

Entscheidend ist deshalb eine ausgewogene Perspektive: Wirtschaftlichkeit, Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit dürfen nicht als Gegensätze verstanden werden. Wenn serielle Baukonzepte intelligent entwickelt werden, können sie alle drei Ziele gleichzeitig erfüllen und dabei eine hohe Qualität sicherstellen. Genau darin liegt aus meiner Sicht die große Zukunftschance des modernen Bundesbaus. 

Über die Autorin:

Brigitte Bourscheidt

Leiterin Sparte Facility Management, Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Bonn

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