Wie KI das Scouting im Spitzenfußball verändert

Ob Bayer Leverkusen, Sporting Lissabon oder Nottingham Forest – bei der Suche nach Topspielern und vielversprechenden Fußball-Talenten setzen heute gut 150 internationale Top-Klubs auf die Software eines Bremer Unternehmens. Denn datenbasierte Analysen mit KI-Unterstützung sind aus dem Scouting längst nicht mehr wegzudenken. Und die SCOUTASTIC GmbH zählt zu den Vorreitern bei diesem Trend.

Durch eine strategische Exklusivpartnerschaft mit Transfermarkt.de kombiniert die Plattform objektive Datenmengen mit den hochsensiblen, subjektiven Eindrücken der Scouts auf dem Rasen. Beim VDI-Kongress smartAI in Baden-Baden geben die beiden SCOUTASTIC-Geschäftsführer Christian Rümke und Hendrik Buhl Einblicke in die Welt des Profifußballs – und erklären, warum KI dem Menschen dennoch nicht die Entscheidung über Transfers und Spielerverträge abnimmt. Im Vorfeld des Kongresses sprachen wir mit den beiden Experten über Themen wie Datensouveränität, KI-Architekturen und die richtige Mischung aus Algorithmen und Intuition.
 

Herr Rümke, Herr Buhl, Ihre Software unterstützt entscheidend die Scouting-Prozesse zahlreicher Spitzenklubs im europäischen Vereinsfußball. Wie kam es zur Gründung von SCOUTASTIC entstanden und wie würden Sie ihr heutiges Geschäftsmodell beschreiben?

Christian Rümke: SCOUTASTIC entstand aus einer konkreten Anfrage des SV Werder Bremen. Der Verein suchte Unterstützung bei der umfassenden Digitalisierung und Optimierung seiner Scouting-Prozesse. Die technologischen Wurzeln unseres Unternehmens liegen dabei in der Firma JUST-ADD-AI, die vor etwa acht Jahren in Bremen mit dem Fokus auf skalierbare KI-Produkte gegründet wurde. Hendrik Buhl und ich sind im Jahr 2020 als erste Mitarbeiter eingestiegen.

Unser Geschäftsmodell beruht heute darauf, mit unseren technologischen Lösungen die Anforderungen aller Vereinskunden abzubilden. Ein Meilenstein der Unternehmensentwicklung und ein zentraler Wettbewerbsvorteil bis heute ist die Partnerschaft mit Transfermarkt.de. Das Portal ist Mehrheitsgesellschafter und bietet uns – und damit unseren Kunden – einen exklusiven Zugriff auf die wohl umfassendsten Fußballdaten weltweit. Heute betreuen wir knapp 150 internationale Kunden aus dem Spitzenfußball und wachsen kontinuierlich weiter.
 

Zahlreiche Proficlubs haben über Jahrzehnte eigene, isolierte Datensilos aufgebaut. Wie lässt sich eine moderne Plattform wie Ihre in eine historisch gewachsene IT-Infrastruktur integrieren?

Hendrik Buhl: Die Integration gelingt uns über flexibel anpassbare API-Schnittstellen. Vereinfacht gesagt: Der Verein muss die bestehende IT-Infrastruktur nicht komplett ersetzen, sondern dockt unsere Lösung zusätzlich an. Das funktioniert in der Praxis über drei zentrale Wege:

  • Datensynchronisation: Wir verbinden die Vertrags- und Transferdaten von Transfermarkt.de mit den physischen und taktischen Metriken, die der Verein bereits aus anderen Quellen bezieht.
  • Individuelle Metriken: Klubs können ihre völlig eigenen, proprietären Leistungsdaten und Report-Templates in unsere Plattform integrieren und dort mit unseren KI-Tools zentral auswerten.
  • Verbands-Level: Auch Nationalverbände nutzen unsere Lösungen, um beispielsweise ihre im Ausland spielenden Nationalspieler strukturiert zu überwachen, von Einsatzminuten bis zu spezifischen Leistungsdaten.

Diese Struktur bricht alte Datensilos auf und schafft im Verein eine „Single Source of Truth“, auf die Datenwissenschaftler, Sportdirektoren und Scouts gleichermaßen zugreifen können.
 

Wie konkret und an welchen Stellen kommt KI in Ihrer Plattform zum Einsatz?

Hendrik Buhl: Künstliche Intelligenz fungiert bei SCOUTASTIC in erster Linie als Effizienz-Vehikel für die Datenanalyse und die Prozessautomatisierung. Wir nutzen smarte Algorithmen in der Praxis heute vor allem in vier Kernfeldern:

  • Datenanalyse: Schnelle Auswertung von großen Mengen an Leistungs- und Spieldaten zur Identifikation von Mustern und verborgenen Potenzialen.
  • Berichtswesen: KI-gestützte, automatische Zusammenfassung von unzähligen subjektiven Scouting-Berichten. Die KI filtert Kerninformationen aus teilweise Hunderttausenden von Scouting-Berichten heraus und passt diese sogar an den spezifischen Jargon des jeweiligen Vereins an.
  • Szenario-Planung: Mit unserem Squad Manager lassen sich datengestützte Budgetszenarien als unabhängige Was-wäre-wenn-Pläne durchspielen.
  • Scouting-Logistik: Eine intelligente Area Search unterstützt die Scouts bei der Reiseplanung, indem sie relevante Spiele im geografischen Umfeld eines Scouts automatisiert bündelt und filtert.

Somit dient die Plattform als ganzheitliches Workflow-Tool, das den kompletten Scouting-Prozess abbildet: von der tiefergehenden Videoanalyse am Schreibtisch bis zur Live-Eingabe von Daten im Stadion.
 

Der Fußballmarkt ist extrem dynamisch. Neben dem klassischen Scouting der im Profifußball Männer – welche neuen Funktionen und Märkte erschließen Sie aktuell?

Christian Rümke: Wir erweitern den Markt derzeit in zwei strategische Richtungen: den professionellen Frauenfußball und die direkte B2B-Kommunikation der Vereine untereinander, sodass die Vereine in einer sicheren Umgebung Informationen zu potentiellen Transfers austauschen können.

Durch die tiefe Integration der Datenbank von Soccerdonna.de haben wir das Scouting im Frauenfußball technologisch exakt auf dasselbe hohe Level gehoben wie bei den Männern. Scouts können mit nur einem Klick zwischen den Abteilungen wechseln und lückenlose Profile anlegen.

Gleichzeitig haben wir kürzlich das Club2Club-Feature eingeführt. Dies ermöglicht eine hochsichere B2B-Kommunikation direkt zwischen den Vereinen. Wenn etwa ein Klub einen Spieler ausleihen oder anbieten möchte, läuft die vertrauliche Kommunikation nicht mehr unstrukturiert über Dritt-Messenger, sondern direkt, sicher und datengestützt über unsere geschlossene Plattform.
 

Bei Spielerbewertungen und Transferplänen handelt es sich naheliegenderweise um hochsensible Daten und Vereinsgeheimnisse. Wie stellen Sie für die Clubs die Datensouveränität in der Cloud sicher?

Hendrik Buhl: Wir setzen beim Hosting konsequent auf zertifizierte europäische beziehungsweise deutsche Infrastrukturen. Ein zentraler Baustein unserer Strategie zur Datensouveränität ist eine technologische Architektur, die den schnellen Wechsel zwischen verschiedenen KI-Modellen (Large Language Models) jederzeit erlaubt. So minimieren wir eine eventuelle Abhängigkeit von einzelnen Hyperscalern und können uns jederzeit an neue Entwicklungen im KI-Markt anpassen

Zusätzlich schützt ein granulares Sichtbarkeitsmanagement innerhalb der Plattform die Daten unserer Kunden. Komplexe Hierarchie-Einstellungen stellen sicher, dass sensible Informationen, zum Beispiel interne Spielerbewertungen oder farblich markierte Transfer-Shortlists, strikt geschützt bleiben. Diese Philosophie der Transparenz gilt auch über das Vertragsende hinaus: Sollte ein Verein den Dienst verlassen, unterstützen wir ihn aktiv beim sauberen Daten-Offboarding.
 

Wenn das System Millionen von Datenpunkten kombiniert – treffen die Algorithmen am Ende womöglich die besseren Entscheidungen als der Mensch?

Christian Rümke: Nein, die finale Transferentscheidung verbleibt immer beim menschlichen Experten. Wir verfolgen bei SCOUTASTIC ganz bewusst einen Hybrid-Ansatz. Unsere Software kombiniert objektive Leistungsdaten von Anbietern wie Impect oder Skillcorner mit den hochsensiblen, subjektiven Scouting-Berichten der Vereine.

Trotz massiver KI-Unterstützung sind bei Millionen-Transfers kontextuelle und menschliche Faktoren entscheidend, die sich rein datenbasiert aktuell nicht abbilden lassen. Das betrifft zum Beispiel die familiäre Situation des Spielers oder seine persönliche Eignung für die Team-Chemie. Auch sportliche Nuancen erfordern weiterhin den menschlichen Blick: Die Qualität eines gewonnenen Zweikampfes bedarf oft einer menschlichen Interpretation oder spezifischer KPIs, die über Standard-Statistiken weit hinausgehen.
 

Ihr Thema auf dem VDI-Kongress lautet „Scouting, Spitzenfußball und Künstliche Intelligenz“. Was können Ingenieure beispielweise aus Automotive oder Defence von Ihrem Ansatz lernen?

Hendrik Buhl: Der Reifegrad der Datennutzung bei der Rekrutierung von Spitzenkräften im Fußball ist bereits extrem hoch und kann somit sehr gut als Vorbild für andere Branchen dienen. 

Wenn Industrieunternehmen im heutigen „War for Talents“ um die besten Ingenieure oder Softwareentwickler kämpfen, stehen sie vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie ein Top-Klub auf der Suche nach Leistungsträgern. Man muss unterschiedlichste Datenquellen bündeln, diese sicher analysieren und gleichzeitig Themen wie Cybersecurity und KI-Souveränität gewährleisten. Der branchenübergreifende Austausch auf dem Kongress wird genau dazu Impulse liefern, wie diese hybride Datennutzung in der Praxis sicher, transparent und extrem erfolgreich funktioniert.

Zur Person:

Bildquelle: SCOUTASTIC

Bildquelle: SCOUTASTIC

Christian Rümke und Hendrik Buhl sind Geschäftsführer der SCOUTASTIC GmbH aus Bremen. Das Unternehmen entwickelt eine KI-gestützte Plattform zur Digitalisierung und Optimierung von Scouting-Prozessen im professionellen Fußball. Die technologischen Wurzeln liegen bei JUST-ADD-AI, wo beide 2020 als erste Mitarbeiter einstiegen. Heute betreut SCOUTASTIC knapp 150 internationale Kunden aus dem Spitzenfußball. Durch die strategische Partnerschaft mit Transfermarkt.de verbindet die Plattform umfangreiche Fußballdaten mit individuellen Scouting-Berichten und KI-basierten Analysewerkzeugen. Auf dem VDI-Kongress smartAI geben die beiden Geschäftsführer Einblicke in den Einsatz künstlicher Intelligenz im Profifußball und zeigen, welche Erkenntnisse sich daraus auf andere Branchen übertragen lassen.

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