Wie verändert KI unsere Arbeitswelt? Teile deine Erfahrung zur Workforce Transformation und gewinne eines von fünf Web-Based Trainings.

Digitaler Wandel: „Die Zukunft der Mobilität entsteht zwischen Europa und Indien“

Künstliche Intelligenz (KI) und Elektrifizierung definieren das Automobil neu. Im selben Zuge verändern sich Wertschöpfungsketten und Partnerschaften. Daher widmet sich der VDI-Kongress ELIV in diesem Jahr unter anderem dem Tech-Standort Indien und seiner Bedeutung für diesen Wandel. „Creating the Future of Mobility: India and Europe in the Next Decade“, lautet der Titel der Keynote, die Kishor Patil, Co-Founder, MD & CEO von KPIT sowie Vice Chair der NASSCOM, in Baden-Baden halten wird. Im Vorfeld des Kongresses sprachen wir mit dem Vordenker für Innovationen darüber, wie generative KI den gesamten Entwicklungszyklus verändert und warum eine tiefe Integration der Ökosysteme von Europa und Indien einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit leisten kann.

Herr Patil, Ihre Keynote auf dem VDI-Kongress ELIV dreht sich um das Thema „Co-Creating Mobility“. Welche Veränderung ist erforderlich, um echte Co-Innovation zu ermöglichen?

Kishor Patil: Der Wandel besteht im Kern darin, dass wir von der reinen Bereitstellung von Entwicklungskapazitäten zur ganzheitlichen Übernahme von Produktverantwortung übergehen. 

In einer ausgereiften Kundenbeziehung sind indische Teams heute nicht mehr nur für einzelne Ressourcen zuständig, sondern verantworten komplette Plattformen, Validierungsprogramme oder übergreifende Produkt-Releases. Die Idee dahinter lautet, als ein gemeinsames Team zwischen Europa und Teams innerhalb einer durchgängigen Lieferkette zusammenzuarbeiten. Jeder Partner bringt dabei seine spezifischen Stärken ein.
 

Wie kann ein tief integriertes indisch-europäisches Ökosystem den etablierten OEMs dazu beitragen, die „Time-to-Market“ zu verbessern und bei der Innovationsgeschwindigkeit mit asiatischen, insbesondere chinesischen Wettbewerbern zu mitzuhalten?

Kishor Patil: Eine tiefe europäisch-indische Partnerschaft ist der Schlüssel, um mit dem enormen Entwicklungstempo namens „China-Speed“ mitzuhalten. Die chinesische Industrie profitiert vor allem von einer starken Nutzung ihres lokalen Ökosystems und einer ausgeprägten „AI-native“-Denkweise. Wenn wir zwischen Europa und Indien ein ähnlich starkes Ökosystem aufbauen, erhöht dies sofort unsere Liefergeschwindigkeit und Innovationskraft. Zudem profitieren wir von der massiven Diversität in Indien:

  • Nutzer- und Umgebungsdiversität: Indien bietet vielfältigste Nutzertypen, Fahrprofile und Straßenverhältnisse, was ein exzellenter Treiber für Innovationen ist.
  • „Bottom of the Pyramid“-Innovation: Dieser Begriff beschreibt den Ansatz, mit begrenzten Mitteln unter hohem Zeit- und Preisdruck innovative Lösungen zu entwickeln. Genau dieses Mindset ist im indischen Markt tief verankert und treibt die Innovationsgeschwindigkeit voran.
     

Die Automobilindustrie beharrt aus naheliegenden Gründen auf höchste Sicherheitsstandards und umfassende Prüfreihen bis zur Marktreife, während das digitale Geschäft auf schnelle Umsetzung und kurze Marktzyklen ausgerichtet ist. Sehen Sie hier einen Konflikt?

Kishor Patil: Nein, ich sehe hier keinen grundlegenden Konflikt. Beide Ziele lassen sich durch eine intelligente Plattform-Architektur vereinen. Eine gute Systemarchitektur bedeutet vor allem:

  • Vorvalidierte Systeme: Eine hohe Wiederverwendungsrate von vorvalidierten Architekturen senkt die Validierungszeit für neue Modelle erheblich.
  • KI-gestützte End-to-End-Prozesse: Durch Automatisierung und KI im gesamten System erreichen wir das geforderte Tempo, ohne die strengen Qualitätsnormen zu kompromittieren. Europäische Unternehmen sind zu Recht streng bei Qualitätsnormen. Wir können dieses Sicherheitsniveau heute jedoch durch bessere Infrastruktur und KI-Tools deutlich schneller erreichen.
     

Sie erwähnen KI als Innovationstreiber. Wie verändert Generative KI künftig den Prozess, wie Software geschrieben, getestet und validiert wird?

Kishor Patil: Generative KI wird künftig das fundamentale Betriebssystem für den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs bilden. Der Einsatz von KI-Plattformen strukturiert künftig vier wesentliche Phasen:

  1. Architektur und Entwicklung: KI bildet die Basis bereits beim Systementwurf und der Programmierung.
  2. Validierung: Automatisierte Prüfung und Absicherung von Software-Code und Systemintegration.
  3. Nutzererlebnis (Edge Computing): Personalisierung und Steuerung des Kundenerlebnisses direkt im Fahrzeug.
  4. After-Sales und Services: KI übernimmt die Abwicklung von Garantieansprüchen sowie das Upscaling durch neue Funktionen und Over-the-Air-Updates für den Endkunden.
     

Daten sind der Treibstoff für KI. Indien verfügt über sehr komplexe Verkehrsumgebungen. Wie hilft das Testen von Algorithmen in Indien globalen OEMs dabei, internationale Sicherheitsstandards zu gewährleisten?

Kishor Patil: Eine breite geographische Datenvielfalt ist unerlässlich, um robuste KI-Modelle zu trainieren. Die Daten aus verschiedenen Teilen Europas unterscheiden sich grundlegend von denen anderer Weltmärkte. Um diese Diversität abzubilden, benötigen wir sogenannte „World Foundation Models“. Diese Basismodelle bündeln weltweite Daten, validieren diese und machen sie für verschiedene Geographien und Anwendungsfälle adaptierbar.
 

Historisch war Fahrzeugsoftware streng proprietär. Nun sehen wir einen starken Trend zu Open Source und standardisierter Middleware. Wie wichtig ist Open Source, um die Komplexität der zukünftigen Mobilität zu beherrschen?

Kishor Patil: Open-Source-Software ist ein unverzichtbarer Baustein, um die rasant wachsende Komplexität der Fahrzeugarchitektur effizient zu managen. Dieser Ansatz bietet drei entscheidende Vorteile: Er fördert die Wiederverwendbarkeit von Code durch verschiedene Akteure, er schafft Transparenz und er verhindert, dass sich Entwickler in technologischen Sackgassen verfangen. Gleichwohl müssen diese Initiativen noch reifen. Insbesondere die Fragen nach der langfristigen Wartung von Code und den genauen Geschäftsmodellen für die Abrechnung werden sich in der Zukunft noch weiterentwickeln müssen.
 

Wenn die grundlegenden Software-Schichten quelloffen werden – wie können sich OEMs in Zukunft noch voneinander differenzieren?

Kishor Patil: Die zukünftige Differenzierung findet zunehmend außerhalb des eigentlichen Fahrzeugs statt. Zwar bleibt das Fahrzeug komplex, doch die eigentliche Innovation entsteht durch die Integration verschiedener externer Anwendungen. Um diese Integration verlässlich zu meistern, ist eine starke Plattform-Architektur mit klaren Leitplanken und Standards absolut entscheidend. Ist die Architektur schwach, führt das zwangsläufig zu Integrationsproblemen.
 

Indien ist mittlerweile der drittgrößte Automobilmarkt der Welt. Wünschen sind indische Konsumenten andere digitale Funktionen als europäische Fahrer, und wie beeinflusst das die globale Plattform-Entwicklung?

Kishor Patil: Der indische Markt zeichnet sich durch drei wesentliche technologische Treiber aus, die stark in Richtung asiatischer Markttrends weisen:

  • Junge Zielgruppe: Die Bevölkerung und damit auch die Autokäufer sind sehr jung und fordern massiv digitale Features.
  • Intelligent Cockpits: Indische Konsumenten sind stark an vollständig digitalisierte Prozesse und Entertainment-Lösungen im Fahrzeug gewöhnt.
  • Hohe Elektrifizierungsrate: Die Adaption von Elektrofahrzeugen (EVs) wächst rasant – und das, obwohl es vergleichsweise wenige staatliche Anreize gibt. Bei Zweirädern ist der indische Markt bereits weitestgehend elektrifiziert. Auch bei Nutz- und Passagierfahrzeugen ist die Elektrifizierung aufgrund von Energiekosten und der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen der dominierende Trend, wobei Hybride in ländlicheren Gebieten vorerst eine wichtige Brückentechnologie bleiben.
     

Indien gilt in der Automotive-Industrie als zunehmend wichtiger und leistungsstarker Hub für eine integrierte Produktentwicklung. Welche spezifischen technischen Fähigkeiten wachsen im indischen Tech-Sektor derzeit am schnellsten?

Kishor Patil: Die technologischen Fähigkeiten in Indien entwickeln sich derzeit am schnellsten in vier Kernbereichen:

  1. Chip-to-Cloud-Integration: Die Fähigkeit, durchgehende Systeme vom Halbleiter bis zur Cloud-Infrastruktur ganzheitlich abzubilden.
  2. Software- und AI-Defined Vehicles: Die Entwicklung von Middleware und Fahrzeugplattformen, die von Beginn an KI-zentriert (AI-first) gedacht sind.
  3. Systemvalidierung & Digital Twins: Moderne Testverfahren und die Erstellung digitaler Zwillinge zur sicheren Absicherung von Systemen.
  4. Ökosystem-Kollaboration: Indische Unternehmen arbeiten tief verzahnt mit Tier-1-Zulieferern und OEMs zusammen, wodurch ein exzellentes Verständnis für die holistische Softwareentwicklung im gesamten Fahrzeug entsteht.
     

Europäische Experten warnen oft, die traditionellen Hersteller seien bei der Transformation zum Software-Defined Vehicle (SDV) zu langsam. Wie kann die Kooperation zwischen Europa und Indien diesen Knoten durchschlagen?

Kishor Patil: Indem wir unsere jeweiligen Kernkompetenzen bündeln, der das Potenzial zum zweitgrößten Automobil-Markt der Welt hat. Europa, insbesondere Deutschland, besitzt eine herausragende Stärke im Produktdesign und in der Grundlagenforschung. Indien bringt eine enorme End-to-End-Umsetzungsgeschwindigkeit im Softwarebereich sowie eine gewaltige Start-up- und Forschungslandschaft mit.

Diese Symbiose findet in der Praxis längst statt: In meiner Heimatstadt Pune haben sich bereits drei große deutsche OEMs sowie über 300 deutsche Unternehmen aus dem Tier-2- und Tier-3-Bereich angesiedelt. Durch diese direkte Durchmischung der Ökosysteme können wir Innovationen viel schneller an lokale und globale Systeme anpassen und so wettbewerbsfähig bleiben.

Über den Autor:

Foto: KPIT

Kishor Patil

Kishor Patil ist Mitgründer, CEO und Managing Director von KPIT. Er verantwortet die Gesamtführung und strategische Ausrichtung des Unternehmens und hat dessen Entwicklung zu einem Partner für Automobilsoftware maßgeblich geprägt. Darüber hinaus ist er Vice Chair von NASSCOM und Vorsitzender des NASSCOM Engineering R&D Council.
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/kishor-patil-758974189/

Zurück zum Anfang der Seite springen