Wie verändert KI unsere Arbeitswelt? Teile deine Erfahrung zur Workforce Transformation und gewinne eines von fünf Web-Based Trainings.

Europäische Souveränität beginnt auch bei der Finanzierung

Technologische Souveränität ist zu einem zentralen Thema der europäischen Verteidigungsindustrie geworden. Dabei geht es nicht nur um innovative Technologien, sondern auch um geeignete Rahmenbedingungen für Finanzierung, Beschaffung und Skalierung.
Das nachfolgende Interview mit Kerry Hoppe von TYTAN Technologies entstand im Rahmen der VDI-Konferenz „Fast Defence – Industrialisierung der Verteidigung“ im Juli 2026.
 

Europa spricht derzeit viel über technologische Souveränität, insbesondere vor dem Hintergrund der geopolitischen Entwicklungen. Wo stehen wir dabei aus Ihrer Sicht heute?

Kerry Hoppe: Wir haben in den vergangenen vier Jahren sehr große Fortschritte gemacht. Insbesondere in München, Bayern und Deutschland ist ein hervorragendes Ökosystem für junge Start-ups und Scale-ups entstanden, die innovativen Technologien entwickeln und unsere Verteidigungsfähigkeit und Resilienz deutlich vorangebracht haben.  Verbesserungsbedarf ist insbesondere bei der Frage des Risikokapitals vorhanden. In Europa steht deutlich weniger Kapital zur Verfügung als beispielsweise in den USA. Frühere Finanzierungsphasen – Seed-Runden und Series A - lassen sich noch vergleichsweise gut abbilden. Bei späteren und größeren Finanzierungsrunden wird es jedoch zunehmend schwierig, diese ausschließlich europäisch zu realisieren. Echte europäische Souveränität umfasst allerdings auch, eigenes Kapital für Innovation und Technologieentwicklung zur Verfügung zu stellen – hier muss mehr mobilisiert werden.
 

Was ist aktuell der größte Engpass beim Aufbau autonomer Verteidigungssysteme in Europa?

Kerry Hoppe: Der größte Engpass liegt aktuell in der Diskrepanz zwischen der Kürze der Innovationszyklen und dem bestehenden Beschaffungswesen. In der Ukraine sehen wir extrem kurze Innovationszyklen von wenigen Wochen. Unser Beschaffungswesen ist dagegen im Kern darauf ausgerichtet, über Jahre oder teilweise sogar Jahrzehnte im Voraus zu planen – davon ausgenommen sind alternative Beschaffungsvorhaben wie wir sie etwa bei der LMS-Vergabe gesehen haben.  Diese alternativen, schnelleren Beschaffungswege müssen zukünftig noch stärker genutzt werden. Wir müssen verstehen, dass autonome, software-definierte Systeme lebende Produkte sind. Man beschafft sie nicht, stellt sie für zehn oder fünfzehn Jahre in ein Lager und betrachtet ihre Entwicklung anschließend als abgeschlossen. Diese Systeme müssen kontinuierlich verbessert und an neue Bedrohungslagen angepasst werden.
 

Welche weitverbreitete Annahme über autonome Systeme oder europäische Verteidigungstechnologien halten Sie für grundlegend falsch?

Kerry Hoppe: Ein gefährliches gesellschaftliches Missverständnis besteht darin, Autonomie mit fehlender menschlicher Kontrolle oder Verantwortung gleichzusetzen. Künstliche Intelligenz dient dazu, menschliche Entscheidungen zu unterstützen, zu verbessern und zu beschleunigen. Gerade in kritischen Situationen soll sie Menschen dabei helfen, schneller, besser und handlungssicherer zu agieren. An der menschlichen Letztverantwortlichkeit ändert sich nichts. Auch unser System bei TYTAN weist einen hohen Grad an Autonomie auf, um den menschlichen Operator zu entlasten. Die grundlegende Entscheidung bleibt jedoch beim Menschen: Soll gegen eine unbemannte Bedrohung gewirkt werden oder nicht? Erst nach dieser menschlichen Freigabe übernimmt das System. Die Vorstellung, eine KI würde vollkommen eigenständig weitreichende Entscheidungen treffen, ohne dass am Ende ein Mensch Verantwortung trägt, entspricht nicht der Realität. Der Mensch bleibt in der Entscheidungskette und trägt die Letztverantwortung.
 

Wie wichtig sind Fachkonferenzen, Kongresse und andere Austauschformate für ein Start-up wie TYTAN, das sich gerade in der Skalierungsphase befindet?

Kerry Hoppe: Solche Formate sind für uns elementar, weil wir darauf angewiesen sind, im Verbund zu agieren. Wenn man sich unsere Wirkkette anschaut, wird das sehr deutlich. Wir arbeiten mit Sensoren unterschiedlicher Partner, können unsere Systeme auf verschiedenen Plattformen einsetzen und mit unterschiedlichen C2-Softwarelösungen verbinden. Wir brauchen starke Partner und müssen uns in bestehende Luftverteidigungsarchitekturen und Verteidigungslogiken integrieren. Fachkonferenzen und vergleichbare Plattformen sind für uns sehr wichtig, um regelmäßig im Austausch zu bleiben, neue Partner kennenzulernen und gemeinsame Lösungen weiterzuentwickeln.

Über den Autor:

Kerry Hoppe

Kerry Hoppe ist seit 2026 als Business Development and Governmental Affairs Managerin bei TYTAN Technologies tätig. Von 2019 bis 2026 studierte sie Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und legte das Erste Juristische Staatsexamen ab. Seit 2022 verfolgt sie zudem eine Laufbahn als Reserveoffizierin der Luftwaffe. Als Leutnant der Reserve ist sie als Presseoffizierin am Kommando Luftwaffe beordert. Seit 2024 engagiert sich Hoppe außerdem als Gründungsmitglied und Gastgeberin des Munich Security Breakfast. Zuvor war sie bei der Kanzlei Finnegan sowie im Bayerischen Landtag tätig. Weitere praktische Erfahrungen sammelte sie im Deutschen Bundestag, im Bayerischen Landtag und in einer Kanzlei mit urheberrechtlichem Fokus. Im September 2026 wird Kerry Hoppe auf der VDI-Konferenz "Autonome Systeme in der Verteidigung" als Speakerin anzutreffen sein.

Zurück zum Anfang der Seite springen