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Fahrzeugakustik im Wandel: Was neue Antriebe für Technik, Entwicklung und Wahrnehmung verändern

Mit der Elektrifizierung verändert sich die Fahrzeugakustik grundlegend. Dominante Geräusche des Verbrennungsmotors treten zurück, während bislang überdeckte oder neue Geräuschquellen stärker wahrnehmbar werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Entwicklung: Akustische Eigenschaften müssen früher berücksichtigt, virtuelle Methoden mit realen Messungen verbunden und Geräusche nicht nur technisch erfasst, sondern auch aus Sicht der menschlichen Wahrnehmung bewertet werden.

Was bedeutet dieser Wandel konkret für die NVH-Entwicklung? Drei Experten betrachten die Entwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven: Prof. Stefan Pischinger mit Blick auf Antriebsstrang und technische Zielkonflikte, Prof. Lutz Eckstein aus Sicht der Gesamtfahrzeugentwicklung und virtuellen Absicherung sowie Prof. Klaus Genuit mit Fokus auf Sound Quality und Psychoakustik.

Anlass für das Gespräch sind Themen, die auch das Aachen Acoustics Colloquium 2026 prägen. Das VDI Wissensforum unterstützt die Veranstaltung als Partner. 

Neue Geräuschquellen: Was verändert sich technisch?

Prof. Stefan Pischinger: Antriebsstrang und technische NVH-Herausforderungen

Mit der Elektrifizierung verschwinden viele der Geräusche, die wir klassisch mit dem Verbrennungsmotor verbinden. Welche Geräuschquellen rücken dadurch im Fahrzeug stärker in den Vordergrund und welche neuen Herausforderungen entstehen daraus für die NVH-Entwicklung?

Mit der Elektrifizierung werden Fahrzeuge akustisch transparenter. Geräuschquellen, die früher vom Verbrennungsmotor überdeckt wurden – etwa Pumpen, Lüfter, Klimakompressoren oder andere Nebenaggregate – treten stärker hervor. Gleichzeitig entstehen neue charakteristische Anteile durch den elektrischen Antriebsstrang, zum Beispiel elektromagnetisch angeregte Ordnungen der E-Maschine, Getriebeheulen oder hochfrequente Geräusche der Leistungselektronik. Hinzu kommen je nach Geschwindigkeit Reifen-Fahrbahn- und Windgeräusche, die das Gesamtklangbild maßgeblich prägen.

Für die Akustik-Entwicklung heißt das: Es sind deutlich mehr Einzelkomponenten akustisch zu optimieren – und jede davon muss im Kontext des Gesamtfahrzeugs bewertet werden. Maßgeblich ist dafür die Betrachtung von Anregung, Übertragungspfad und Wahrnehmung jeder einzelnen Quelle.
 

Elektrische Antriebe bringen unter anderem hochfrequente und tonale Geräuschanteile mit sich. Wo liegen heute die größten technischen Zielkonflikte zwischen Akustik, Effizienz, Gewicht, Bauraum und Kosten?

Bei elektrischen Antrieben ist Akustik heute eng mit Energieeffizienz verknüpft. Zusätzliche Masse, dickere Gehäusewände oder aufwendige Kapselungen können Geräusche reduzieren, stehen aber im direkten Widerspruch zu Leichtbau, Bauraum und Kosten. Ebenso können optimierte Verzahnungen und engere Toleranzen das Getriebeheulen mindern, erhöhen jedoch Fertigungsaufwand und Qualitätskosten. 

Besonders anspruchsvoll ist die Reduktion tonaler Anregungen der E-Maschine. Harmonic Current Injection ist hier ein wirksames Werkzeug, da sich durch gezielt eingespeiste Stromharmonische einzelne elektromagnetisch angeregte Ordnungen unmittelbar an der Quelle kompensieren lassen. Allerdings erzeugen zusätzliche Stromharmonische nicht nur akustische Effekte, sondern gegebenenfalls auch Verluste und thermische Belastungen und müssen sorgsam in die Regelungsstrategie des Antriebs integriert werden.

Die zentrale Frage lautet daher nicht: Wie wird der Antrieb maximal leise? Sondern: Welche akustische Verbesserung ist energetisch, thermisch und wirtschaftlich vertretbar?
 

Akustik früher mitdenken: Wie verändert sich der Entwicklungsprozess?

Prof. Lutz Eckstein: Gesamtfahrzeugentwicklung und virtuelle Absicherung

Wenn sich Geräuschquellen und akustische Zielgrößen verändern, muss die Akustik dann auch früher und stärker in die Gesamtfahrzeugentwicklung integriert werden? Wo stößt die klassische nachgelagerte NVH-Optimierung an ihre Grenzen?

Absolut. Klassische NVH-Entwicklung verursachte spät im Entwicklungsprozess nennenswerten Aufwand. Der Verbrennungsmotor maskierte zwar viele Geräusche, erzeugte umgekehrt unerwünschte Phänomene, die nachträglich noch durch Dämpfer und Schwingungstilger behoben wurden. 

Mit der Elektrifizierung verschieben sich die Geräuschquellen hin zu Elektromaschine, Leistungselektronik, Reifen-Fahrbahn-Kontakt und Aerodynamik. Phänomene sind breitbandiger und höherfrequenter, der Klangcharakter sowie die Wahrnehmung gewinnen neben dem reinen Schalldruckpegel an Bedeutung. 

Die Grenzen nachgelagerter Optimierung zeigen sich, wenn akustische Eigenschaften bereits durch Architekturentscheidungen wie die Fahrwerkanbindung an die Karosserie oder die Batterieintegration vorgezeichnet sind. Mängel im Gesamtkonzept lassen sich am Ende des Entwicklungsprozesses nur mit hohem Aufwand korrigieren. Akustik muss daher früh als Querschnittsdisziplin mit Struktur-, Fahrdynamik- und Antriebsentwicklung zusammengedacht werden.
 

Simulation, virtuelle Prototypen und hybride Methoden versprechen, akustische Entscheidungen deutlich früher zu ermöglichen. Welche Fragestellungen lassen sich heute bereits belastbar virtuell beantworten und wo bleiben reale Erprobung und Messung unverzichtbar?

Strukturvibrationen, kritische Übertragungspfade, die Wirkung von Karosserieänderungen sowie Material- und Dämpfungskonzepte lassen sich heute bereits früh virtuell bewerten, insbesondere im relativen Vergleich zwischen Varianten. Hybride Ansätze, die physikalische Modelle mit Messdaten, datengetriebenen Methoden oder digitalen Zwillingen kombinieren, steigern die Validität der Bewertung zusätzlich.

Die reale Erprobung bleibt dennoch unverzichtbar, vor allem für die Charakterisierung der Schnittstellen von Teilsystemen. Diese Teilsysteme werden virtuell meist getrennt modelliert, sodass akustisch entscheidende Schnittstellen einer hohen Aufmerksamkeit bedürfen. Isolierte Modelle bilden Einzeleffekte der Systeme präzise ab, erfassen aber nicht die Wechselwirkung im gekoppelten Gesamtsystem. 

Deshalb dient die reale Erprobung nicht als Ersatz, sondern als Referenz, um Modellkopplung, Randbedingungen und tatsächliche Übertragungspfade im Gesamtfahrzeug zu validieren und die virtuellen Methoden weiter zu verbessern.
 

Leise allein reicht nicht: Wie wird Fahrzeugakustik wahrgenommen?

Prof. Klaus Genuit: Sound Quality und Psychoakustik

Ein Fahrzeug kann physikalisch sehr leise sein und dennoch akustisch als unangenehm wahrgenommen werden. Welche Grenzen haben klassische Messgrößen bei der Bewertung moderner Fahrzeuge und welche Rolle muss die menschliche Wahrnehmung künftig spielen?

Je leiser ein Auto, desto mehr störende Geräusche können wahrgenommen werden. Klassische Messverfahren wie die Bestimmung des A-bewerteten Schalldruckpegels sind ungeeignet. Mit Hilfe der Psychoakustik können die Geräusche besser und differenzierter beschrieben werden. 

Wie angenehm ein Geräusch beurteilt wird, hängt allerdings vom Kontext und von der Erwartungshaltung der Zuhörenden ab. Das Klacken des Blinkers wird akzeptiert, das gleiche Klacken bei einer Lüftung oder einem Scheibenwischer wird beanstandet. Von daher hat sich der DIN ISO 12913 „Soundscape“-Standard etabliert, der bei der Beurteilung der Akustik die abhörende Person mitberücksichtigt sowie binaurale Messtechnik normativ vorschreibt und psychoakustische Analysen empfiehlt.
 

Wenn Fahrzeugklang zunehmend gezielt gestaltet werden kann: Was macht aus Ihrer Sicht eine gute akustische Charakteristik aus und wo verläuft die Grenze zwischen sinnvoller Soundgestaltung und dem bloßen Überdecken unerwünschter Geräusche?

Der Sound muss zum Produkt und der Erwartungshaltung des Kunden passen. Zumindest beim KFZ-Innengeräusch besteht die Option einer individuellen Klanggestaltung. Die aktive Gestaltung des Fahrzeugklanges sollte so geschickt entwickelt werden, dass er als natürlich, zum Produkt passend empfunden wird und eventuell vorhandene Störgeräusche -vor allem tonale Komponenten des E-Antriebes und der Elektronik- maskiert. 

Die Soundentwicklung unterliegt dem Zeitgeist. Heute wünschen sich noch viele Personen einen Sound, der Erinnerungen an den Verbrennungsmotor hervorruft. Die nächste Generation kennt diese Geräusche nicht mehr und genießt vielmehr die leise, kraftvolle Beschleunigung ohne Zusatzklänge.

Redaktioneller Hinweis: Das VDI Wissensforum unterstützt das Aachen Acoustics Colloquium 2026 als Partner. Die Veranstaltung findet vom 23. bis 25. November 2026 in Aachen statt. Antriebsakustik, virtuelle Entwicklung, Messtechnik sowie Sound Quality und Psychoakustik gehören zu den Themen des diesjährigen Fachprogramms.

Über die Autoren:

Prof. Stefan Pischinger

Professor Stefan Pischinger beendete 1985 sein Maschinenbau-Studium an der RWTH Aachen University. Im Anschluss arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent am Sloan Automotive Laboratory, M.I.T., und promovierte dort 1989. Von 1989 bis 1997 arbeitete Professor Pischinger sowohl im Diesel- als auch im Ottomotorbereich bei Daimler-Benz. Seit 1997 ist er Direktor des Institutes für Thermodynamik und Leiter des heutigen Lehrstuhls für Thermodynamik mobiler Energiewandlungssysteme der RWTH Aachen University. Gleichzeitig wurde Professor Pischinger 1997 in die Geschäftsführung der FEV in Aachen berufen und war in der Zeit von 2003 bis Juni 2023 Vorsitzender der Geschäftsführung.

Seit Juli 2023 bekleidet er dort die Position des Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung. Professor Pischinger ist seit 2010 Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein

Präsident des VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. Lutz Eckstein wurde 1969 in Grünstadt, Rheinland-Pfalz, geboren. Er studierte Maschinenbau an der Universität in Stuttgart und erlangte 1995 sein Diplom zum Ingenieur mit den Schwerpunkten Kraftfahrzeuge und Verbrennungsmotoren. Für seine hervorragenden Leistungen im Studium wurde er 1995 mit dem Artur-Fischer-Preis ausgezeichnet. Lutz Eckstein promovierte im Jahr 2000 auf dem Gebiet der Fahrzeugführung und -regelung an der Fakultät für Maschinenwesen der Universität Stuttgart. Seit Oktober 2009 ist er Professor an der RWTH Aachen und leitet den Lehrstuhl für Kraftfahrzeuge an der Fakultät für Maschinenwesen. Darüber hinaus ist Lutz Eckstein seit 2012 Mitglied in deren Fakultätsrat.

Prof. Dr.-Ing. Klaus Genuit

Prof. Dr.-Ing. Klaus Genuit ist Gründer der HEAD acoustics GmbH und Vorstandsvorsitzender der HEAD-Genuit-Stiftung. Nach seiner Promotion am Institut für Elektrische Nachrichtentechnik der RWTH Aachen im Jahr 1984 gründete er 1986 HEAD acoustics. Das Unternehmen beschäftigt heute weltweit mehr als 450 Mitarbeitende und verfügt über Tochtergesellschaften in Europa, Asien und den USA.

Seit 1997 lehrt Genuit Psychoakustik an der RWTH Aachen, die ihn 2008 zum Honorarprofessor ernannte. Im selben Jahr gründete er die HEAD-Genuit-Stiftung. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit bildet die nationale und internationale Normung: Unter anderem leitete er das Projekt zur ISO 532-1 zur Berechnung der Lautheit und wirkte an Normen zu Soundscape, Schärfe und Rauigkeit mit.

Für seine wissenschaftlichen und technischen Leistungen erhielt Genuit zahlreiche Ehrungen, darunter 2016 die Rudolf-Martin-Ehrenurkunde des VDI sowie 2025 die Helmholtz-Medaille der DEGA und die Békésy-György-Medaille der OPAKFI.

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