Die Anforderungen an die Abwasser- und Klärschlammbehandlung steigen: Die Kommunale Abwasserrichtlinie (KARL), die Phosphor-Rückgewinnung ab 2029 und neue Anforderungen an Gewässer- und Ressourcenschutz stellen Betreibende und Kommunen vor große Aufgaben.
Im Interview sprechen Dr. Daniel Frank und Prof. Dr. Ing. Markus Grömping über den aktuellen Stand der technischen Umsetzung, notwendige Rahmenbedingungen und Zukunftsthemen wie Mikroschadstoffelimination, Wasserwiederverwendung und die stärkere Vernetzung von Kanal, Kläranlage und Gewässermanagement. Dabei wird deutlich: Deutschland ist technologisch gut aufgestellt – doch bei Umsetzungsgeschwindigkeit und Infrastruktur besteht weiterhin Handlungsbedarf.
Wie sehen Sie deutsche Kläranlagen aufgestellt, wenn es um die Aufgaben der KARL geht?
Markus Grömping: „Die Anforderungen, die sich aus der Kommunalen Abwasserrichtlinie ergeben, sind vielfältig. Im Hinblick auf die Mikroschadstoffelimination sind die Bundesländer NRW und BW in den letzten Jahren bereits aktiv gewesen und haben wertvolle Pionierarbeit geleistet. Es gilt jetzt, die bewährten Technologien weiterzuentwickeln und in die Fläche zu übertragen. Die mit der Mikroschadstoffelimination gedachte erweiterte Verantwortung, die herstellende Unternehmen z.B. von Arzneimitteln dazu motivieren soll, Medikamente ohne Mikroschadstoffe zu entwickeln, um die Kosten für die Mikroschadstoffelimination nicht tragen zu müssen, halte ich mittelfristig für unrealistisch. Die Kosten werden dann sicher über die Medikamente an die Patient*innen weitergegeben. Als Hochschule sind wir aber natürlich auch immer daran interessiert, neue Verfahren zu entwickeln. So laufen an der FH Aachen in meiner Forschungsgruppe nun nach erfolgreichen Labortests Untersuchungen, ob die Mikroschadstoffelimination nicht auch mit speziellen Algen in Monokultur mit deutlich weniger Betriebsmittelaufwand technisch machbar ist. Im Hinblick auf die sogenannte Drittreinigung (weitergehende Nährstoffelimination) sind die deutschen Kläranlagen aus meiner Sicht sehr gut aufgestellt. Hier stellt sich aus meiner Sicht eher die Frage der Überwachung. Wird weiter an qualifizierten Stichproben / 2-h-Mischproben festgehalten oder passt Deutschland sich an die in anderen europäischen Ländern praktizierte Mittelwertbetrachtung an?“
Thema Phosphor-Rückgewinnung: Sind wir bis 2029 auf dem richtigen Weg?
Daniel Frank: „Deutschland hat sich mit der Pflicht zur Phosphor-Rückgewinnung ab 2029 ein klares Ziel gesetzt und arbeitet auch daran, dieses umzusetzen. Erste Anlagen und Projekte zeigen, dass die notwendigen Technologien vorhanden sind, auch wenn das immer wieder bezweifelt wird. Allerdings verläuft der Ausbau der Infrastruktur bislang zu langsam, Investitionen werden nur zum Teil in die notwendige Infrastruktur gesteckt, was zusätzliche wirtschaftliche und organisatorische Unsicherheiten verursacht. Insgesamt ist Deutschland also auf dem richtigen Weg, wird das Ziel bis 2029 aber nicht vollständig erreichen – eine Übergangslösung muss geschaffen werden.“
Was sind drängende Themen der Zukunft in der Abwasserbehandlung?
Markus Grömping: „Ich denke, wir haben in Deutschland bereits ein sehr hohes Niveau bei der Abwasserbehandlung erreicht. In den siebziger Jahren bin ich im Uerdingen Rheinhafen beim Rudern das eine oder andere Mal gekentert. Im Vergleich dazu hat sich die Wasserqualität deutlich verbessert. Drängende Themen gibt es also aus meiner Sicht nicht. Allerdings gibt es noch Potenziale, die angegangen werden sollten. Insbesondere die Wiederverwendung von Abwasser in der Industrie ist solch ein Potenzial, das von Deutschland aus auch gut international weitergetragen werden kann. Die Wiederverwendung von gereinigtem kommunalem Abwasser und insgesamt der Umgang mit Wasser in Wohnquartieren ist ein weiteres Thema, das aus meiner Sicht auch vor dem Hintergrund des Klimawandels immer relevanter wird. Die Schließung von Wasserkreisläufen mit Versickerung vor Ort und die Verwendung von aufgereinigtem Abwasser zur Bewässerung von Stadtgrün sind Beispiele hierfür.“
Woran hakt die technische Implementierung der P-RW ?
Daniel Frank: „Es hakt eher an den Rahmenbedingungen, als daran, die technischen Ansätze großtechnisch umzusetzen: Gesetze verhindern zum Teil den Einsatz der Rezyklate im Dünge- und Futtermittelbereich, die kommunale Abwasserrahmenrichtlinie setzt weitere Anforderungen an Kläranlagen und eine abwartende Grundhaltung führt in Einzelfällen dazu, dass es nicht vorangeht. Zusätzlich macht sich ein wenig Missmut breit, wenn gefühlt nirgends wirkliche Fortschritte erzielt werden und man sich auf Konferenzen trifft, nur um doch nichts Neues zu hören. Deswegen versuchen wir gemeinsam mit dem VDI, immer einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und anhand konkreter Beispiele zu zeigen: Es dauert zwar, aber es geht voran.“
Sehen Sie deutsche Kläranlagen vernünftig aufgestellt für die Zukunft?
Daniel Frank, Markus Grömping: „Die Kläranlagen an sich werden in den nächsten Jahren nach Umsetzung der KARL und Anpassung der Regelungen für industrielle Kläranlagen sehr gut aufgestellt sein. Wichtig wird dann die intensivere Einbindung der Kläranlagen in wasserwirtschaftliche Gesamtkonzepte, eine Abstimmung von Kanal, Kläranlagen und Gewässer. Historisch werden Kanal, Kläranlage und Gewässer häufig von unterschiedlichen Abteilungen geplant und betrieben. Die intensive gemeinsame Optimierung im Sinne des Gewässerschutzes darf hierdurch nicht zu kurz kommen.“

