KI eröffnet auch in der Anlagensicherheit und im Arbeitsschutz neue Möglichkeiten. Doch technische Möglichkeiten allein reichen nicht. Damit daraus belastbare Anwendungen entstehen, müssen KI-Kompetenz und fachliche Expertise zusammenspielen.
Bernhard Labestin bringt die Perspektive aus den Bereichen EHS und Arbeitsschutz ein, Sven von Werner die Erfahrung aus der Entwicklung und Implementierung von KI-Anwendungen. Im Gespräch zeigen beide, wo KI heute sinnvoll unterstützen kann, welche Leitplanken es braucht und wie sich KI mit menschlicher Expertise verbinden lässt.
Frage 1: Welche KI-Anwendungen lassen sich heute bereits sinnvoll im Arbeitsschutz und in der Anlagensicherheit einsetzen
Bernhard Labestin: Mehr, als viele denken. KI kann heute schon Gefährdungsbeurteilungen vorstrukturieren, Entwürfe für Betriebsanweisungen und Unterweisungen vorbereiten, Audits sortieren, Begehungsfeststellungen clustern, Maßnahmenlisten ordnen und Regelwerke schneller vergleichbar machen. Das spart Zeit und bringt Struktur in Routinetätigkeiten. Man muss nur sauber trennen: KI hilft bei der Vorbereitung, Struktur und Formulierung. Die fachliche Bewertung bleibt beim Menschen. Wer das verwechselt, hat vielleicht schnell einen Text, aber noch keine belastbare sicherheitstechnische Aussage.
Frage 2: Was ist im Moment das größere Risiko: zu wenig KI oder falsch eingesetzte KI?
Bernhard Labestin: Zurzeit ist falsch eingesetzte KI meist das größere Risiko. Wer KI gar nicht nutzt, verschenkt Effizienz. Wer sie unkontrolliert nutzt, produziert unter Umständen schnell formulierten Unsinn mit professioneller Oberfläche. Das Problem ist nicht, dass KI da ist. Das Problem ist, dass viele Plausibilität mit Fachlichkeit verwechseln. Im Arbeitsschutz reicht es nicht, dass etwas ordentlich klingt. Es muss fachlich stimmen, nachvollziehbar sein und im Zweifel auch einer Prüfung standhalten. KI liefert Vorschläge, Muster und Wahrscheinlichkeiten. Verantwortung und Bewertung bleiben trotzdem bei uns.
Sven von Werner: Ein Teil dieses Risikos lässt sich bereits bei der Gestaltung eines KI-Assistenten reduzieren. Es muss zum Beispiel klar sein, auf welcher Informationsgrundlage er arbeitet, welche Grenzen gelten und wie er mit Unsicherheit umgeht. Im Zweifel sollte er nachfragen, statt unbedingt eine Antwort zu produzieren. Wie bei Menschen schafft es für mich eher Vertrauen, wenn auch der KI-Assistent sagen kann: „Das weiß ich nicht sicher.“
Frage 3: Warum scheitern so viele KI-Anwendungen nicht an der Technik, sondern schon an der Fragestellung?
Sven von Werner: Weil die Antworten auf die richtigen Fragen Stoßrichtung und Leitplanken vorgeben. Was möchte ich mit der KI erreichen? Welches Problem soll sie lösen – und woran erkennen wir ihren Mehrwert? Dann schaue ich auf die aktuelle Situation und den bestehenden Prozess.
Wenn mir jemand sagt: „Der Prozess läuft gut“, frage ich gerne nach: „Woran machen Sie das fest?“ Erst wenn wir wissen, was heute funktioniert und was besser werden soll – etwa Bearbeitungszeit, Qualität oder Entscheidungsgeschwindigkeit –, lässt sich der KI-Einsatz sinnvoll gestalten. Eine gute KI-Anwendung beginnt nicht mit dem Prompt, sondern immer mit dieser Vorarbeit.
Frage 4: Warum reicht es nicht, bestehende Prozesse einfach mit KI zu digitalisieren?
Sven von Werner: Ein bestehender Prozess ist nicht automatisch ein guter Prozess. Und was dokumentiert wurde, entspricht nicht immer dem, was in der Praxis tatsächlich passiert. Deshalb schaue ich auf den aktuellen Ablauf und spreche mit den Menschen, die täglich damit arbeiten. Sie kennen Ausnahmen und Gründe, die auf dem Papier oft nicht sichtbar sind.
Erst dann stellt sich die Frage: Wo bringt KI tatsächlich einen Mehrwert? Was kann sie übernehmen – und wo braucht es weiterhin menschliche Expertise und Erfahrung? Nur weil sich etwas automatisieren lässt, müssen wir es nicht automatisieren. Das Ziel ist nicht maximale Automatisierung, sondern der bestmögliche Prozess.
Frage 5: Wie nimmt man Mitarbeitende bei der Einführung von KI mit?
Sven von Werner: Für mich beginnt das, bevor die Lösung feststeht. Die Menschen, die später damit arbeiten, sollten früh einbezogen werden. Sie kennen die tatsächlichen Abläufe und bringen Erfahrung und Fachwissen mit. Ihre Expertise macht die Lösung besser.
Gleichzeitig sollten wir gemeinsam eine neue Perspektive auf die eigene Arbeit entwickeln. KI soll die Rolle des Menschen nicht schwächen, sondern stärken. Dafür braucht es Vertrauen, Zutrauen, Rückendeckung und die Möglichkeit, neue Kompetenzen aufzubauen.
Im besten Fall übernimmt KI Routineaufgaben und schafft mehr Raum für menschliche Erfahrung, Beurteilung und Verantwortung.
Persönliche Tipps:
Bernhard Labestin: Ich würde KI im Arbeitsschutz immer noch einmal fachlich gegenprüfen. Sie kann heute sehr überzeugend formulieren, auch wenn sie fachlich schiefliegt. Für mich ist das ein bisschen wie der Satz: „Rechts ist frei.“ Klingt erst einmal beruhigend. Muss aber nicht stimmen. Und im Arbeitsschutz verlässt man sich besser nicht auf Sätze, die nur gut klingen.
Sven von Werner: Beginnen Sie nicht mit der KI, sondern mit dem Ziel und den tatsächlichen Abläufen. Was soll besser werden? Wie wird heute gearbeitet – und woran machen Sie fest, dass es gut funktioniert? Erst daraus lässt sich ableiten, wo KI einen echten Mehrwert schafft und wo menschliche Erfahrung und Expertise gefragt bleiben.
KI kann unterstützen und vorbereiten. Wo fachliche Bewertung und Verantwortung gefragt sind, muss der Mensch die entscheidende Instanz bleiben.
Vom Gespräch in die Praxis
Die Fragen zeigen: KI sinnvoll in Anlagensicherheit und Arbeitsschutz einzusetzen, beginnt nicht mit der Technik allein. Es braucht fachliche Expertise, klare Ziele, ein Verständnis der tatsächlichen Abläufe und die bewusste Entscheidung, wo KI unterstützen kann und wo der Mensch gefragt bleibt.