Wenn Technik, Familie und innere Stärke aufeinandertreffen – ein Impuls für unseren Alltag
Als Ingenieur*in lösen wir in unserem beruflichen Alltag täglich komplexe technische Probleme, denken in Systemen, kalkulieren Risiken und optimieren Prozesse. Und „ganz nebenbei“ gilt es dann ja auch noch das Spannungsfeld Beruf und Familie zu gestalten. An unsere Belastungsgrenzen kommen wir immer dann – oft bewusst, manchmal auch unbewusst – wenn wir das Ende unserer Ressourcen ansteuern. Warum? Weil genau hier der Kipp-Punkt von positivem motivierendem Stress zu negativem destruktivem Stress lauert. Und das lässt sich mit keiner Norm und keinem Lastenheft beschreiben. Was wir brauchen, um gut durch ein spannendes und erfüllendes, aber eben auch oftmals kräftezehrendes Berufs- und Privatleben zu kommen, ist eine starke innere Widerstandskraft – Resilienz!
Aber was ist eigentlich Resilienz?
Resilienz wird oft missverstanden. Sie ist nicht das stoische Durchhalten unter jedem Druck. Sie ist auch keine Eigenschaft, die wir entweder haben oder eben nicht. Resilienz ist eine erlernbare Kompetenz! Die Forschung beschreibt sieben zentrale Resilienzfaktoren: Akzeptanz, Optimismus, Lösungsorientierung, Selbstwirksamkeit, Verantwortungsübernahme, Netzwerkorientierung und Zukunftsplanung. Diese Faktoren wirken nicht isoliert – sie verstärken sich gegenseitig. Wenn wir lernen, das Unveränderliche anzunehmen (Akzeptanz), schaffen wir Raum für echte Lösungsorientierung. Durch den Aufbau und die Pflege eines verlässlichen sozialen Netzwerks stärken wir gleichzeitig unsere emotionale Stabilität in Krisenzeiten.
Resilienz ist trainierbar wie eine technische Fertigkeit – aber woher weiß man das?
Der Begriff Resilienz entstammt keinem Wellness-Diskurs, sondern hat wissenschaftliche Wurzeln, die bis in die 1950er-Jahre zurückreichen. Die Grundlage legte die sogenannte „Kauai-Studie“ von Emmy Werner und Ruth Smith. Darin wurden rund 700 Kinder aus sozial schwierigsten Bedingungen bis ins Erwachsenenalter über 40 Jahre unter entwicklungspsychologischen Aspekten beobachtet. Trotz widriger Verhältnisse entwickelten sich etwa ein Drittel dieser Kinder zu stabilen, kompetenten und sozial integrierten Erwachsenen. Die Forscher nannten diese psychische Widerstandsfähigkeit Resilienz – nicht als Glücksfall, sondern als erlernbare Antwort auf Belastung.
Was Werner und Smith für Kindheit und Entwicklung beschrieben, gilt in verblüffend ähnlicher Weise für den beruflichen Alltag von Erwachsenen – auch und gerade für uns als Ingenieurinnen und Ingenieure. Die Frage ist nicht, ob wir Stress und Druck erleben. Die Frage ist, was uns befähigt, daran zu wachsen statt zu zerbrechen.
Die Entstehung von Stress – und die Kraft der ResilienzTermindruck, knappe Ressourcen, technische Fehler kurz vor der Abnahme – das sind keine Ausnahmen in unserem Ingenieuralltag, das ist das Tagesgeschäft. Hinzu kommt für viele von uns eine zweite Schicht: Wer abends noch schnell die Tochter abholt, das kranke Kind pflegt oder die Weiterbildung auf den Feierabend verschiebt, weiß, dass die Erschöpfung nicht an der Haustür haltmacht. Beruf und Familie fügen sich nicht selbstverständlich zusammen – sie konkurrieren um unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und unsere emotionale Kapazität.
Doch warum empfinden wir dieselbe Situation mal als lästige Herausforderung und mal als kaum erträglichen Druck? Eine Antwort liefert das ABC-Modell des amerikanischen Psychologen Albert Ellis: Nicht der äußere Reiz selbst (A – Activating Event) macht uns Stress, sondern unsere Bewertung dieses Reizes (B – Belief), die erst unsere individuelle emotionale und körperliche Reaktion auslöst (C – Consequence).
Ein Umweltreiz wird also erst durch unsere innere Bewertung – beeinflusst durch unsere Lebenserfahrung – zum Stressor. Das ist eine schlichte, aber weitreichende Erkenntnis – denn was wir bewerten, können wir auch anders bewerten lernen. Genau hier setzt Resilienztraining an.
Die Resilienzfaktoren als Schutzfaktoren im Spannungsfeld von Beruf und Familie
Ein Befund aus der psychologischen Forschung verdient besondere Aufmerksamkeit: Eine der wichtigsten Ressourcen im Umgang mit Stress ist die Qualität der engsten sozialen Beziehungen – unser Netzwerk. Die Partnerschaft ist gleichzeitig die Beziehung, die unter beruflicher Erschöpfung am stärksten leidet – und der stärkste Resilienzfaktor, wenn sie intakt ist. Netzwerkorientierung beginnt also nicht beim Fachkollegentreffen oder dem VDI-Stammtisch, sondern zuhause. Das ist eine Erkenntnis, die in unserem Ingenieuralltag kaum explizit erwähnt wird – und stärkt dabei etwas, das wir im Berufsalltag selten benennen: unseren Selbstwert.
Wenn Situationen sich der eigenen Kontrolle entziehen – Lieferketten geraten ins Stocken, das Management gibt unrealistische Zeitpläne vor oder die Kita schließt spontan – erleben wir dies besonders intensiv als Belastung. Plötzlich finden wir keinen Hebel mehr, was uns als lösungsorientierte Menschen oftmals ganz besonders trifft. Es klingt fast trivial, aber Akzeptanz ist hier der erste Schritt zum Stressabbau in Akutsituationen.
Dann hören wir auf mit schwierigen Situationen zu hadern, und haben wieder Kopf und Hände frei. Wir holen uns die Kontrolle zurück! Jetzt können wir unseren vielleicht größten Trumpf ausspielen: Unsere Lösungsorientierung.
Wenn es uns dann noch gelingt, mit Optimismus nach vorne zu schauen, ist schon viel Druck abgebaut. Damit ist übrigens nicht die rosarote Brille, sondern der Blick auf das Ganze mit Fokus auf das, was geht, gemeint.
Neben den alltäglichen Herausforderungen im Kontext von Beruf und Familie erleben wir übergeordnet eine sich immer schneller wandelnde Umwelt – und das ganz besonders in unserem technologiegetriebenen Berufsbild. Eine nachhaltige und wertebasierte Zukunftsorientierung gibt uns Sinn, Halt und Orientierung für unseren Blick nach vorne.
Doch der Blick nach vorne braucht auch einen stabilen Anker im Rückblick. Und dieser kann etwas stärken, das uns hilft, neuen Aufgaben zuversichtlich zu begegnen: Unsere Selbstwirksamkeitserwartung. Damit ist unsere eigene Erwartung gemeint, auch neue Herausforderungen selbstwirksam bewältigen zu können. Und was hat das mit der Vergangenheit zu tun? Auch wenn jedes Projekt etwas anders war und jede Neukonstruktion ihre Tücken hatte, ist daran immer etwas gereift: unsere Erfahrung! Und wenn wir es schon einmal geschafft haben, dann spricht viel dafür, dass wir es diesmal wieder schaffen werden.
Der siebte Resilienzfaktor, die Verantwortung, wird oft missverstanden: Es geht hier nicht um die Fürsorgepflicht für die Familie oder unsere Mitarbeiter, die wir wie selbstverständlich wahrnehmen. Es geht auch nicht um die Einhaltung von Deadlines, Budgets und technischen Regeln. Es geht um unsere Selbstfürsorge, und dafür fehlt uns oft das Verständnis. Eine vielleicht hilfreiche kleine Metapher: Wenn wir im Flugzeug sitzen und uns wird erklärt, dass wir im Falle eines Druckabfalls in der Kabine zuerst uns selbst die Atemmaske aufsetzen sollen, damit wir anderen helfen können, die dies allein nicht schaffen, verstehen wir das sofort. Verantwortung im Sinne von Resilienz heißt also Selbstfürsorge!
Resilienz ist kein Ziel, das wir irgendwann erreichen und dann auf einer Checkliste abhaken. Sie ist auch kein „Nice to Have“. Resilienz ist ein Prozess – so wie gute Ingenieurarbeit auch nie wirklich „fertig" ist, sondern sich durch Erfahrung, Reflexion und Iteration immer weiter verfeinert.
Was wir in unseren Seminaren gemeinsam tun, ist genau das: Nicht Patentrezepte verteilen, sondern unsere persönliche Resilienz verstehen, gezielt stärken und nachhaltig in unseren Alltag integrieren – beruflich wie privat.
Wir freuen uns darauf, diesen Weg gemeinsam mit Ihnen zu gehen.
