Wie verändert KI unsere Arbeitswelt? Teile deine Erfahrung zur Workforce Transformation und gewinne eines von fünf Web-Based Trainings.

Vom Datensilo zum digitalen Zwilling

Abbildung 1: FZI Forschungszentrum Informatik

Wie das Projekt AMAZING die Generierung von Netzmodellen automatisiert

Die Energiewende stellt Verteilnetzbetreiber vor eine zentrale Herausforderung: Immer mehr Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Ladeeinrichtungen verändern Erzeugung und Verbrauch in den Niederspannungsnetzen. Um Netzanschlüsse zuverlässig zu bewerten und den Ausbau vorausschauend zu planen, benötigen Netzbetreiber aktuelle und rechenbare Modelle ihrer Netze. Das Forschungsprojekt AMAZING zeigt, wie sich Daten aus unterschiedlichen Bestandssystemen zusammenführen und für die automatisierte Erstellung rechenbarer Netzmodelle nutzen lassen.
 

Die Energiewende als Herausforderung für Verteilnetze

Das Energiesystem in Deutschland befindet sich in einem grundlegenden Umbau. Strom wird zunehmend dezentral erzeugt und direkt in die Verteilnetze eingespeist. Dort entstehen immer mehr dezentrale Erzeugungsanlagen, insbesondere Photovoltaikanlagen. Gleichzeitig schreitet die Elektrifizierung weiterer Sektoren voran: Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen erhöhen den Strombedarf in privaten Haushalten, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen.

Dadurch wird die Niederspannungsebene, die historisch vor allem für passive Verbraucher ausgelegt war, zunehmend zu einem aktiven Teil des Energiesystems. Die Bundesnetzagentur macht deutlich, dass der Ausbau erneuerbarer Erzeugungsanlagen sowie der erwartete Zuwachs bei Elektromobilität und elektrischer Wärmeversorgung die Bedeutung der Verteilnetze für den Netzausbau und die Systemstabilität erhöhen.

Für Verteilnetzbetreiber bedeutet diese Entwicklung eine erhebliche Veränderung ihrer Aufgaben. In vielen Ortsnetzen werden heute Anlagen angeschlossen, auf deren gleichzeitigen Betrieb die Netze ursprünglich nicht ausgelegt waren. Überschüssiger Strom aus Photovoltaikanlagen wird beispielsweise in das Netz eingespeist, während Wärmepumpen und Ladeeinrichtungen zusätzliche Leistung beziehen.

Entscheidend sind dabei nicht nur die Anzahl und die Leistung der neuen Anlagen, sondern auch ihre Erzeugungs- und Verbrauchsprofile im Tagesverlauf. Werden viele Elektrofahrzeuge gleichzeitig geladen oder Wärmepumpen betrieben, können lokale Lastspitzen entstehen. Viele Niederspannungsnetze sind auf den schnellen Zubau und den zeitgleichen Betrieb solcher Anlagen bislang nicht ausgelegt.
 

Digitalisierung als Lösung

Für Netzbetreiber wird ein präziseres Bild des tatsächlichen Netzzustands zur Voraussetzung dafür, Anschlussbegehren, Netzplanung und Betrieb zuverlässig aufeinander abstimmen zu können. Digitale Werkzeuge können dabei unterstützen, die steigende Komplexität beherrschbar zu machen. 

Ein wichtiger Anwendungsfall ist die digitale Abwicklung von Netzanschlussbegehren: Statt jedes Vorhaben vollständig manuell zu bewerten, können digitale Zwillinge helfen, Anschlussmöglichkeiten schneller und konsistenter zu prüfen. In der Zielnetzplanung lassen sich mit digitalen Zwillingen verschiedene Ausbau- und Betriebsvarianten vergleichen, und zwar bevor Investitionen ausgelöst werden. 

Auch der Einsatz steuerbarer Verbrauchseinrichtungen gewinnt an Bedeutung. Er ist besonders wirksam, wenn Netzbetreiber nicht nur pauschal steuern, sondern den aktuellen und erwarteten Netzzustand berücksichtigen können. Dafür sind Netzzustandsschätzung, Messdatenintegration und Prognosen des zukünftigen Netzzustands zentrale Bausteine. 

All diese Anwendungsfälle setzen allerdings voraus, dass ein korrektes, rechenbares Modell des betrachteten Netzes vorliegt. Für viele, insbesondere kleinere Verteilnetzbetreiber, ist das allerdings derzeit nicht der Fall. 
 

Das Projekt AMAZING

Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Projekt AMAZING verfolgt das Ziel, rechenbare Netzmodelle künftig kosteneffizienter bereitzustellen. Die notwendigen Daten sollen dabei mit hohem Automatisierungsgrad aus heterogenen Datenquellen gewonnen werden. 

Ein wesentlicher Baustein ist dabei die zentrale Datendrehscheibe EDDIE, die im Projekt von der Fichtner IT Consulting GmbH entwickelt und betrieben wird und die flexible Anbindung bestehender Datenquellen ermöglicht. Dazu zählen Geoinformationssysteme (GIS), Enterprise-Resource-Planning-Systeme (ERP), intelligente Messsysteme (iMSys) sowie Messtechnik aus dem Netzbetrieb. Darüber hinaus stellt EDDIE Funktionen für Prozessautomatisierung, Datenverarbeitung und Systemintegration bereit und dient damit als zentrale Orchestrierungsinstanz.

Aus den zentral bereitgestellten Daten werden durch innovative Algorithmen, welche vom 

Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem FZI Forschungszentrum Informatik entwickelt werden, hoch automatisiert rechenbare Netzmodelle erzeugt. Dies geschieht täglich auf Basis des jeweilig letzten Datenstandes. Ein wesentliches Novum ist dabei die modulare Softwarearchitektur: Sie erlaubt es, die Verfahren effizient an die Datenkonvention anderer Verteilnetzbetreiber anzupassen.

Die erzeugten rechenbaren Netzmodelle können anschließend exportiert und in gängigen Netzplanungs- und Betriebssoftwarelösungen verwendet werden. In AMAZING wird dies mit der von der retoflow GmbH bereitgestellten etablierten Netzplanungssoftware für verschiedene Anwendungsfälle demonstriert. Die nachfolgende Grafik verdeutlicht das beschriebene Zusammenspiel.

Das Projekt AMAZING beschränkt sich nicht auf die reine Erzeugung von Netzmodellen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Kalibrierung derselben. Dazu werden Informationen aus GIS- und ERP-Systemen mit Messwerten aus dem realen Netz verknüpft. So kann geprüft werden, ob das berechnete Modell das tatsächliche Netzverhalten hinreichend genau abbildet und an welchen Stellen Abweichungen bestehen. 

Diese Rückkopplung ist für die Praxis besonders wertvoll, da Fehler häufig durch unvollständige, veraltete oder widersprüchliche Daten in den Bestandssystemen verursacht werden. Deshalb wird im Projekt auch ein Softwarewerkzeug entwickelt, mit dem logische Fehler, die bei der Modellerzeugung und Kalibrierung erkannt werden, auf ihre Ursachen in den Quellsystemen zurückgeführt werden können. Verteilnetzbetreiber erhalten dadurch einen systematischen Ansatz, um ihre Datenqualität kontinuierlich zu verbessern und perspektivisch auch die Qualität der rechenbaren Netzmodelle zu optimieren.

Das AMAZING-Konsortium vereint Praxisnähe, Forschungskompetenz und Softwareentwicklung. Die fünf beteiligten Verteilnetzbetreiber wurden bewusst so ausgewählt, dass sie die unterschiedlichen Daten- und Systemlandschaften kleinerer und mittlerer Netzbetreiber in Deutschland abbilden.

Die Stadtwerke Karlsruhe Netze, die Stadtwerke Heidelberg Netze und die Stadtwerke Bühl bringen die Anforderungen und Perspektiven urbaner Netzbetreiber ein. Die Albwerke und die ÜZ Mainfranken vertreten die Perspektive von Netzbetreibern im ländlichen Raum.

Darüber hinaus stellen die beteiligten Netzbetreiber neben Daten aus GIS- und ERP-Systemen sowie Messdaten auch ihre praktische Expertise für die Erprobung der im Projekt entwickelten Werkzeuge bereit.
 

Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Projekt, zu aktuellen Aktivitäten und zu den beteiligten Partnern finden Interessierte auf der AMAZING-Projektwebsite (https://amazing-projekt.de/). Dort besteht auch die Möglichkeit, sich für den AMAZING-Newsletter anzumelden, um laufend über Projektfortschritte, Veranstaltungen und Ergebnisse informiert zu werden. Darüber hinaus wird AMAZING im Rahmen eines Fachvortrags auf der VDI-Konferenz „KI in der Energiewirtschaft“ am 14. Oktober 2026 in Heidelberg vorgestellt. Der Vortrag bietet die Gelegenheit, die methodischen Grundlagen, erste Erfahrungen aus der praktischen Umsetzung und die Relevanz für Verteilnetzbetreiber im direkten fachlichen Austausch zu diskutieren.

FAQs

Was ist das Ziel des Projekts AMAZING?

AMAZING entwickelt Verfahren, mit denen rechenbare Netzmodelle automatisiert aus bestehenden Datenquellen erzeugt werden können. Ziel ist es, den bislang hohen manuellen Aufwand bei der Modellierung deutlich zu reduzieren und Verteilnetzbetreibern aktuelle, konsistente Netzmodelle für Planung, Betrieb und Analyse bereitzustellen. Gleichzeitig trägt das Projekt dazu bei, die Datenqualität in den Bestandssystemen nachhaltig zu verbessern.

Warum sind rechenbare Netzmodelle für Verteilnetzbetreiber wichtig?

Rechenbare Netzmodelle bilden die Grundlage für zahlreiche netztechnische Anwendungen – von der Netzplanung über Lastfluss- und Spannungsberechnungen bis hin zur Bewertung neuer Netzanschlüsse. Nur wenn das Modell den tatsächlichen Netzzustand realitätsnah abbildet, können Entscheidungen zu Netzausbau, Betrieb und Flexibilitätsmaßnahmen belastbar und effizient getroffen werden.

Welche Datenquellen werden im Projekt zusammengeführt?

AMAZING integriert Daten aus Geoinformationssystemen (GIS), Enterprise-Resource-Planning-Systemen (ERP), intelligente Messsystemen (iMSys) sowie Messtechnik aus dem Netzbetrieb der jeweiligen Verteilnetzbetreiber. In Kombination mit externe Datenquellen wie meteorologischen Messwerten oder statistische Daten des Gebäudebestands ermöglicht dies die Erzeugung und Kalibrierung von hochwertigen und exakten rechenbaren Netzmodellen. 

Welchen konkreten Nutzen bietet AMAZING für Netzbetreiber?

Die automatisierte Erstellung und kontinuierliche Aktualisierung von Netzmodellen schafft eine verlässliche Datengrundlage für Netzplanung und Netzbetrieb. Verteilnetzbetreiber können Netzanschlüsse schneller bewerten, Investitionen gezielter planen und den Ausbau erneuerbarer Energien, der Elektromobilität sowie steuerbarer Verbrauchseinrichtungen effizienter unterstützen. Langfristig bildet AMAZING damit die Grundlage für einen zukunftsfähigen und effizienten Betrieb der Verteilnetze.

Über den Autor:

David Wölfle

FZI Forschungszentrum

David Wölfle studierte Maschinenbau mit Schwerpunkt Windenergietechnik und schloss 2015 seinen Master of Science an der Hochschule Flensburg ab. Nach Stationen als Entwicklungsingenieur und Teamleiter bei der EWC Weather Consult GmbH (heute UBIMET GmbH) ist er seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am FZI Forschungszentrum Informatik im Bereich Smart Energy. Seine Forschungsschwerpunkte sind Energiemanagementsysteme, selbstlernende Optimierungsverfahren sowie skalierbare Softwarearchitekturen für Prognose- und Optimierungsverfahren.

Zurück zum Anfang der Seite springen